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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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elternloser, heimatloser Kinder irren in der Welt umher. Keiner nimmt sich ihrer wirklich an. Viele von ihnen gehen zugrunde. Oder werden Feinde der Gesellschaft, lichtscheues Gesindel. Die Väter starben irgendwo oder kehrten nie zurück aus Kriegs­gefangenschaft, die sie jahrelang von Frau und Kindern trennte. Mütter und Kinder sterben Hungers, nachdem sie den Ernährer verloren haben. Für sie bedeutete der Friede nichts als eine Fortsetzung von Not und Jammer.

Wie wird das Bild sein, das sich uns darbietet, wenn der Vorhang der Europabühne nach diesem Kriege hochgeht? Es graut einem, daran zu denken. Wenn es das letztemal schon trostlos war und voller Schrecken wie wird es dann erst diesmal werden? Noch viel gewaltigere Menschenmengen sind in den Mahlstrom hinein geraten, und die menschliche Teufelei und die Vernichtungskräfte haben sich verzehnfacht.

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Was für eine ungeheure Rettungsarbeit muß getan und zwar sofort getan sein, wenn die ausgepowerten Europaländer nicht restlos zugrunde gehen sollen! Und wer soll sich dieser Auf­gaben annehmen? Europas bestes Blut ist verströmt auf den Schlachtfeldern, und die Zurückgekommenen sind geistig ebenso wie körperlich erschöpft. Wer wird fähig und geeig­net sein, sich an diese Aufgaben heranzuwagen, vielleicht die größten, denen die Welt je gegenüberstand?

Bei den Gesprächen in der letzten Zeit empfand ich es als niederschmetternd, wie gering doch das Verständnis ist für gerade diese Fragen. Viele von uns warten nur darauf, sich wieder ins Parteipolitische zu stürzen mit seiner Propaganda, seinen Lügen, seinem Klassenhaß. Soviel also hätten wir ge­lernt! Es ist, als sei dies unsere Religion geworden, als sei ein Dasein ohne die Partei nicht vorstellbar. Wie wäre es, wenn wir für ein paar Jahre wenigstens nur eine einzige Partei zu bilden uns entschließen würden- nämlich die Partei, die unser Land neu wiederaufbaut!

Noch niemals hatten wir soviel Gelegenheit, gemeinsame Arbeit zu leisten. Noch nie war die Gelegenheit so günstig, zu einem Volk zusammengeschweißt zu werden, das es weit

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