Leich⸗Predigt n
welches alles muß vollbracht werden. Wie Chriſtus im Kirchen⸗Geſang an⸗ tedend eingeführt wird: Was ich gethan und gelitten hie in meinem Leben ſpat und fruͤh/ das ſolt ihr auch erfuͤllen ꝛc.—
Daher muß Chriſti Erloͤſungs⸗Werck/ wie vollkomen fuͤr uns/ alſo auch in und an uns erfullet werden/ durch den/ der das gute Werck anfangt und vollfuͤhrt/ Phil. I, 6. wie Paulus 2. Cor. V, 19. 20. eines zum andern erfordert und aus dem andern gar nachdencklich herfuͤhret; wie nemlich Chri⸗ nus nut dem Vatter uns vollkommen verſohnet/ und ſolches im Evangelio ver⸗ kundigen und anbieten laͤſſet/ daß man auch wuͤrcklich die Verſohnung anneh⸗ me; und alſo Chriſtus den Zweck ſeiner Erloſung fuͤr uns/ auch an den Men⸗ ſehen wuͤrcklich erreiche; ohne welche jene vergeblich bleibet. Solches geſchicht aber im wahren Glauben/ wenn die ihre Suͤnden und den Zorn fuͤhlende nach der Gnade begierige Seele/ das in Chriſto erkannte Heyl ergreiffet/ und in ih⸗ rer Unwuͤrdigkeit nichts als Verſchonung um Chriſti willen flehendlich ſuchet/ ſo wird ihr die Schuld vergeben/ Chriſti Gerechtigkeit zugerechuet/ und ſelbe in Chruſto angeſehen/ als wenn ſie niemahls geſund:get/ oder die vorige Schuld ſeibſten gebüͤſſet/ alle Gehotte erfuͤltet/ oder der Gerechtigkeit voͤlliges Genuͤgen gethan haͤtte; alſo iſt und bleibt die Erloͤſung Chriſti in und an dem Menſchen erfuͤllet in der Rechtfertigung. Rom. V, 8.9.
Es wird aber der Rath und Wille GOttes auch vollbracht aus und durch den Glauben inder Erneuerung und Heiligungz nicht als ob man aus eigenen Kraifften/ oder durch Geſetzes Werck die Gebotte GOttes vollkommen erfullen konnte; oder als ob bey den Wiedergebohrnen auch die Wurtzel der Sunoe bereits ausgerottet waͤre; keines wegs. Dann ſo wir ſagen wir haben keine Suͤnde(nicht geſundtget/ und ſeyen nimmer ſündlich) ſo betrugen wir uns kelbſt/ und die Warheit iſt nicht in uns. Sondern wie Johannes lehret 1I. Ep. 1. 9. 7. neben und nach der Vergebung der Suͤnden/ remiget SOtt und das Blut Chriſi von aller Sunde. Weilen G0TS keine verfohnt haben will/ welche die Sunde noch lieben/ wuͤrcklich thun oder herꝛſchen laſſen/ ob ſelbe ſchon noch in ihnen wohnet und Ihnen anklebet/ Hebr. XII. dargegen das ſiebende Capi⸗ tel an die Roͤmer nicht muß mißbraucht werden; als darinnen Paulus nicht von muthwilligen/ beharꝛlichen Sunden der Wiedergebohrnen/ ſondern von Rei⸗ bungen/ Beſtrickungen/ Macht der Suͤnden und Schwachheit Suͤnden han⸗ delt/ welche der Menſch wider Willen fuͤhlet/ ſelbe nicht ſelber thut/ ſondern die Suͤnde die in Ihm iſt/ und zwar ſolches in den erſten Stuffen ſeiner Bekeh⸗ rung in einen noch zimlich geſthüch und Knechtiſchen Zuſtand/ biß man/ nach dem c. 8. durch das Geſetz des Geiſtes frey wird von dem gefangennehmenden Geſitz der Sunden. Und alſo nicht nur die Schuld/ ſondern das ÜUbel ſelbſt der Suͤnden nach und nach weggenommen/ und der Leib der Sunden nicht nur entkräfftet/ ſondern durch die Krafft des Todtes Chriſti gar getoͤdtet wird. Daß man ninnner ſundiget/ und ſo lang man in ſolchem Stand verharret/ inzwiſchen immer mehr und mehr gereiniget wird. Joh. XV. Act. XV. nicht ſündigen kan. Rom. VI, 14. Gal. II, 17. 1. Jch. III, 8. 9. 10. So werd der alte Menſch nach und nach ausgezogen/ abgeleget/ gecreutziget/ getoͤdtet/ verweſet. 2. Cor. IV. DOa mag es wohl heiſſen: Pulchrum eſt vitam comummare ante mortem. Und ob es ſchon am meiſten an dem Menſchen ſelbſt ſehlet/ welche die Gnade vergeblich empfangen und die Reinigung ihrer Sunden vergeſſen/ und nur die halbe Erloͤſung Chriſti ergreiffen/ und ſich de⸗ ren getroſten/ damnn die vielgeliebte Sunde moͤge geheget werden; ſo hat doch die Reinigung von Suͤnden ſolche hohe Gradus, daß die wenigſte die mittlere/
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