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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
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jedesmal, wenn einer von den Kameraden entlassen wird. Es fällt einem nicht einmal ein zu denken: wenn ich's doch wäre!- Ich werde ja wohl auch noch an die Reihe kommen; diesmal war er's also, und es war recht so.

Selbstverständlich haben wir Heimweh, wir sehnen uns nach Hause derart heftig, daß es physisch weh tut, aber das ist etwas anderes. Von dieser Sehnsucht bis dahin, daß man sich jenen Tag ausmalt, ist ein weiter Weg, den ich nie betrete. Es gibt soviel anderes, an das man denken muß, zu viele andere Schick­sale, die die Gedanken in Anspruch nehmen.-

Jener Tag wird ein unbeschreibliches Erlebnis werden, das ich mir nicht dadurch abschwächen will, daß ich es jetzt auf Vorschuß nehme. Ich will ihn neu erleben, jenen Tag, wenn er einst kommt. Ich denke auch, daß er nicht ohne Wehmut sein wird. Das klingt vielleicht merkwürdig, doch an jenem Tage wird so vieles unweigerlich zu Ende gehen, so viel von dem, was dem Dasein hier Inhalt und Sinn gegeben und das mit der Zeit deshalb schon bedeutungsvoll geworden, weil es das Beste, das man in sich trägt, auslöst. Die Gemeinschaft mit den anderen- diese große Gemeinschaft der Freude und Trauer- in Hoff­nung und Zuversicht, und das gemeinsame Betätigungsfeld.

11. Juli 1942

Es ist merkwürdig in einer solchen Baracke, wo man Monat für Monat so dicht aufeinandergedrängt lebt. Es hilft nichts, daß man sich versteckt. Man wird feinfühlig für die Nuancen, man hört jeden Nebenlaut in den Stimmen und weiß, woher er rührt. Ohne daß wir einander eigentlich kennen, kennen wir uns gegenseitig durch und durch, wissen genau, was los ist, selbst wenn man es nicht einmal wissen möchte. Man kommt sich manchmal beinah indiskret vor, weil man, ohne daß man es will, ohne daß man etwas dafür kann, sich gleichsam hinein­drängt in die Gedanken anderer, hinein in den Privatbezirk eines anderen, wo man, wie man weiß und fühlt, keineswegs willkommen ist.

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Zum Teufel! Als wenn man nicht mehr als genug schon mit