Ausgabe 
22.10.1853
 
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fuͤr die

Provinz Oberheſſen im Allgemeinen,

den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

M 88.

Sonnabend den 22. Oktober

1853.

Amtlicher Theil.

Das Großherzoglich Heſſiſche

Kreisamt Friedberg an die Gr. Bürgermeiſter des Kreiſes, welche zum

ehemaligen Kreiſe Friedberg gehörten. Betreffend: Die Errichtung von Induſtrieſchulen in den Gemeinden des Kreiſes Friedberg.

Nach Beſchluß der General-Verſammlung des Mathil denſtifts vom 10. d. M. ſoll die Summe von 1500 fl. an diejenigen Gemeinden, welche Induſtrieſchulen errichtet ha⸗ ben, nach Verhältniß der Seelenzahl, auch für 1853 ver⸗ theilt werden. Gleiche Summe iſt auch noch für 1852 zur Vertheilung zu bringen. Die wohlthätigen Folgen und ſegensreichen Wirkungen dieſes nützlichen Inſtituts, wodurch insbeſondere Töchtern der Unbemittelten unentgeltliche Ge⸗ legenheit geboten wird, ſich die zu ihrem demnächſtigen Fortkommen erforderlichen Kenntniſſe und Fertigkeiten an⸗ zueignen, ſind zu bekannt, als daß eine weitere Erläute⸗ rung hierüber noch für erforderlich zu erachten iſt.

Ich glaube daher auch mit Bezug auf die Ihnen bei der Rundreiſe gemachten Eröffnungen von den Ortsvor⸗ ſtänden gewärtigen zu dürfen, daß Sie dieſen wichtigen Gegenſtand nicht außer Acht laſſen und angelegentlichſt dahin zu wirken zu ſuchen, daß überall mittelſt des Zu⸗ ſchuſſes aus dem Mathildenſtifte Induſtrieſchulen errichtet werden. Binnen 14 Tagen ſehe ich berichtlicher Vorlage entgegen, ob Induſtrieſchulen errichtet ſind, und, wo ſie bereits beſtehen, welchen Fortgang und Erfolg ſie bisher gehabt haben.

Friedberg am 15. Oktober 1853. 0 de Beauclair, Kreisaſſeſſor.

Die Geſchwiſterkinder. Eine Geſchichte von W. O. von Horn. (Schluß.)

Der Wirth ſah ihn etwas verwundert an. Wie kommen Sie zu der Frage? ſagte er. Der war ſeit Jahren nicht krank, und iſt heute noch, geſund wie ein Fiſch im Waſſer, an mir vorübergegangen.

Nun, wenn Sie ſich wundern, daß ich ſo fragte, ſo werden Sie ſich doch nicht wundern, wenn ich frage, ob des Poſtexpeditors Großeltern noch leben?

Ja, das iſt etwas Anderes, ſagte der Wirth, denn die ſind Beide tief in den Achtziger; aber ſie ſind noch

munter und queck auf den Beinen. Noch am letzten Sonntage gingen Beide in die Kirche mit der ſchönen Fräulein Lorenz! Der alte Freund des Kanzelliſten Wil ken predigte, der alte Paſtor Müller!

Mit der Nennung dieſes Namens fiel ein Stein von der Seele des Obriſten. Jetzt hatte er den Mann ge⸗ funden, der die Großeltern und Lorenz, vor Allem aber ſein Rickchen auf ſeine Wiederkunft vorbereiten konnte. Der Bediente mußte ihm ſeinen weiten Mantel reichen, und, in dieſen gehüllt, verließ der Obriſt das Wirthshaus, wo der Wirth in großer Spannung zurückbleiben mußte, obwohl er gerne ein Bißchen ſpionirt hätte, wo der Fremde hingehe.

Fritz, ſo will ich wieder den Obriſten nennen, ging in die Wohnung des Paſtors Müller, den er auch zu Hauſe traf, obwohl der alte Mann im Begriffe ſtand, auszugehen.

Müller erkannte ihn nicht; aber wie erſchrack freu dig der alte Ehrenmann, als er ſich nannte! Nun däm⸗ merte ihm auch die Erinnerung wieder, und bald fand er ſich ganz wieder in ſeine Geſichtszuge. Auch der Paſtor wollte ihm jetzt die Geſchichte mit Franz erzählen, die Fritz ſchon kannte. Statt deſſen berieth ſich Fritz mit ihm über die Vorbereitung aller ſeiner Lieben auf ſein unerwartetes Erſcheinen, weil er davon die nachtheiligſten Folgen fuͤr die beiden Alten und Rickchen befürchtete. Es macht ſich ganz beſonders ſchöͤn, Herr Obriſt, ſagte der Paſtor, denn ich entſinne mich, daß heute Ihrer Groß mutter drei und achzigſter Geburtstag iſt. O, der Herr leget dem Alter des Gerechten viele Jahre zu!

Auch Fritz erinnerte ſich jetzt deſſen, und nachdem ſie Alles verabredet, ging der alte Paſtor zu den Groß eltern. Er fand die guten Alten recht vergnügt, denn Rickchen hatte ihnen eben erzählt, ſie habe geträumt, Fritz ſei zurückgekommen, und ihre Hoffnung klammerte ſich feſt an dieſen Strohhalm! Auf dem Tiſche ſtand ein herrlicher Strauß blühender Aſtern und ſpäter Roſen. Mit dieſem Strauß und einem Kuchen hatte Rickchen die

Großmutter angebunden, und bald darauf kam Herr Lo⸗ renz mit einigen Flaſchen alten Weines.

Ja, ſagte Müller, das beſte Angebinde wäre freilich Ihr guter Fritz. Nun, wer weiß, vielleicht wird Rick chen's Traum noch wahr!

Das Mädchen zuckte in freudigem Schrecken zu ſammen. Sie blickte forſchend in des Paſtors Angeſicht.

Plötzlich ſprang ſie auf und rief: Sie haben Thränen in den Augen, Herr Paſtor! Sie wiſſen etwas!