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Der Gießener Anzeiger : die älteste Zeitung Gießens ; ein Beitrag zur heimischen Kulturgeschichte / von Karl Ebel
Entstehung
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werkerzünften, unter denen ſich eine anſehnliche Wollen⸗ weber⸗Zunft befand, hatte die Induſtrie keine Vertretung. Auch der Handel war mäßig, trotzdem Gießen an zwei Poſtſtraßen lag und ein verhältnismäßig lebhafter Fremdenverkehr herrſchte. Obgleich die Stadt die Be⸗ zeichnung als Feſtung führte, war die Garniſon ſchwach, ſie zählte 400 600 Mann, ſo daß die Bürger gewöhnlich zum Wachtdienſt herangezogen werden mußten. Die bürger⸗ liche Geſellſchaft erhielt ihren Stempel nicht durch die wenigen Offiziere, ſondern durch die Univerſität, deren An⸗ gehörigen ſich die Räte der Regierung und des Oberamtes, der Stadtſyndikus, einige Advokaten u. a. anſchloſſen. Zwar war der unter den Studenten herrſchende Ton, wie ſattſam bekannt, roh, doch gab es Kreiſe unter ihnen, die ſich einer edleren Geſelligkeit befleißigten und Zutritt zu den Familien derHonoratioren hatten. Die akademiſchen Lehrer, die herabzuſetzen beſonders Bahrdt, teilweiſe auch Laukhard ſich bemühen, dürfen im allgemeinen zu den bedeutenderen Gelehrten Deutſchlands gerechnet werden. Man braucht nur die Zuſammenſtellung klangvoller Namen bei Nebel nachzuleſen, um ſofort zu dieſem Schluß zu kommen. Ein Zeugnis davon, daß wiſſenſchaftlicher Geiſt auch unter den Studenten zu finden war, giebt diedeutſche Geſellſchaft bei der im Jahre 1764 der als Göthes Freund bekannte Juriſt Höpfner das Amt des Sekretärs bekleidete. In die Kreiſe der Bürger, die fleißige, tüchtige und brave Leute waren, mochte nicht allzu viel Bildung gedrungen ſein, wenigſtens zeigen die Vota der Stadtväter vom Ausgange des Jahrhunderts herzlich wenig davon.

Das war die Bevölkerung, der nunmehr durch die Be⸗ gründung eines Blattes eine neue Quelle geiſtiger Nahrung erſchloſſen werden ſollte.

Wenn auch, wie Butte am Anfang unſeres Jahr⸗ hunderts noch klagt, öffentliche gelehrte Leſeinſtitute in Gießen nicht recht gedeihen wollten, ſo darf man doch an⸗ nehmen, daß unter der gebildeten Geſellſchaft einer Uni⸗ verſitätsſtadt ein reges Leſebedürfnis vorhanden war und daß auch Zeitungen von Einzelnen gehalten wurden. Der Rat hielt im Intereſſe der Verwaltung auswärtige Blätter. Die Verordnung das Oekonomieweſen der St. u. V. Gießen betr. vom 19. Dezbr. 1721 ſagt darüber:Die vor Zeitung