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auf der Kanzel und durch kirchenregimentliche Verfolgungen
einzelner sofort als Schwärmereien betrachteter Bewegungen
in der Gemeinde auf jenem sumpfigen Boden ein neues
Leben herrichten zu wollen.— zu beobachten die Gelegen- heit hatte! Da nahm er mit immer deutlicherem Bewusst- sein der herrschenden Theologie gegenüber die Stellung ein, die uns an ihm interessirt.
Das Urteil darüber war zwar schon früh ein verschie- denes. Während nämlich Abraham Calov(in seinem Klag- geschrei auf den Tod Er. Pet. Haberkorns) den Mann zu den vorzüglichsten orthodoxen Theologen der lutherischen Kirche zählt, spricht dagegen Gottfried Arnold(K.& K.
. Geschichte Tom. II, lib. 17. c. s. p. 469. 470) so von ihm: „Es ist auch von Vielen ohne Bedenken Dr. J. B. Schup- pius unter die Zeugen gerechnet worden, welche das ge- meine Elend der lutherischen Kirchen eingesehen und be- klaget haben. Denn ob er wol in der Art des Vortrags den meisten allzu profan vorkommt, so hat er doch in den Sachen an sich selbst mehr Wahrheit vorgetragen, als manchem lieb gewesen, wie seine Schriften genugsam zeu- gen.“ Und in der neueren Zeit gesteht auch Wachler(in seinen biographischen Aufsätzen Leipzig 1834), dass es schwer sei hervorzuheben, was des Mannes geistige und sittliche Absichtlichkeit bezeichne. Diese schwankenden Urteile und Schwierigkeiten haben aber ihren Grund darin, was eben des Mannes geistige Richtung ausmacht, dass ihm das den„Fischerhimmel“¹) gewährende Christentum weniger eine Doctrin, als vielmehr Selbstdarstellung und Leben war, und dass er hier mit selbst Ernst machte. Das, was uns nämlich mit einem Mal den Standpunkt unseres Theologen und den Gesichtspunkt aufschliesst, von wo aus
¹) Calender p. 580.


