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Ueber das Werk des P. Abaelard:
„ Ethica seu scito te ipsum.“ Vom Predliger Dr. Bitteher.
Anmerkung. Die Citate beziehen sich auf Pezii Anecd. T. III. P. II
Es ist bekannt, dass zu den Zeiten der Scholastiker und selbst noch einige Jahrhunderte spä- ter eine eigentliche christliche Moral oder richtiger eine theolog. Disciplin der Moral innerhalb der theolog. Wissenschaften keine Stelle hatte. Die Wissenschaft, welche wir heute so nennen, wurde in der Regel in den systematischen Bearbeitungen der christl. Lehre, welche durchweg ein dogmatisches Gepräge trugen, wenn überhaupt, so doch nur beiläufig in dem Artikel von der Sünde abgehandelt, bis Calixt dann derselben zugleich mit einem eigenthümlichen Princip einen berechtigten Platz innerhalb der Theologie anwies. Diese bedeutende Umwälzung in der Anordnung der theol. Wissenschaften datiren einige Theologen in den Handbüchern der Moral (so Schwarz) wenigstens ihrem Anfange nach schon von Abaelard und dem unsrer Beurtheilung vorliegenden Werke an. Sie finden dann den abgerissenen Faden ihrer Fortentwickelung etwa in Lambert Danaeus und andern wieder, und meinen wol Wunder was gethan zu haben, wenn sie aus dem Reformationswerk und seinen eigenthümlich dogmatischen Tendenzen heraus den Grund jener Unterbrechung herzuleiten versuchen. Diesen könnte man schon von vorn herein das Bedenken entgegen halten, dass wol ein solcher Gedanke, einmal gefasst, unmöglich so lange unbenutzt und unausgebildet hätte daliegen können. Dann aber beruht überhaupt jene Ansicht von Ahaelards Werk zum Theil auf einer falschen Beurtheilung dieses selbst, zum Theil auch wol auf einer Verkennung des Wesens der Moral als theolog. Disciplin in ihrem Unterschied einmal von einer christlich philosoph. Bearbeitung der Moral überhaupt*) und sodann von einer dogmat. Entwicklung einzelner Begriffe aus derselben. Die Ethik des Abaelard ist nun so weit entfernt, eines von jenem beiden zu sein, dass sie vielmehr nur als eine Monographie des gan- zen Locus von der Sünde aus der Dogmatik betrachtet werden kann.
Ilierauf führen ausser dem gänzlichen Mangel einer systematischen Entwicklung der ein- zelnen Tugenden und Pflichten aus dem Princip des Guten heraus, also einer eigentlichen an- gewandten Moral, die rein dogmat. Bestandtheile des Buches, die loci von der poenitentia etc., welche beinahe die Hälfte des ganzen Werkes ausmachen. Am deutlichsten wird dies aus einer kurzen Beschreibung der Lehre des Abaelard hervorgehn, die ich unten zu geben gedenke, und auf die ich zur Begründung des obigen Urtheils verweise. Zudem liegt die Bedeutsamkeit seines Werkes nicht sowol in seinem Verhältniss zur Wissenschaft als solcher, vielmehr in der Anre- gung einer tiefen Erkenntniss vom Wesen der Sünde und damit auch eines Missbrauchs dersel- ben d. i. einiger praktischen Irrthümer, die als Lehre der Jesuiten später so verderblich geworden sind.— Bei der Entwicklung des Gedankeninhaltes unsres Werkes darf man nun weder syn- thetisch verfahren, so dass man an ein bereits fertiges System als an einen Maassstab Abae- lards Ideen legte, wobei diese natürlich weder in ihrer Berechtigung anerkannt, noch auch ganz verstanden werden könnten, weil fremdartige Elemente sich von selbst hier einmischen würden, ja auch leicht der Vorwurf erhoben werden könnte, dass man aus einer bestimmten Schule und
*) Auf den Unterschied oder vielmehr die Nothwendigkeit einer Unterscheidung beider Disciplinen hat treffend Lücke aufmerksam gemacht in einem Pfingstprogamm der Göttinger Univ. 1839, das in seinem Grundgedanken wahr und zeitgemäss, in der historischen Kritik grossentheils ungerecht, in dem positiven Abschluss der Streit- frage dürſtig und ungenügend ist.
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