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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
21
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Zusammensein und für die Kameradschaft. Die Zeit in Grini mit den Freunden sei eine gute Zeit gewesen. Ich sollte alle grüßen und ihnen danken.

Zugwachtmeister Tauber starrte fast verzweifelt vor sich hin, nun hatte er sein Herz erleichtert. Er reise heute weg, sagte er, zur Ostfront. Darum habe er mir diesen Gruß ausrichten müssen, denn er wisse nicht, ob wir uns jemals wiedersehen würden.

Ich verstehe, daß der junge blonde Bursche und seine Kameraden gute Norweger waren, sagte er,strahlend präch- tige Kerle, für die das Vaterland das Höchste war; ihm galten ihre letzten Gedanken- und dann waren sie ja so, wie sie sein sollten! Dies hat mir mehr weh getan, als du vielleicht verstehen kannst, fügte er hinzu,aber Krieg ist entsetz- lich.

Tauber stand mit gesenktem Kopf, dunkel zu Boden star- rend, die Arme hingen schlaff herab, er atmete schwer. Lange blieb er so stehen. Dann hob er plötzlich seinen Kopf und sah mich an.Ich hoffe auch sehr, daß ihr einst Norwegen wieder frei macht, und daß ihr wieder freie Männer werdet, freie Nor- weger in einem freien Lande, so wie er das wünschte, sagte er stark und ohne daß die Stimme nachließ. Ich antwortete lange nicht. Schließlich blickte ich ihn an: die Tränen rannen ihm die Backen hinunter. Dieser Riesenkerl, der für uns Gefangene nur ein besonders bösartiger Bulle war- denn er hatte gebrüllt und getreten und furchtbar tyrannisiert-, er weinte, weinte über einen guten jungen Norweger und seine Kameraden, die gestorben waren, ohne den Einsatz geleistet zu haben für ihr Vaterland und Volk, wonach sie sich gesehnt.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie wir auseinandergingen, Zugwachtmeister Tauber und ich. Doch wir gingen ausein- ander als ob wir plötzlich Freunde seien. Sonderbar, daß man auch das erleben sollte: sich in Freundschaft zu trennen von einem SS -Mann.- In einer dunklen Ecke des Geräteschuppens blieb ich lange sitzen und überdachte das, was da geschehen war.