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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
Seite
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etwas, die Zunge überschlug sich, ich bekam es nicht heraus, dann wandte ich mich um und ging. Er blieb zurück und gaffte.

2. Mai 1942

Wie oft haben wir uns doch genügend Zeit gewünscht, wie oft hatten wir davon zu wenig in unserem gehetzten Dasein. Heute beten wir, Gott möge uns davor bewahren. Nimm sie fort, laß sie verschwinden, kürze sie ab, du Gott der Menschen! Wische sie aus, diese entsetzlichen Tage, die unendlich langen Wochen, Monate und Jahre und entferne doch die Spur davon in unserem Herzen, die tiefe Blutspur, in der die dunklen Ge­danken nisten, um nie mehr daraus zu verschwinden.

Wo gibt es denn noch Herzenswärme, wo kann eine Kindes­seele sich dem Licht zuwenden? Der Schmerz im Blick der Mutter wird sich in das Gemüt des Kindes prägen. Die dunkle Wolke auf der Stirn des Vaters wirft ihren Schatten über des Kindes Spiel. Teufel, böse Mächte werden die Welt des Kindes ausfüllen, Tod und Blut werden sein Gemüt erzittern lassen und das Licht, das darin brannte, auslöschen...

3. Mai 1942

Blaue Farbe findet man nur, wenn man den Kopf hebt und zum Himmel auf blickt. Es scheint ein höherer Sinn darin zu liegen. Man hat Blau nötig, darum sieht man auf zum Himmel, darum erhebt man seinen Kopf, und dann ist's so viel leichter, all das andere zu vergessen, das zu diesem Frühling fehlt.

Der Frühlingshimmel ist so hoch und grenzenlos. Dort gibt es nichts Abriegelndes. Nur ab und zu wagt es ein Flugzeug, wie ein schmutziger Fleck in diese Welt der Bläue einzu­dringen. Und es ist, als wenn hoch dort droben alle Trennungen aufhören müßten, selbst die Scheidung zwischen Leben und Tod. Als ob alles dort zusammenflösse in ein ungeheures Meer von Licht. Wir treffen die anderen wieder, sie grüßen uns, wir wissen, daß das Lichtmeer uns hier unten auch erreicht, wenn wir nur den Kopf erheben und die helle blaue Farbe in die Seele strömen lassen- daß sie gereinigt werde.-

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