Der Menſch unſeres ſterbenden Jahrhunderts, der morgens und abends in ſeiner Zeitung von Dingen lieſt, die tags vorher in den fernſten Winkeln der Erde vorgegangen ſind, und der ungeduldig wird, wenn die Blätter einmal ausbleiben, kann ſich kaum mehr einen Be⸗ griff machen von der Zeit, in der es Zeitungen noch nicht gegeben hat. Und doch ſind— wenn wir von den„Acta diurna“ der Römer abſehen— von den 19 Jahrhunderten unſerer Zeitrechnung 16 ohne dieſe jetzt unentbehrliche Ein⸗ richtung geweſen. Dafür hat ſich das Zeitungsweſen ver⸗ hältnismäßig ſchnell zu höchſter Blüte entfaltet; es giebt heute in der ganzen Welt rund 50 000 Zeitungen, von denen rund 7000 auf Deutſchland entfallen und dieſem in Bezug auf die Preſſe den zweiten Platz in der Reihe der Staaten ſichern.
Die erſten ſchüchternen Verſuche, Nachrichten für einen größeren Leſerkreis von einem Punkte Deutſchlands zum anderen gelangen zu laſſen, fallen in den Beginn des 16. Jahrhunderts. Es geſchah dies auf brieflichem Wege, indem der Schreiber eines Privatbriefes von den Vor⸗ gängen auf politiſchem, wiſſenſchaftlichem, religiöſem u. ſ. w. Gebiete Mitteilung machte. Der Empfänger gab dann den allgemein intereſſierenden Teil des Briefes weiter oder ließ ihn durch Abſchrift vervielfältigen. Allmählich bildete ſich eine regelmäßige Korreſpondenz aus; Korre⸗ ſpondenten waren die bedeutendſten Männer, wie z. B. Melanchthon. Auch entſtanden Centralſtellen, an denen die Nachrichten aus allen Weltgegenden geſammelt und ab⸗ ſchriftlich vervielfältigt wurden. Eine ſolche Sammelſtelle bildete das Handlungshaus der Fugger, das vermöge ſeiner


