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Von Tag zu Tag : ein Tagebuch / Odd Nansen ; aus dem Norwegischen übertragen von Ingeborg Goebel
Entstehung
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daran. Man zuckte mit den Achseln und sprach nur von Phan­tasten, Sensationsjägern und Kriegshetzern. Und wir mußten uns damit zufrieden geben, daß die Leute kein Interesse hatten für diese ewigen Flüchtlinge, die ihr Schicksal wohl verdienten und gewiß etwas verbrochen hatten, weshalb man sie verfolgte. Hierzulande gab es andere Sorgen! Man mußte doch zuerst an sich und an die eigenen Nöte denken, bevor man sich um andere Völker kümmerte. Dort unten in den fernen Ländern mögen die NS ihr Wesen treiben hierher kommen sie auf keinen Fall!

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Der Gedanke daran, daß sie auch noch hierherkommen könnten, war ihnen ferner als der Mann im Mond. Selbst nach­dem der Krieg in Finnland ausgebrochen, war es ihnen schwer zu denken, daß auch wir bereits in der Gefahrenzone uns be­fanden, daß wir Norweger in unserer alten Heimat irgend etwas zu befürchten haben sollten.

II. Februar 1942

Ich mußte heute zum ,, Bauernhof" hinunter... Man muß ein Stück Weges dorthin laufen. Auf diesem Wege sieht man über Wald und Felder, und heute wirkte alles ganz besonders schön und licht und froh. Ungefähr auf halbem Weg zum Bauernhof steht Kullmann und bricht Steine. Schon mehrere Monate hat er dort gestanden und den Weg gebaut. Dereinst wird dieser wohl den Namen tragen: Kullmannweg.

Doch er selbst sagt froh und lächelnd, aber auch mit einem sonderbaren Ernst, daß er wohl einen anderen Namen tragen werde. Er weiß nur nicht, ob er wagen darf, ihn zu nennen. ,, Doch, sag' es schon, Kullmann, wie heißt der Weg?" ,, Er heißt WEG DER VERSÖHNUNG", sagt Kullmann, und wird beinahe feierlich. Doch kurz darauf lächelt er wieder übers ganze Gesicht, trillert vor sich hin und lacht. Ein merkwürdiger Mensch.

Er lebt vollkommen in der eigenen Welt. Es ist, als sei er nur mit einem großen Werk beschäftigt, das vollendet werden muß. Als er, nach wenig Monaten, entlassen werden sollte, hatte er ein paar Bedingungen zu unterschreiben. Bei den

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