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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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und ohne Zweifel kommt das vor; Rasmus' Patienten leiden wirklich alle an Magenkrankheiten...

Andere sind unzufrieden mit der Arbeit, die ihnen zugeteilt ist; sie entdecken andere, die es leichter haben, und dann be­ginnt der Neid. Warum soll er, wenn ich nicht usw. Sie sind wie kleine Kinder. Selbst wenn sie über sechzig alt sind. Wieder andere sind mit ihrem Lager unzufrieden- es gibt doch andere, die viel besser liegen, und im übrigen..., bis ins Unendliche. Alle beklagen sich beim Barackenleiter. Dieses Amt ver­fluche ich täglich öfters! Ich eigne mich nicht zum Kinder­mädchen. Und dabei habe ich gedacht, ich hätte viel Geduld.

10. Oktober 1942

Heute ist Vaters Geburtstag. Er wäre einundachtzig Jahre alt. Dieser Tag weckt viel Erinnerungen. Ich sehe ihn so deut­lich vor mir, wenn wir über Krieg und Elend sprachen, die schon damals in der Ferne drohten. Ich sehe auch die dunkle Wolke, die auf seiner Stirne war, und seinen starren Blick, der sich gleichsam in die Zukunft bohrte- und wie er langsam, traurig mit dem Kopfe schüttelte.

Ob er wohl all das Schreckliche voraussah, das uns ein Jahr­zehnt nach seinem Tod beschieden war? Ob er wohl schon alle seine Hoffnungen vernichtet sah, wenn er so dasaß, den großen kahlen Kopf hin und her bewegend?-

Doch ich sehe ihn auch anders: wenn das Lächeln wieder­kehrte, am ehesten, sobald er eine Stimme hörte, die ihm lieb war und die Wärme in ihm weckte. Diese Wärme spielte dann in leichten Wellen über sein Gesicht, bis sie sich zu einem offenen Lächeln festigte, das irgendwie verlegen war und knabenhaft, doch gleichzeitig äußerst sicher, stark und hell.

26. Oktober 1942

Ob das Elend unserer Mitmenschen uns nicht unser ganzes Leben lang belasten wird? In einem Meer von Not und Schrecken dies wird das Bild Europas sein und seiner un­

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