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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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In der Mittagspause ließ der Zugwachtmeister mich nach oben kommen, in seine Villa; er habe etwas mit mir zu be- sprechen.

Ich kam mit einem anderen Gefangenen zusammen, der die Villa säubert und in Ordnung hält, doch ließ er diesen gehen. Dann machte er die Tür zu und schob den Riegel vor. Nachdem er sich sorgfältig vergewissert hatte, daß sich niemand draußen auf dem Flur befand.

Dann trat er vor mich hin und starrte mir ins Auge. Sein Blick war schwer und ernst, und als er zu sprechen anfing, merkte ich, daß es ihm schwer fiel. Ich stand nicht einem Zug- wachtmeister gegenüber- dem brutalen Unteroffizier, den wir denOchsen nannten-, ich stand einem Menschen gegen- über.\

Er trug keine Uniform, nur Trainingshose und Hemd. Das Hemd war am Halse offen, er hatte sich gerade rasiert, an den Ohren saß noch etwas Seifenschaum.

Unter jenen, die neulich erschossen wurden, hattest du einen guten Freund, sagte er,nicht wahr?

sie waren alle meine Freunde, sagte ich.

Ja, aber du hattest einen besonders guten Freund unter ihnen, nicht wahr, den jungen Blonden, der mit dem Abladen der Autos beschäftigt war?

Ja, sagte ich,das war der Student Jacob Friis; ihn habe ich sehr schätzen gelernt; es war ein guter Freund- ein sehr guter Kamerad.

Dem Mann traten die Tränen in die Augen, es gelang ihm noch, hervorzustammeln, daß dieser Jacob Friis ihm einen letzten Gruß an mich aufgetragen habe. Die beiden letzten Stunden habe er gewußt, daß er erschossen werden sollte, und er habe ihn, den Zugwachtmeister, gebeten, mir einen Gruß zu bringen, einen Dank für alles und eine Botschaft der Gewißheit, die sie alle hätten, daß Norwegen einmal wieder frei sein werde. In seiner Seele gab es keinen Zweifel. Daß dies geschehen werde, wisse er genau, es sei nur schwer und schmerzlich, es selbst nicht zu erleben. Das, was jetzt bevorstand, hätten sie schon längst erwartet! Jetzt wolle er sich nur bedanken für das

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