Ausgabe 
21.12.1853
 
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Intelligenz

fuͤr die

Provinz Oberheſſen 8 im Allgemeinen, N den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.

M100.

Mittwoch den 21. Dezember

Dies Weihnachtsfeſtes wegen erſcheint den 28. d. M. keine Nummer d. Blattes.

Drei Splitter. Aus Joachim Mürat's Leben. Von Fr. Iſ. Proſchko. (Schluß.)

Abdul Horem, das war der Name des Korſaren, hatte mehrere Tage in dem Hafen von Neapel zuge⸗ bracht, um ſein Schiff kalfatern zu laſſen. Auf einem Spaziergange am Meeresgeſtade hatte er die herrliche Lauretta erblickt und ſein Gefühl für dieſe ſeltene Schön heit war ſogleich entbrannt. Nun war ſie durch die Ge⸗ ſchicklichkeit des Mohren in ſeiner Gewalt, und er beſchloß unwiderruflich, ſie ſeinem Harem in Marokko anzureihen. Abdul Horem beſaß einen aufbrauſenden, heftigen Cha⸗ rakter, der ihn öfters zu Grauſamkeiten gegen ſeine Unter gebenen verleitete. So geſchah es, daß bereits nach ſeiner Abreiſe aus Neapel das Schiffsvolk ſchwierig zu werden begann, und dauerte die Fahrt noch lange, ſo war eine Meuterei des Schiffsvolkes nicht unmöglich. Ein höchſt geringfügiger Umſtand begründete das Verderben Abdul Horem's. N

Es war am zweiten Nachmittage nach der Abreiſe des Korſaren von Neapel, als Abdul Horem, müde, noch länger den Schonenden gegen Lauretta zu ſpielen, in's Zwiſchendeck hinabſtieg, um den Befehl zu ertheilen, die Franzöſin in ſeine Kajüte zu führen. An eine Kiſte mit Ballaſt gelehnt, ſtand der Oberbootsmann und ſpielte mit einem kleinen Biſamäffchen, dem er Obſt darreichte. Abdul Horem warf durch die Schnelligkeit, mit welcher er an dem Bootsmann vorüberging, das Aeffchen auf die Erde, welches, der groben Behandlung ungewohnt, dem Korſaren in's Geſicht ſprang und demſelben mit ſeinem langen Schweife ein Paar Schläge auf die Stirn verſetzte. Hier über ergrimmt, ſchlug Abdul Horem den Hochbootsmann mit geballter Fauſt in's Geſicht, und befahl, das Aeffchen in's Meer zu werfen, den ſich zur Wehre ſetzenden Ober⸗ bootsmann aber an den großen Maſt zu binden und mit Ruthen zu ſtreichen. ö 8 Sch Oberbootsmann ließ ſich auch wirklich auf das Oberdeck führen, als er aber an dem großen Maſte an⸗ gekommen war, riß er ſich von den ihn nur leicht um⸗ gebenden Genoſſen los, ſchwang ſich auf den Vordermaſt, und hatte mit Blitzesſchnelle die venetianiſche Flagge mit dem Löwen des heiligen Markus herabgeriſſen und dafür

Maſte,und abermals, nein! Horem! Dort ſchwimmen die Rächer herbei, die Du ſelbſt

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die tuneſiſche Korſarenfahne der Raubſtaaten aufgehißt. Sein ſicheres Auge hatte ihn nicht getäuſcht; vom fernen Horizonte her bewegten ſich nun drei immer größer wer dende Punkte, die allmählich zu drei ſtarkbemannten Linien ſchiffen wurden, deren jedes die neapolitaniſche Flagge am Steuer hatte.

Die Flagge, herab, den Löwen hinauf! rief der geängſtigte Korſar, der wohl wußte, daß er drei ſo mäch tigen Gegnern nicht gewachſen ſei.

Nein! dönnerte des Hochbootsmanns Stimme am Dein Ende naht, Abdul

gerufen haſt! Brüllend und mit lautem Jubel beant wortete das übrige Schiffsvolk die Rede des Hochboots mannes, der Korſar aber eilte glühenden Zornes das Verdeck hinab zur Pulverkammer. Aber die Meuterer holten ihn noch zur rechten Zeit ein, und knirſchend vor Wuth, wurde er auf dem Verdecke gebunden, ein Gegen ſtand des Spottes denjenigen, denen er noch kurz vor her Befehle ertheilt hatte. Indeſſen kamen die Schiffe immer näher. Ein Kanonenſchuß, der die Schiffswand durchbohrt hatte, blieb unbeantwortet, dagegen flatterte am Steuerborde eine weiße Fahne, zum Zeichen, daß die ſonſt ſo furchtloſen, nun gänzlich entmuthigten Korſaren ihr Schiff, ihre Ladung und ihren Führer übergeben. So gleich wurde die Kanonade auf den Schiffen eingeſtellt und Boote ausgeſetzt, um nähere Erkundigungen einzu holen. Die drei Schiffe, wovon das größte mit vorzuͤg licher Pracht ausgeſchmückt war, näherten ſich der Kor ſaren⸗Fregatte. Kaum ſtanden ſie jedoch ziemlich nahe, als zwanzig Feuerſchlünde des Korſarenſchiffs ihre Kugeln entluden, und die Fregatte, die Verwirrung auf den Linienſchiffen benützend, alle Segel aufſpannte, um die hohe See zu gewinnen.

Aber die Nemeſis hatte den treuloſen Räubern ihr Ziel geſetzt. Zwei Seemeilen vom Kampfplatze wurde der Kranich, ſo hieß die Fregatte des Korſaren, von den drei Neapolitanern eingeholt, und nun begann das Ge ſchütz zu ſpielen. Eine Stunde lang verhüllte Rauch und Pulverdampf die fürchterliche Kampfesſcene. Das Meer zitterte unter den Rieſenſchlägen der ſchwankenden Schiffe. Das Gebrüll der Korſaren, welche wie Verzweifelnde fochten, verhallte in dem Donner der Geſchütze, und die furchtloſen Ungeheuer des Meeres wichen dem Grimme

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