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Interesse haben können, so ist Schuppius der Ueberzeugung, dass sich das Eine, was Not thut, auch weniger im Dis- putiren und Ergründen der religiösen Fragen und Wahrheiten und ihrer Beziehungen äussere und manifestire, als vielmehr im Leben. Dieses, das in wahrer Frömmigkeit, in christlicher Liebe und Barmherzigkeit thätige Leben— und nicht etwa die sogenannten guten Werke, wozu alles Kirchengehen und Beichtstuhlbesuchen, alle ceremonielle und rituelle Thätigkeiten werden, sobald ein, wenn auch nur vor Menschen rechtfertigen sollender Wert darauf gelegt wird— ist ihm Hauptsache, während ihm das Wissen um die religiösen Dinge und ihren Zusammenhang, sammt aller Dogmatik, weil von so vielen Zufälligkeiten ab- nängig und nicht jedem doch auch zur Theilnahme am „Bauern- und Fischerhimmel“ berufenen Bauer gleicher- massen zugänglich, nur einen untergeordneten relativen Wert hat, gegen das er protestirt, sobald es darnach strebt sich an die Stelle des Einen, was Allen, auch dem Bauer und Fischer, Not thut, zu setzen ¹). Deshalb ist ihm auch „eine Hand voll Gewissen lieber als ein Sack voll Wissen“, zu welchem er dann nach p. 503 in der„erbaren Hure“ vor- zugsweise die viel gepriesene reine Lehre rechnete, deshalb sagt er auch, dass der Teufel nicht vor einem Syllogismus fliehe(„Von der Einbildung“ p. 532) und dass derselbe auch nicht darnach frage, ob einer lutherisch, papistisch oder calvinistisch sei(„Sieben böse Geister“ p. 336), und deshalb will er auch, dass der Geistliche und Prediger nicht blos ein Gelehrter sei, der sich seiner Gemeinde gegenüber in hoher Unverständlichkeit bewege, sondern dass dieser dieselbe Stelle einnähme, wie ehemals die Pro- pheten des alten Bundes d. h. dass er sein Auge gerichtet
¹) cf. Abgenötigte Ehrenrettung p. 652.
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