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Prag(5. März.). Dame Grippe, geborne Influenza, alias Conſtantine genannt, hat bei uns übel gehauſt und faſt kein Haus verſchont. Faſt dreiviertel unſerer Einwohner waren heimgeſucht! von der Charmanten, in deren Gefolge ſich ſpäter Lungenent⸗ zündung, Lungenſucht und Lungen⸗ lähmung befanden, welche trios die Todtenliſten bedeutend füllten. Gott⸗ lob, die Gaſtin macht ſchon ihre Ab— ſchiedsviſiten und hat mir vor ein Paar Tagen ihre Abſchiedskarte zuge—⸗ ſandt.„Lang war der Abſchied für die kurze Freundſchaft“ rief ich mu- tatis mutandis mit Schiller, und ging ins Theater, um Donizettis„Verwieſe⸗ nen aus Rom“ anzuhören. Eine Syrup⸗ waſſer-Muſik mit einem Mandelmilch—⸗ Text, die ſich nur durch die gute Exe⸗ kutirung halten konnte. Auf dem Re⸗ pertoir wird dieſe Oper höchſtens als Lükenbüſſer erſcheinen.— Dame Vilke hat Coopers Roman„der lezte Mohi— kan“ als Theaterſtük verarbeitet und einen dramatiſchen Strumpf verfertigt, der und den das Publikum nicht anziehen wollte. Es war kurios! Nach jedem Akte ward des Publikums weniger und der gefallenen Ma⸗ ſchen mehr. Die Vorſtellung war die Benefize des Hrn. Bayer, der in der Wahl der Stüke ſeit Jahren recht un⸗ glüklich iſt. Ein anderer Strumpf war „Johannes Guttenberg“ von Dame Birch- Pfeiffer, der ebenfalls in jene Welt wanberte, aus welcher Niemand zurük gekommen. Die Vorſtellung hatte den Reiz, daß uns Mad. Korner zum erſten Male vorgeführt wurde. Sie wurde von einigen Gutmüthigen, die eiſerne Hände hatten, gerufen. Hr. Korner, deſſen Benefize die Darſtel—⸗ lung dieſes] Meiſterwerks war, hatte ſich keiner guten Einnahme zu erfreuen. Uebrigens gehört der Guttenberg zu ſeinen beſten Leiſtungen. Auch er wur⸗
de von den Seinigen gerufen, die viel⸗ leicht bedauern, daß er unſere Bühne verläßt. Wenn nun dis beiden genann⸗ ten Produkte unter aller Kritik ſind, ſo weiß ich nicht, welchen Plaz ich der erbärmlichen Sudelei„der fal- ſche Mondbewohner im Uranus“ an⸗ weiſen ſoll. Die Epitheta„elend“ „miſerabel“,„fad“,„monſtrös“ u. ſ. w. ſind für dieſe ſogenannte„Maärchen⸗ Poſſe“ noch eine Auszeichnung. Der oder die Verfaſſer können auf ihre Leute pochen und auf die wenigen Freunde, die den zweiten Akt über⸗ lebten, zählen. Der Unwille des ſpärlich verſammelten Publikums zeigte ſich unzweideutig. Es war ein Mon d⸗ kalb, wie es eine Skriblernatur in Jahrhunderten nicht hervorgebracht und in Jahrtauſenden nicht hervorbringen wird. Es wäre einmal Zeit, daß die Theaterdirektion derlei Machwerke, wenn auch nicht aus Intereſſe für die Kunſt, doch aus Achtung für das Publikum zurükweiſen möchte.—„Das geraubte Kind“, nach dem Franz. von Koch, bewies wieder den bühnenge— wandten Ueberſezer. Kann ich auch nicht die Wahl, auf welche Kochs dra⸗ matiſches Talent zur Uebertragung fiel, billigen, ſo muß ich geſtehen, daß die Bearbeitung hingegen gelun⸗ gen iſt. Dem. Herbſt und Hr. Korner hatten die Hauptrollen, welche die Genannten mit vielem Beifalle dar— ſtellten.— Dem. Gabriele Allram, die vor 6 Jahren in Kinderrollen auf— trat und ſeit dieſer Zeit nicht mehr auf den Brettern erſchien, machte ih⸗ ren erſten theatraliſchen Verſuch als Suschen, im„Bräutigam von Mexiko“ und„bat um Nachſicht“— fürwahr, eine ſolche Anfängerin, die ihren Charak— ter mit ſolcher Routine, ſolchem Geiſte gibt, braucht nicht um Nachſicht zu bitten. Es war keine Anfängerin, der man das Unbeholfene, Einſtudirte


