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Eine Wohl-vollbrachte Ritterschafft Und Wallfahrt zur ewigen Wohlfahrt, Dardurch man des Himmlischen Kleinods wird theilhafft : In einer sonderbahren Leichen-Rede, Aus 2. Tim. IV,7. 8. Nach dem seeligen Ableiben Des ... Herrn Johann Heinrich Palmen ... Hof-Jubiliers, und Niederlags-Verwandten zu Wien ... Als Derselbe ... 1710. den 18. Aprilis allda seelig gestorben ... / Vorgestellt und auf Begehren ausgefertiget Von M. Ludwig Carl Ditzinger, Ministerii Seniore
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80 Chriſtliche

meiſte Sorge des falſchen Chriſtenthums zu behaupten/ das offenbahre Fleiſches⸗ Wercke/ Sodomitiſche Greuel den Glauben und Liebe nicht verletzen? das heißt ja die Liebe verjagen und nicht der Liebe nachjagen? Und wo iſt wahre Vertraulichkeit unter Ehegatten und Bluts⸗Freunden? wo iſt die hertzliche Bru⸗ der⸗Liebe? wo iſt Mitleiden mit den Elenden? wo iſt Huͤlff⸗Begierigkeit und Willigkeit gegen die Armuth/ wo Rath und That gegen die Nothleidende und Verlaſſene? Jaget denn nicht einer den andern/ daß Er Ihn verderbe/ und iſt manchem leid/ daß Ers nicht aͤrger machen kan? Und wer macht ſich daruͤber Gewiſſen/ wer ſcheuet den Zorn und Gericht GOttes? wem kommtſolcher Sinn und Lebens Art ſchwer und ſauer an? aber was Uberwindung und Richtigkeit

der Begierden erfordert die vernuͤnfftige/ will nicht ſagen Chriſtliche Liebe.

Und wie rahr iſt die Gedult in Truͤbſal/ die Gleichmuͤthigkeit bey aͤuſſerlichen Veraͤnderungen/ die Zufriedenheit bey allen Schickſaalen/ die edle Gelaſſenheit/ die Gemuͤths⸗Ruhe und Seelen⸗Stille im Harren und Warten auf Goͤttlichen Troſt? wer preißt die Weißheit und Gerechtigkeit SOttes im Leiden? Wer enthaͤlt ſich vom Murren? wer ruͤhmet ſich der Truͤbſaal/ wer freuet ſich im Lei⸗ den? wer zeiget Chriſti und die Glaubens Prob/ welcher/ wenn er rechtſchaffen iſt/ Gedult wuͤrcket? wie unleidentlich iſt das Creutz dem Fleiſch; wem will ſol⸗ ce butere Artzney mit ihrer ſuͤſſen Frucht ſchmecken? will nicht der alte Adam immer in Roſen ſitzen/ verſchonet bleiben und ſeines Willens leben? wie viele

ucht und mortification braucht es nicht biß das Fleiſch und rohe Sinn gebrochen/ gedemuͤthiget werde/ und ſich unter das Joch beugen lerne? Und/ wo ſind die Exempel der Sanfftmuͤthigen/ Friedliebenden und Friede machenden? wer hat gelernet die Boͤſe tragen? wem brudelt nicht gleich das Hertz/ bey der geringſten Beleidigung/ wie ein ſiedender Topff? iſt man nicht williger zur Raache/ als zum Vergeben? wer rathet eher zum Frieden/ als zum Krieg? wo ſind die Taube bey den Scheltworten/ die Stumme bey Verachtun⸗ gen/ die Seegnende gegen die Flucher/ die Langmuͤthige gegen Hitzige angreiffe/ die Flehende und Seuffzende bey anderer Verſtellung der Geberden im Zorn wer ertraͤgts/ wenn man Ihn ſchaͤndet/ raubet/ in das Geſicht ſtreichet? muß nicht gleich die reputation gerettet/ Injurie gerochen/ und wenn der Rechſte nicht leich nachgeben/ und vor der Grandeze ſich beugen will/ aufgegeben und ver⸗ olget werden? Ja eine ſaure minie und ungleiches Wort glsbald eine Gottslaͤ⸗ ſterung ſeyn? O! wie ſchwer faͤllts den Ehrgeitzigen/ ſenſiblen Gemüthern/ die Beleidigung vergeſſen/ Feinde mit Wohlthun und Liebe gewinnen! Kan doch durch eine liebliche Beſtraffung der Nechſte unleidentlich werden. Chriſtus lebte in hoͤchſter Schmach und Verachtung; und du kanſt nicht eine geringe Unehre leiden; da wir doch aller Verachtung werth/ und wahre Chriſten daran zu erken⸗ nen ſind/ wenn ſie der Welt Haß und Verachtung ertragen koͤnnen. a/ wer u Ehren kommen will/ der muß zuvor leiden/ durch Spott und Sohn zur Ehren⸗ Pron gelangen. Und wenn mancher auch je zu Zeiten einen guten Vorſatz faſ⸗ ſet/ ein und andern Zug thut/ wie bald verliſcht die Andacht/ wie bald laͤſſet Er nach/ ehe Ers ſich ſelber verſiehet/ finden ſich Gedancken und Begierden auf an⸗ dere objecten? Gleich wie an einem Seitenſpiel die Seiten von ſich ſelbſt ſich nicht hoͤher ſpannen/ als ſie gezogen worden/ aber von ſelbſten wohl nachlaſſen/ oden gar zerſpringen. 1 MNun ſaget an/ was fuͤr Arbeit/ Kampff/ Ernſt und Uberwindung erforderts dann ſich von der Welt unbefleckt behalten im Stand guter Wercke erfunden zu werden/ im Boͤſen ab und im Guten zuzunehmen/ je mehr und mehr den Sieg üͤber Sunde/ Fleiſch/ Welt/ Satan erhalten/ aus dem Tod ins Leben eindrin⸗ gen/ zum Goͤttlichen Sinn/ Gemeinſchafft/ Wandel/ Stand und habitu des gu⸗ ten kommen/ und darinnen Friede und Freude der Seelen und änen Borſchinaes

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