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rung nächst der Originalität seines Geistes den Einwir- kungen anderer Persönlichkeiten auf ihn, wie z. B. der des J. V. Andreä, dessen Werke er seinem ältesten Sohne auf'’s Dringendste empfahl, also auch selbst mit In- teresse und Befriedigung gelesen haben muss, ein nicht unwesentlicher Einfluss zugeschrieben werden darf, obwol uns von den unmittelbaren Lehrern Schupps keiner be- kannt ist, der diese Stellung schon vertreten hätte. In- dess die Hauptfactoren liegen einesteils in der Zeit selbst, wo, wie die Wissenschaft überhaupt, so auch die Theo- logie, hohl und leer aus purer Ueberlieferung und For- melwesen bestehend, einen lebendigen Geist wol unbe- friedigt lassen konnte, anderenteils in des Mannes eigen- tümlichen Lebenserfahrungen und namentlich in den zu Hamburg gemachten. Er datirt selbst von dem Beginne seiner Wirksamkeit in Hamburg einen gänzlichen Umschwung seiner Ansichten, sowie auch alle seine theologische Rich- tung charakterisirenden Schriften erst aus seiner Hamburger Periode stammen. Denn trotz der streng gehandhabten Herrschaft der„reinen Lehre“ herrschte dennoch hier, wo sich vieles kriegsflüchtige Gesindel aus ganz Norddeutsch- land zusammengeflüchtet hatte, wo Handel und Gewerbe allen Leidenschaften zu ihrer wuchernden Entfaltung die reich- lichsten Mittel boten, das wüstete, zügelloseste Sünden- leben, das an Greueln dem Heidentum nichts nachgab. Sollte es sich ihm da nicht aufgedrängt haben, dass die „reine Lehre“ noch nicht das Christentum selbst ist? Und nun erst gar, als er noch die fruchtlosen Bemühungen seiner orthodoxen Collegen, namentlich des als Ketzerrichter seiner Zeit sehr wol bekannten und neuerlichst wieder durch Tholuck(Geschichte des akad. Lebens) bekannt gewordenen, und gefürchteten Hauptpastors Johann Müller, durch polemische Auslassungen gegen eine lange Reihe von Ketzern


