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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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13. März 1943 Heute sind es vierzehn Monate, daß ich verhaftet wurde. Das ist wahrhaftig eine lange Zeit, die aus dem Leben eines Mannes herausgerissen und geraubt wird, und der Gedanke daran kann schon Haß genug erzeugen.

Doch ich lasse mich von solchen Haßgedanken nicht ver­giften, ich kann es nicht, ich will es nicht. Ich fühle, daß das tot, unfruchtbar wäre, und es ist ja doch die Sehnsucht nach dem Leben und nach allem, das lebendig- schaffende Kraft be­sitzt, die sich in mir hervordrängt.- Gott sei gedankt! Sonst wäre es nicht auszuhalten.

Es ist, als wäre ich besessen von dem Gedankenbilde des Le­bendigen. Beinahe wird es göttlich, gewinnt enorme Stärke, neuen Inhalt, neuen Sinn und eine strahlende Intensität wie nie zuvor. Hier, hinter Schloß und Stacheldraht, unter dem Druck der ewigen Verbote und Verordnungen, angesichts von Un­glück und von Jammer, wohin man sich nur wenden mag- hier ist dieser Trieb zum Leben erst in seiner ganzen Fülle in mir aufgewacht.- Manchmal wird mir angst, daß er vielleicht verschwinden könnte, wenn ich einmal wieder frei bin. Daß er platzen wird wie eine Seifenblase, und daß ich dann mit leeren Händen stehe, zermalmt von der Gewißheit, daß es alles eine Illusion war. Ein Gefängnis- Tagestraum.

Doch es ist etwas in mir, das diese Furcht verjagt und mich mit einer glücklichen Gewißheit füllt, daß es kein Traum sei. Das ist ein reiches, tiefes Wissen, der bleibende Gewinn dieser Gefängniszeit, den mir niemand wieder nehmen kann, und der mir deutlich macht, daß diese Zeit, trotz allem, nicht nur böse war, und nicht vergeblich.-

Teuer erkaufte Erfahrungen! Vielleicht vielleicht auch nicht, das wird sich zeigen müssen. Das Urteil kann erst fallen, wenn die Probe bestanden ist.

15. März 1943

... Ich will nicht leugnen, daß die Sehnsucht über mich Gewalt bekommt bei solchen Entlassungen. Für Augenblicke wird man die Idee nicht los: wenn ich's doch wäre! Wenn ich's

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