Druckschrift 
Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
37
Einzelbild herunterladen

glücklichen Völker nach dem Kriege- werden wir wie Wracks umhergetrieben werden, zerrissen und verzweifelt darum kämpfend, uns der dunkeln Mächte zu erwehren, die uns von dem abziehen wollen, was wir so leidenschaftlich suchen: Stille!

Der Gedanke an ,, Abrechnung" ist fürchterlich. Er be­friedigt nicht im mindesten. Er wühlt das Innere nur auf, so daß man sich vielleicht einmal einbilden kann, daß es zu herr­lichen Taten kommen wird. Einer Orgie der Vergeltung!- Als wenn das zu etwas Gutem führen könnte. Als wenn das eine Basis bilden könnte für die neue Zukunft, in der unsere Kinder groß werden und ihres Lebens, Einsatz leisten sollen.

Nein, diese Gedanken ziehen nur hinab. Sie bewirken, daß das Böse von uns Besitz ergreift. Wehe uns, wenn wir an jenem Gedanken hängenbleiben und die Kraft nicht aufbringen, uns von ihm zu lösen und unser Denken völlig anderen Dingen zu­zuwenden!

Wenn ich doch allein hier oben säße in den Bergen! Wie anders wären diese Berge, dieser hohe Himmel. Jetzt ist es mir, als stünde die Natur im Bunde mit dem Feind, nur um mich einzusperren. Nach allen Richtungen hin erheben sich die Berge gleich Gefängnismauern. Der Himmel und die Sterne beobachten uns, achten auf alle unsere Bewegungen; die weite, weiße Hochfläche liegt da wie ein unüberschreitbarer Teppich zwischen uns und der Freiheit...

-

5. November 1942

... Dann waren die armen zehn Minuten vorüber. Es war, als wenn du von mir glittest- und ich allein blieb stehen, hoffnungslos verloren. Es gelang mir, hinauszukommen - ich winkte dir- ich sah dich wie in einem Nebel- du winktest mir mit einem Handkuß- und dann, hinter dem Zaun ver­schwandest du. Ich sah dich noch einmal, kurz bevor du wieder um die Ecke des Gebäudes bogst. Ich riẞ mir das Herz aus der Brust und warf es dir nach, doch war es mir, als erreichte ich dich damit auch nicht.

37