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Johann Balthasar Schuppius, ein Vorläufer Speners, / für unsere Zeit dargestellt von Alexander Vial, Pfarrer Extraordinarius und Rector zu Neukirchen in Kurhessen
Entstehung
Seite
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356 seine Erscheinung aufgefasst sich begreifen und erklären lässt, ist der etwas paradoxe Satz, welchen er in der Vorrede zu seinemgeplagten Hiob ausspricht: Summa, die Theologie ist fast mehr eine Prfahrung als eine Wissenschaft.

Aus diesem in allen Schriften des Mannes, wenn auch mit verändertem Ausdruck, wiederkehrenden Grundsatze lässt es sich zunächst begreifen, wie es gekommen, dass Schuppius in keiner seiner zahlreichen Schriften jemals eine systematische Auseinandersetzung seines Glaubens gibt, sondern sich an der überlieferten kirchlichen Auffassung genügen lässt. Und wenn er auch bei Einzelnem zuweilen eine subjective Ansicht äussert ¹), so verzichtet er jedoch wieder sogleich auf ihre Allgemeingültigkeit und sagt, die ultima analysis aller Streitigkeiten in Religionssachen laufe doch endlich auf das Princip hinaus: Deus dixit ²). Daher hat er auch noch wenig oder gar keine Kritik geübt, wenn auch versucht. Denn den 151. Psalm spricht er dem David ab, ebenso die apokryphische epistola ad Laodicenses dem Apostel Paulus, und erklärt die Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus für eine blose Parabel oder Fabel, welche zeige, wie mancher bei seinem Bettelsack besser fahre als ein anderer im Glück, was alles dem allgemeinen Zeiturteil widersprochen zu haben scheint).

Doch gehört er deswegen noch nicht unter die Zahl der eifernden Orthodoxen seiner Zeit. Diese sind ihm viel- mehr ganz zuwider und gelten ihm mit ihren Distinctionen und Disputationen nicht vielmehr als pharisäische Mücken- seiger und Kameelenverschlucker. Er will beides bei ein- ander haben, die reine Lehre und das reine Leben.

¹) z. B. der geplagte Hiob p. 156. 162. ) Abgenötigte Ehrenrettung p. 652. 3) ibid p. 627.