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sagt Abaelard ganz richtig, sind Sünden der Seele(animae), nicht des Fleisches(Grund: Weil nur da Schuld und Verachtung Gottes sein kann, wo Gotteskenntniss und Vernuunft ist.) Der Unterschied zwischen pecc. carnalibus und spiritualibus besteht nur darin, dass jene aus der Schwäche des Fleisches, diese aus den vitiis der Seele kommen. Das princip. divi- dendi ist hier nur gewissermaassen der Sitz, das Organ, nicht das Princip. In dem Sinne sei es auch zu verstehen, wenn Paulus Gal. 5, 7 von einer concupiscentia carnis adversus spiritum redet, da doch die concupisc. solius animae ist, wenn auch die delectatio des Menschen in carne liege. Nach diesen beiden Seiten hin sei eben Gott ein inspector cordis et renum, d. h. beider Arten von Sünden.— Der Mensch aber urtheilt nur nach der äussern Handlung, nicht nach dem Motiv, straft auch mehr, um öffentlichem Schaden, bösem Beispiel zuvorzukommen, als um die Fehler des Nächsten zu bessern(Einseitiges Rechtsprinzip). Beispiel: Ein im Tempel ergriffener Ehebrecher. Auch leite uns, und müsse uns leiten nicht sowohl die aequi- tas, als die prudentia, um die Leute vorsichtiger(providentia) zu machen. Culpa und poena stehen sich bei uns nicht gleich, nur bei Gott, der nach der bonitas intentionis richtet. Die bonitas operis ist nicht eigentlich dem opus als solchem, sondern der intentio eigen, es ist nur
..*+ eine bonitas.*)(Wird fortgesetzt.) ——
*) Die Beweissführung hier ist logisch falsch, obgleich die Sache richtig. Bei einer Handlung— sagt Abaelard— jst die bonitas intentionis und operis nur eine, sowie in„bonus homo“ und„filius boni hominis“ nur eine bonitas ist. Das Beispiel ist nicht schlagend, sonst müsste es so sein— bonus homo und bonus filius hominis, weil sonst die Eigenschaft nicht, wie dort der actio und der intentio, zweien, sondern nur einem Indi- viduum zugeschrieben wird. In jenem Falle sind zwei Subjecte mit zwei Prädikaten, hier zwei mit einem Prädikate. Es hätte hier nothwendig gezeigt werden müssen, dass auf eine Handlung(opus) der Begriff des bonum nicht, oder nur in gewissem Sinne passt. Dieser Beweiss wird im Folgenden angestrebt, indem Abaelard opus bonum durch intentionis bonae affectus erklärt. Dies hätte im Vorhergehenden geschehen sol- len, so wäre die ganze Beweissführung nicht nöthig gewesen, da man dann gleich gesehen hätte, dass das Praedicat nicht sowol dem opus als vielmehr der intentio allein zukommt, was er selbst in cap. X. ausspricht (opus ex bona intentione procedens, daraus abbrevirt opus bonum). Logischen Beweisen sind immer Bei- spiele schädlich, schon weil der falsche Sprachgebrauch leicht auf Abwege führt. Hiezu kommt noch, dass in der Sache selbst etwas Schiefes liegt, wenn der Begriff der intentio nicht genau definirt ist, wie hier nicht ge- schehen. Allerdings hat das opus bonum mehr meritum, um ganz materiell und in Abaelard's Sprache zu re- den, als die intentio, indem hier bereits Schwierigkeiten der Ausführung, Mittel u. s. w. überwunden sind, also eigentlich mehrere intentiones bonae(die einzelnen Mittel der Ausführung) vorliegen. Es sei denn, dass man intentio so fasst, dass es der Entschluss ist, welcher jedenfalls in die That übergegangen sein würde, im Fall u. s. W. Sonst sind gute Entschlüsse und Vorsätze gerade nichts Seltenes. Die Moral verlangt— und mit Recht— ihre Vollführung. Angedeutet ist allerdings dieser Gesichtspunkt, nur nicht in den Begriff über- gesetzt und durchgeführt. Cf. 648, B.—
Sein zweiter Beleg für die Wahrheit seiner obigen Behauptung ist die gute Person Christi in seinen beiden(der göttl. und menschl.) Naturen. Auch dies Beispiel passt nicht recht, da ja hier beiden die Eigen- schaft bonus zukommt, in dem zu beweisenden Satze aber eigentlich nur dem einen Moment, der intentio: denn wenn Abaelard die Sache so wendet, dass die menschliche Natur in Christo auch erst von Gott die bo- nitas empfange, wie hier die actio von der intentio, so vergisst er dabei die Verschiedenheit beider Verhält- nisse. Die actio erhält nicht eigentlich die Eigenschaft bonus, wie die Person, sondern nur das Prädikat, wird genannt, sofern u. s. w., während die menschliche Natur Christi wirklich gut wird und ist.— Es kann eine und dieselbe Handlung, die an sich jedesmal eine media ist, beide Prädikate durch die intentio bekommen, sie bleibt dieselbe z. B. Allmosen geben, Jemanden tödten u. s. w. Begriff: die bonitas ist nichts Numeri- sches, dem Wechsel von Zahl und Maass Unterworfenes, kein Begriff, auf den die Kategorie der Quantität, das Mehr oder Weniger, passt, kein relativer Begriff, sondern ein absoluter. Die Sache hat ähnliche Bewand- niss, wie mit der Trinität, wo auch die Personen nicht gezählt werden.— Man kann daher streng genommen nicht sagen besser, sondern hier ist jede Comparation nur eine Verkleinerung, ich meine— melius und optimum nur gleich minus oder minime malum. Das Beispiel macht hier den Beweiss schwach, weil es in praxi zwar eine(scheinbare) Anzahl von bonitates giebt, während doch dem Begriffe nach nur eine existirt d. i. dieser Begriff selbst. Abaelard zwingt stets nicht sowot durch den Beweiss, als durch die Absurdität einer Anwendung der Ansicht, welche er bekämpft, auf einen bestimmten Fall zum Zugeben. Es ist dies nur ein Beweiss per inductionem; und wir haben auch nur deswegen diese grössere Anmerkung hier eingescho- ben, um zu zeigen, dass Abaelard nicht der dialektische, scharfe Denker ist, wofür man ihn gewöhnlich hält. Weit mehr tritt dies in andern Werken Abaelard's, besonders in der theolog. Christiana hervor.
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