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nicht das 6. und 9te.*) Zudem ist es ein grober Fehler, selbst nothwendige Consequenzen von Vorstellungen und Begriffen Anderer diesen selbst als von ihnen gezogen unterzuschieben. Während er darauf durch Beispiele aus der neutestamentl. Geschichte(traditio Christi per denm, per ipsum Christum, per proditorem Iudam) seinen Satz, dass die executio operis das peccatum des consensus nicht vergrössere, beweisen will, indem er zeigt, dass zwei dasselbe thun kön- nen, der eine in seiner Pflicht u. s. w., der andre als Sünde, vergisst er doch durchaus den Standpunkt des Streits. Denn nicht darum handelt es sich, zu beweisen, dass zwei äusserlich gleiche Handlungen verschiedene Motive haben und darum auch ganz ungleicher Beurtheilung fähig sein können;— sondern darum, ob eine Sünde des consensus durch die execultio operis vergrössert werde. Hier hinkt der Beweis, wenn auch Abaelard gegen die Grundsätze des Rechts nach denen der Moral an sich Recht hat.
Für consensus braucht Abaclard auch gleichbedeutend intentio(640. C.). Diese Begriffs- vertauschung, für welche Abaelard keinen Grund angiebt, ist von Bedeutung: denn. gleich darauf behauptet er, dass wo die intentio gut ist, dadurch selbst die Handlung gut werde, ohne zu bedenken, dass er hier wieder den Zweck und die Mittel auseinander reisst, indem er diese nicht als jene selbst anerkennen will. Er verfährt nämlich so: der consensus, nicht die äussere Handlung, ist das peccatum, denn es können zwei dieselbe äussere Handlung thun, und doch kann nur einer vielleicht ein peccatum dabei haben, je nachdem ihr Zweck ist(per diversita- tem intentionis— hier der Sprung im Beweise) z. B. Gott und Judas. So thut der Teufel auch nur, was Gott zulässt, er prüft den Guten, straft den Bösen u. s. W., handelt aber immer ne- quitia sua stimulante. Umgekehrt(!!)*†) geschieht Vieles recht(recte geri), was Gott ver- bietet(prohibet), und vice versa wird Vieles durchaus mit Recht unterlassen, was er doch— (quandoque praecipit)— beſiehit. Als Beispiel für Beides führt er an die Leute, welche trotz Christi Verbot die Wunder desselben predigten, und die Opferung des Isaak, wo er die intentio praecepti Gottes in Schutz nimmt.
Diese Fehler in der Beweisführung hat Abaelard nur seiner Inconsequenz zu danken. Seine Methode schwankt zwischen zwei Extremen, dem Beweise ex ratione und dem ex aucto- ritate d. i. der Schrift. Weiss er jene nicht mehr zu handhaben, so braucht er Beispiele— gewöhnlich aus der Schrift. Diese verleiten ihn dann oft zu gewagten Trugschlüssen, wie hier. Wäre er seinem Grundsatze, dem ex ratione Beweisen, treu geblieben und hätte er etwa nur zu dem bereits Erhärteten die Schrift als Zeugniss gebraucht; so wäre er hier nicht in die Enge gerathen, eine Erzählung des a. T., die durchaus das Gegräge des Mythischen an sich trägt, zur Stütze einer unwissenschaftlichen Behauptung zu brauchen. Es ist doch wahrlich die gränzenloseste Willkühr, dergleichen zu behaupten, wie Abaelard von jenen Ge- heilten Christi:„Sciebant, non ob hoc eum praecipisse, ut teneretur, sed ut praedictum(i. e.
*) Abaelard führt hier beiläufig fragweise ein Beispiel an: numquid quis per ignorantiam ducat sororem suam transgressor praecepti est?— Er antwortet mit Non. Und am Ende mit Recht. Warum treibt uns aber ein gewisses natürliches Gefühl, einen solchen Menschen nach Entdeckung jenes Verhältnisses für höchst un- glücklich und vom Gewissen gepeinigt zu halten? Sollte dies Elend blos unverschuldetes Unglück, also nur Uebel sein? Die Poesie sieht es durchaus anders an. Man denke an Oedipus, an Mignon und den alten Harfenspieler. Oder ist vielleicht hier die Poesie hypertragisch, dass sie Schuld mit Uuglück verwechsele?— Die Vernunft(der Verstand) scheint ihr das Urtheil durchaus zu sprechen. Die Bibel weiss nichts von der- gleichen Conflikten: denn die Abstammung der Moabiter und Ammoniter, auf welchen ein ähnlicher Fluch liegt, ist eine wissentlich blutschänderische. Alle diese Fragen berühren die Nachtseite des menschlichen Le- bens und erwarten wol noch ihre Lösung.
**) Hier braucht Abaelard die Frageform„Quis denique nesciat,“ die gewöhnlich da eintritt, wo der Beweiss auf schwachen Füssen steht. Das Rhetorische soll dem Gedanken nachhelfen, die Kühnheit der Sprache dem mangelnden Beweise.


