meisten konnte er das unbedenklich tun. Ja, er wolle nicht mit Waffen gegen das Dritte Reich vorgehen. Er wolle auch nicht Propaganda machen für den Sieg der Engländer oder irgend- welche Unruhen anzetteln. Nein, keineswegs, an sowas habe er ja nie gedacht. Dann aber kam noch etwas anderes: Er dürfe nun nicht mehr für seine Ideen agitieren.- Das wollte er nicht unterschreiben; und so blieb er im Gefängnis.- Still und ohne Klage arbeitet Kullmann weiter an seinem„Wege der Ver- söhnung“.
Heute war er ebenso liebenswürdig wie sonst, fast noch liebenswürdiger, als er grüßte und lachte im Sonnenschein, eifrig damit beschäftigt, einige große Steine nach einer Schnur zurechtzulegen. ‚Ist das Wetter nicht wundervoll?“ sprudelte es aus ihm hervor, er richtete sich auf und lächelte. Er strahlte förmlich vor Freude darüber, wie schön alles sei.
„Wo willst du hin, gehst du nur spazieren?“ fragte er. Ich erklärte, daß ich Lange-Nielsen zum Verhör abholen solle. „Ich saß zufällig in der Vermittlung, und so wurde ich denn damit beauftragt.“„Ist die Gestapo dort?“ fragte er inter- essiert, und ein Schatten flog über sein Gesicht. Er kannte sie wohl auch, und dieses Wort war wie ein schneidender Mißklang zum Sonnenschein, zur Landschaft, zu Kullmann selbst und seinem„Wege der Versöhnung“.
Es war, als ob in ihm etwas zerbräche beim Hören dieses Wortes, und ich entdeckte, daß es mir genau so ging. Gestapo war da. Ein Gefangener sollte verhört werden. Gestapo . Verhör. Wie eisig klingt das! Wie beißend kalt es auf einmal wird! Es wurde nicht mehr gesprochen, wir schüttelten nur den Kopf, und ich setzte meinen Weg fort. Etwas später wandte ich mich um und sah zurück nach Kullmann. Er stand noch da und starrte vor sich hin. Er sang nicht mehr. Er versuchte wohl, die düsteren Gedanken loszuwerden, die hereingebrochen waren, nur weil ich das eine böse Wort„Gestapo “ nannte.— Dieser Tag stand für mich im Zeichen dieser sonderbaren Stimmung. Ich wurde das unheimliche Gefühl nicht los, mitten am sonnen- lichten Tage.- Ich holte Lange-Nielsen. Er wurde verhört, aber diesmal nicht geschlagen.
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