Druckschrift 
Scholae Portensis A Mauritio Princ. Duce Saxoniae A. D. XII. Cal. Iunias A. MDXLIII Feliciter Conditae Sollemnia Saecularia Diebus XX. XXI. XXII. Maii A. MDCCCXLIII. Pio Festoque Ritu Celebranda Indicit Et Scholae Fautores Et Amicos Omnes His Sollemnibus Ut Benigne Interesse Velint Collegii Magistrorum Portensium Nomine Invitat / C. Kirchner ...
Entstehung
Seite
86
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peccatum als voluntarium polemisirend durch Zusammenwerfung ganz disparater Begriffe. Die Sünde sagt er kann nicht blos non voluntaria sein, sondern sie ist es auch im- mer: denn die Sünde ist contemtns dei sive consensus in eo, quod credimus propter deum esse faciendum etc., contemnere deum aber und puniri will Niemand, also etc. Aber die Sünde ist nicht nothwendiger Weise contemtus dei,*) sondern ein blosses Vergessen der Achtung ge- gen Gott. Die Sünde ist wesentlich Selbstsucht, Ichsucht; sonach immer anch ein Nicht- suchen Gottes, aber noch lange nicht ein Verachten. Es ist hier eine logische Verwech- selung des Unterschieds und Widerspruchs, des contrarium und contradictorium. Auf die Frage, ob nicht aus der Sünde jedesmal ein solches contemnere deum hervorgehe, darf man sich hier gar nicht einlassen, es handelt sich hier nicht um die Consequenzen, sondern um den Inhalt des Begriffs. Somit kann man dem Abaelard den Ausspruch peccatum non est voluntarium nur zugeben, sofern man ihn so verändert,dass Niemand die Sünde als solche, sondern nur um ihrer Früchte Willen ausübt, was denn freilich anders hätte ausgedrückt werden müssen. Diess scheint ihm indess vorgeschwebt zu haben, nur hat er sich nicht einmal durch seine Er- klärung von Sünde ganz gedeckt, weil er derselben noch andre Definitionen anfügt, auf welche sich jener Satz durchaus nicht anwenden lässt. Das Richtige fühlt Abaclard und berührt es auch, wiewol nur concedirend:Wenn wir nicht etwa voluntarium nennen ad exclusionem ne- cessarii, cum videlicet nullum peccatum inevitabile sit.

Ganz richtig dagegen ist in der Abaelardischen Erklärung, die, wie er die Begriffe ordnet, hier durchaus ihre Berechtigung hat, das Ausschliessen der eigentlichen Thatsünde von der Sündeoperationem peccati nihil addere ad reatum vel ad damnationem apud deum; sofern er nämlich unter jener operatio oder peractio nichts weiter versteht, als die rein äusser- liche That. Er argumentirt gegen jene Begriffe von Sünde, wonach sie mit dem Natürlichen und Erscheinenden als solchem zusammenfällt, und vermeidet so zwei Klippen, die katholische Ansicht einerseits, der die böse That als solche d. i. die Erscheinung, richtiger der Schein, als Sünde und verdammenswerth gilt peccatum in consensu consistit, andrerseits die au- gustinische Lehre von der Erbsünde, wonach die natürliche Befriedigung der leiblichen Triebe

und Begierden nicht nur, sondern diese letzteren selbst schon etwas Sündliches haben; indem

er vielmehr diese nur insofern dafür hält, als sie durch bestimmte Verhältnisse dazu gestempelt werden, wonach also nicht sie(d. h. die Begierden) selbst, sondern die Verletzung der letzte- ren(der Verhältnisse) das eigentlich Sündhafte sind; z. B. im Akte der Zeugung, in welchem er Begierde und Lust natürlich, von Gott geordnet, sündlos findet, dagegen die Verletzung der Ehe als Sünde anerkennt. Die betreffenden Schriftstellen von der Erbsünde etc. Ps. 50, 6 und 1 Cor. 7, 7 sucht er, wiewol nicht mit besonderm Glücke,(denn Schriftauslegung ist nun einmal Abaelards Sache nicht), zu seinem Vortheil zu erklären.

Das Resultat seiner Argumentation ist ausgesprochen(638 A) in den Worten: Nihil ad augmentum peccati pertinet qualiscunque operum executio et nihil animam, nisi quod ipsius est, coinquinat, hoc est consensus e. q. sqqd. Darauf geht er über zu dem Beweise, dass die That die Sünde selbst nicht vermehre, nur an ein zufällig Letztes an den Gedanken, dass oft das quae non fieri debent« geschehe ohne Sünde**) anknüpfend, und ruft hierher Allesquae per vim aut ignorantiam committantur; auch hier auf jenen Grundsatz zurückkommend, dass es der consensus sei, der die Sünde hervorrufe, und die Sache durch Beispiele beweisend. Der

*) Am Wenigsten im Sinne Abaelard's, der von innern Sünden des Stolzes etc. eigentlich gar nicht re- det, sondern nur von äussern, bei denen man auf Gott gar nicht reflectirt, was doch das contemnere voraus- setzen würde,

**) Ohne jedoch zu zeigen, wie diese Abnormität doch immer ein Produkt der Sünde in genere ist.