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verdient ein Werk ſolcher Art, ſo voll Tieſe und Gründlichkeit, ſo Inn- und Inhaltvoll, ſo voll Geiſt und Wiſſen und epigrammatiſcher Schlagkraft, viel ausführlicher unterſucht zu werden, als es dem Raume und Zweke dieſer Blät⸗ ter gemäß iſt, deſſenohngeachtet mögen einige Andeutungen hierüber auch hier an ihrem Plaze ſein. Wahrem Ver⸗ dienſte die Palme zu reichen, das Gute zu verbreiten, liegt ja in der Sphäre jedes redlichen Journaliſten. Ein Cen⸗ tral⸗ Wörterbuch der geſammten Aeſt— hetik, nach dem Bedürfniſſe unſerer Zeit, nach dem heutigen Standpunkte der Wiſſenſchaft, ward in unſern Ta⸗ gen, wo die ſo ſchwunghaft geſtiegene Bildung, die! ſo mächtig entwikelte Ziviliſation in allen Ständen eingreift, um ſo mehr vermißt, als Sulzers Theorie, ihren früheren Verdienſten unbeſchadet, für unſere Zeit nicht mehr ausreicht und daher nur noch ein geſchichtliches Intereſſe hat. Die deutſche Aeſthetik, Literatur und Kunſt in Sulzers Tagen, vor beinahe 70 Jahren, lange vor der durch den gro⸗ ßen Kant herbeigeführten Gedankener⸗ ſchütterung, vor Goethe, Schiller, Herder, Mozart und all den hohen Genien deutſcher Poeſie und Kunſt, gleicht unſerer heutigen Zeit wie eine alte holprigte Landſtraße einer Eiſen⸗ bahn. Es war ein ſehr kühner aber auch ein ſehr glüklicher Wurf ein ſol⸗ ches Wörterbuch für unſere vielfor— dernde Zeit herauszugeben. Der Ver⸗ faſſer, einer der ausgezeichnetſten öſter⸗ reichiſchen Literatoren, hat ſeine ſchwie⸗ rige Aufgabe auf die befriedigendſte Weiſe gelöſet. Die bedeutendſten Stim⸗ men des Inn⸗ und deutſchen Auslan⸗ des haben über die Klaſſizität dieſes Werkes ſchon bei Erſcheinung des er— ſten Bandes entſchieden. Jezt, da es
mit dem zweiten Bande geſchloſſen iſt, ſollte es in keiner Privatbibliothek irgend eines Literaten oder Künſtlers, bei keinem wahre Bildung und Beleh⸗ rung Suchenden mit dem Geiſt der Zeit Fortſchreitenden fehlen.
Mignon⸗Zeitung.
Buntes aus Paris. Die Gräfin N. in Paris hatte kürz⸗ lich an Lord M. in London geſchrie⸗ ben, daß ſie ihn am fünften Tage nach Eingang ihres Briefes um ein Uhr Mittags bei ſich empfangen werde. Der Lord traf wirklich zur beſtimmten Zeit ein, ſtattete der Gräfin ſeinen Veſuch ab, und reiſte ſogleich nach London zu⸗ rük, um einer wichtigen Verhandlung im Oberhaus beizuwohnen.— Der berühmte Tenoriſt Haitzinger hat die Konzeſſlon zur Errichtung einer deut⸗ ſchen Oper in Paris erhalten, wo er bereits vor mehreren Jahren mit gro— ßem Beifall aufgetreten war.— Hier beſteht eine Aſſekuranzgeſellſchaft, die den Wagenbeſizern für die Folgen der Unvorſichtigkeit ihrer Kutſcher Entſchä⸗ digung leiſtet. Mitteſt einer Prämie von 30 Cent. täglich können dieſe alſo ohne Bedenken die Vorübergehenden niederfahren!— Ein Kapitaliſt in Lyon, Hr. Veaumont, ſoll in der lezten Wie⸗ ner Serienziehung 300,000 Gulden ge— wonnen haben. Man ſagt, er wolle 200,000 Gulden für die dürftigen Lyo— ner Arbeiter geben..
Dresden. Die unſichtbare Göt— tin der Mode wirkt auf manchen Fa⸗ brikanten grauſam nachtheilig. So lei⸗ det z. B. jezt die arbeitſame niedli⸗ che Stadt Glaucha im Schönburgiſchen durch die berrſchende Mode, Seidenwe⸗ ſten zu tragen, ſo ſehr, daß mehrere Wollenweſten⸗Fabrikanten, die bis jezt ihr reichliches Brod fanden, nach Nord⸗ amerika auswandern wollen. J.
Nedigirt von der Redoktion des Spiegels.


