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Scholae Portensis A Mauritio Princ. Duce Saxoniae A. D. XII. Cal. Iunias A. MDXLIII Feliciter Conditae Sollemnia Saecularia Diebus XX. XXI. XXII. Maii A. MDCCCXLIII. Pio Festoque Ritu Celebranda Indicit Et Scholae Fautores Et Amicos Omnes His Sollemnibus Ut Benigne Interesse Velint Collegii Magistrorum Portensium Nomine Invitat / C. Kirchner ...
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ten Pflege des heimathlichen Herdes entzogen sind, so sind sie es auch zugleich seinen manchfachen Sorgen und Bedrängnissen; wenn sie aber einem reichern und glänzendern Leben entsagt haben sollten, so haben sie es aus eigener freier Entscheidung gethan, um hier ein edleres höheres Leben zu gewinnen. Denn hier sollen sie kein Leid tragen, als das sie sich selbst bereiten, und keine andere Sorge haben, als das Ziel zu erreichen, das die Wahl ihrer eigenen Freiheit war.

So ist es! Das sagt uns diese eigene abgeschlossene Welt mit ihrem Reichthume von Um- gebungen, Beziehungen und Besitzthum.

Auf diesem so gereinigten und geebneten Boden, da alle Hindernisse beseitigt und alle Bedürfnisse befriedigt sind, beginnt die Einweihung in das neue Leben, die Erziehung für die Wissenschaft, ihr Werk. Ihre erste Aufgabe ist: sie reicht ihren Zöglingen die Nahrung für die höhere geistige Welt. Hier werden ihre Seelen für das heilige Leben des Sohnes Got- tes auf Erden gewonnen und ihre Herzen mit den edeln und grossen Thaten der Geschichte er- füllt, hier wird ihr Geist zu der Bewunderung der ewigen Hoheit der Natur und zu der Begei- sterung für die unsterblichen Werke der Kunst und Wissenschaft erhoben. Nicht das Nahe und Vorhandene, das Ferne und Unsichtbare ist ihre Welt. Von der Gegenwart und ihren Wirrungen unberührt weihen sie ihre Tage der Vergangenheit und dem Idealen. Religion und Geschichte, Physik im höheren Sinne, und die Werke der Kunst und Wissenschaft alter und neuer Zeit reichen ihnen die geistige Nahrung dar und erwecken in ihnen die Bewunderung al- les Heiligen und Guten, Grossen und Schönen.

So ersteht in ihnen die neue Welt: ihr Reich ist das Reich des Geistes, ihre Entfaltung sind seine ewigen Ideen, ihre Offenbarung ist das Wort. Das frei zu machen, zu üben und zu beflügeln ist die nächstfolgende Aufgabe. Der Geist soll Zeugniss geben von den Wundern der neuen Welt, allein, dass sein Zeugniss dieser Welt würdig sei, so licht und klar und harmo- nisch wie sie so edelgestaltet und herrlich gebaut, das ist die Aufgabe. Dazu muss der junge Geist viel geübt und angewiesen werden in der Handhabung des Worts, des Wortes, für das seine Brust gewölbt und seine Zunge gebildet ist, scine Lungen gebaut und seine Lippen geformt sind, und sein Blut ihm bereitet und ein Herz ihm gegeben ist, des süssen Wortes der theuren Muttersprache. Das vollbringt der deutsche Unterricht. Desshalb ist ihm auch jener grössere und weitere Raum vergönnt. Der Geist ist sich des höhern Lebens bewusst, das Auge sieht die herrlichen Erscheinungen der neuen Welt: wie ringt der Mund mit jugendlicher Scham die lichten flüchtigen Gestalten zu bemeistern!

So ersteht in ihnen die neue, aber offenbare Welt; und doch ist diese Welt noch nicht die Welt der Wissenschaft, noch nicht die Welt des sich selbst erkennenden Geistes. Nicht darauf kann es hier ankommen, der Welt des Geistes überhaupt anzugehören, denn also ist ein Jeder der aus dem Geist geboren ist, auch darauf nicht, dass man von dieser Welt Zeug- niss ablegen könne durch das Wort, denn das ist eine Anforderung, die wir an jeden Ge- bildeten zu machen berechtigt sind. Sondern darauf, dass das Wort sich selbst offenbar werde, auf das Wort vom Wort, dass dieses Licht dem Auge gegeben werde, Licht im Lichte, dar- aufkommt es hier an, das ist die eigentliche, die höchste Aufgabe dieses Ortes. O dazu bedarf es gewiss der allermanchfaltigsten und wiederholtesten Uebungen an dem Wort. Darum ist diesen Uebungen auch der allerweiteste Raum gegönnt. Nicht, weil sie das Höchste, sondern weil sie das Nothwendigste sind, das Nothwendigste, um die Aufgabe zu lösen und das