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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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wissend. Laẞ dich durch nichts aufhalten! Blicke nicht zurück! Laẞ nicht wertvolle Kalorien nutzlos verbrennen! Allenfalls darfst du dich einmal bücken nach einer Blume am Rande deines Weges- falls du sie gerade siehst- und sie dir dann ins Knopf­loch stecken.

12. Juli 1943

Gestern abend hielt ich meinen Vortrag. Der Barackenraum war überfüllt. Anschließend gab es eine Diskussion, und es be­rührte viele doch, daß ich an meine Hörerschaft auf Grini gerade für die Deutschen appellierte. Das heißt, es war ja eigentlich nicht ein Appell, es war mehr eine Frage im Hinblick auf die Lage nach dem Kriege, und nach den Forderungen, die dann an uns sich stellen würden.

Wer von uns meldet sich zur ersten Hilfsexpedition für das unglückliche, verführte deutsche Volk? Wer hat Mut, Kraft und Willen, dem Feind durch Stacheldraht hindurch die Hand zu reichen in Erkenntnis dessen, daß auch er ein Mensch ist, den die Welt benötigt?-

Einige waren allerdings entrüstet über eine solche Zumutung, und gerade das zeigt ja, wie notwendig es doch ist, jetzt schon damit anzufangen, diesen Fragen nachzudenken, ehe es zu spät

ist.

17. August 1943

Gestern abend sprach ich lange einen Deutschen . Er war verhaftet worden in Stavanger oder Saudasjöen wegen Sabo­tage. Er war kein Parteimitglied und war nur bereit gewesen, das zu tun, wozu er kommandiert war. Köln war seine Heimat. Er hatte eine Frau und einen siebenjährigen Sohn. Daß sein Haus und sein Besitz bei einem Luftangriff vernichtet wurden, wußte er. Doch nichts war ihm bekannt vom Schicksal seiner Frau und seines Sohnes.

Er sprach darüber, wie's in seiner Heimat stand, und machte gar kein Hehl daraus, daß er sich zu Tode schäme über das Benehmen seiner Landsleute hier oben. Er bat mich, nicht zu glauben, daß dies die wirklichen Repräsentanten seines

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