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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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hungern und freier Bewegungsmöglichkeit? Es gibt Zeiten, wo diese Sehnsucht so stark wird und derart in der Seele wühlt, daß man geradezu körperlichen Schmerz empfindet. Es ist, als ob die Sehnsucht einen an der Gurgel packt; das Herz schnürt sich zusammen, und es sticht und klemmt in der Brust. Man will laut schreien oder weinen doch dann findet man sich selber wieder, wie an diesem Montag, da eine neue Woche be­ginnt und wir an unsere Arbeit schleichen. Und der Montag ist auch schon vorüber, es ist bald Dienstag.

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3. August 1942

Heute früh bekam ich den Bescheid, daß Kari und die Kinder draußen seien vor der ,, Vermittlung". Ich ging sofort. Ja, da standen sie, alle braun und frisch und lächelnd! Sie wußten alles. Sie hatten Bescheid bekommen und nahmen es mit strah­lender Laune und staunenswerter Ruhe. Alle meine Angst und Nervosität wurden wieder weggeblasen. Sie jubelten mir alle Botschaften entgegen und ich schämte mich darüber, daß ich für einen Augenblick jene Sicherheit verlieren konnte, die aus ihnen strahlte.- Dieser Besuch hat auch den letzten Rest von Trauer fortgejagt darüber, daß ich von hier weiterkommen soll.

11. August 1942

Es wurde spät heut nacht, doch war's so herrlich still. Ich hatte das Bedürfnis, diese Stille zu genießen, mit ihr zu spre­chen und zu fühlen, wie sie alles Harte, Kalte löst, das sich sonst leicht in einem festsetzt. Das Geräusch der Wellen zu ver­nehmen, die gegen die Schiffswand schlagen, und das Rauschen des Wassers, das vom Bug da vorn gebrochen wurde, während die ,, Bodö " sich den Weg nach Norden pflügte in der Sommer­

nacht.

Das war mir wie Musik, wie frohe Liebeslieder, wie ein ge­dämpftes Vorspiel zu dem Sonnenaufgang, der sein erstes Rot schon über die Berge sandte und die Schneeflecken hoch oben unter dem Himmel hellrot färbte.-

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