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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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winkel, wenn sie einen flüchtigen Blick auf den Dolmetscher wirft, der kalt und stramm auf seinem Stuhle sitzt.

Ja, böse sind die Menschen, meine Siri, und das Leben kann entsetzlich, so entsetzlich sein, und so schwer für jemanden begreifbar, der erst zehn Jahre alt ist. Darum hätte ich dir doch was Schönes schicken sollen etwas, das dir erzählen sollte, daß das Leben doch nicht so entsetzlich ist, daß die Menschen doch nicht ganz so böse sind. Daß es nur so aus­sieht weil die Welt und weil die Menschen krank sind.

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1. Juni 1943

.. Am schlimmsten aber ist doch der Gedanke an die Millionen trockener Augen, die ohne Hoffnung in die Zu­kunft starren. Augen, welche nicht mehr weinen können. Augen, denen keine Freude und auch keine Trauer mehr Glanz und Wärme geben tote, kalte, fühllose Augen, die so geworden sind, weil sie die unfaẞbare Roheit ihrer Nebenmenschen an­sehen mußten.

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Menschenherz, brenne nicht aus! Möchten Tränen in Strö­men fließen und das verzehrende Feuer löschen! Und in neuen Strömen aus des Menschenlebens warmen Quellen Nahrung geben jener Liebe, die unsere einzige Rettung ist.

2. Juni 1943

Ich sprach heute lange mit Francis. Er war mit mir einig; er sah auch die Gefahr, die uns in dem Maße droht, wie die Roheit in uns Raum gewinnt und uns mit fortreiẞt. Er sah auch das Miserable und Erniedrigende in den Dingen, welche jetzt, mit unserer Zustimmung geschehen.

Auch mit einem anderen Manne sprach ich über dieses Thema. Er ist jung und mit der rücksichtslosen Lebenstüchtig­keit der Jugend ausgestattet. Er war imstande, alles das mit einem breiten Lächeln wegzublasen. Es ging ihn überhaupt nichts an. Und so muß, vielleicht, die neue Generation auch sein, die wieder aufbauen soll- hemmungslos, kalt und gefühl­los, der ,, Unbarmherzigkeit des Notwendigen" sich gegenüber

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