Ausgabe 
14.12.1853
 
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ntelligenz-Blatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke

im Beſonderen.

98.

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Mittwoch den 14. Dezember

18538.

Drei Splitter. Aus Joachim Mürat's Leben. Von Fr. Iſ. Proſchko. (Fortſetzung.)

Luſtig ſchmetterten die Trompeten durch die blauen Morgenlüfte, tauſend und tauſend Fenſter ſchimmerten vom Morgenſtrahl geröthet der blanken Schwadron entgegen, welche auf der Höhe des Montmatre mit ihren Roſſen den Staub aufwirbelte. Freudig blickte der Lieutenant Bollieu auf die Weltſtadt hinab, welche ſein größtes Kleinod barg. Noch hielt ihn die ſtrenge Subordination vor der Fronte gefeſſelt. Da wirbelten Trommeln, die Eskadron machte Halt, und von einem Kommando Na⸗ tionalgarde begleitet, trat ein Offizier derſelben vor, fragte Bollieu nach ſeinem Namen, und als ſich dieſer nannte, dankte ihm der Nationalgardiſt im Namen des Vaterlandes für ſeine geleiſteten Dienſte und erſuchte ihn, zu folgen. In der Conciergerie, wohin der Gardiſten-Hauptmann ihn führte, angekommen, wurde dem erſtaunten Lieutenant, der nichts Anderes als eine Bürgerkrone erwartet hatte, ſein Degen abgenommen und er in einem ſtark vergitterten Gewölbe mit ſich und ſeinem traurigen Schickſale allein gelaſſen. Es war das Werk Grevée's, des Gewürzkrämers von Nancy

In dieſem Gewölbe ſaß Bollieu finſter und in ſich gekehrt, als ſeine Lauretta, durch Madame Veraux von ſeiner Ankunft und Verhaftung in Kenntniß geſetzt, am Greveplatz den Liebling ihrer Seele, aber vergebens, ge ſucht hatte. Er war feſt überzeugt, daß hier eine Ver⸗ wechslung vorgegangen ſein mußte. Traurig blickte er nach dem hohen Fenſter empor; auf der kahlen Wand, die ſchon manches Opfer in ſich geſchloſſen haben mochte, ſtanden die Worte mit einer Glasſcherbe gekritzelt:Hodie cras tibi. GHeute mir, morgen Dir.) Bollieu, der ſich geſtern noch der Glücklichſte der Sterblichen dünkte und heute dem Tode verfallen war, ſeufzte, von der Wahrheit des Spruches ergriffen, tief auf. Die Schlüſſel klirrten und der Gefangenwärter mit dem wachthabenden Offizier trat herein.Bürger! rief der Gefangenwärter,ſchickt Euch an zum letzten Gange, richtet Euch auf, wie es dem Soldaten geziemt.

Menſch! rief Bollieu,ungehört, ungerichtet ſoll

ich ſterben? a 8Ihr waret es, ehe Ihr hierher kamt, ſagte der

raue Schließer. 8 Die Trommeln wirbelten und der Lieutenant trat

mihi,

bei dem Scheine einer matten Laterne in den Hofraum, wo noch mehrere Opfer ihres Todes harrten. Schneidend blies der Morgenwind von der Seine herüber. Im dumpfen Todesſchritte wankte der Menſchenball dem Blutplatze zu:

Väter, Mütter, Männer und Gatten, wie ſie eben der

ſchreckliche Seuſeumann zuſammenwürfelte. Am Richt⸗ platze hielt der Zug. Die furchtbare Maſchine hob ſich gähnend und klirrend und ſank, und ein Haupt rollte in den Sand. Bollieu, der noch immer nicht wußte, warum er verurtheilt ſei, wurde vorgeſtoßen und ſtand an der Stufe des Gerüſtes.Menſch! fragte er den Henker, der ihm hinauf helfen wollte,warum leide ich den Tod?

Weil Du ihn verdient haſt! war die Antwort. Allons, Bürger! nicht gezögert, der Weg da hinauf iſt nicht ſo ſchwer.

Der Lieutenant iſt frei! donnerte es in der Men⸗ ſchenmaſſe, und der lange Kapitän drängte ſich hervor.

Im Namen der Republik! rief er und hielt ein Papier hoch empor, daß es in den Lüften flatterte, wie eine Rettungsfahne des Leuchtthurmes im Sturmgebrülle des Orkans.Der Lieutenant iſt frei! rief er noch einmal, und ſcheu traten die Henker zurück vor dem Langen und ließen Bollieu los. Der Kapitän nahm ihn unter den Arm, entführte ihn dem Menſchengedränge und drückte ihn am Ende des Platzes in eine bereitſtehende Kutſche. In Lauſanne treffen Sie Laurette, ſagte er zu Bollieu, der wie im Traume ſchwebte und nicht wußte, wie ihm geſchah.Hier ein Paß, rief der Kapitän, drückte dem Erſtaunten zugleich eine volle Börſe in die Hand, rief dem Kutſcher zu:Fort! und die Chaiſe rollte über die Straße hin, daß das Pflaſter klirrte und die Funken da von ſprangen.

Eine Stunde von Paris, auf der Straße nach der Schweiz zu, öffnete Bollieu die Börſe. Auf einer Rolle Louisd'or lag ein Splitter von einer Billard ſt ange.

3.

Die franzöſiſche Armee war über die Bereſina ge gangen. Napoleon hatte den Oberbefehl über die Reſte des großen Heeres ſeinem Schwager, dem Könige von Neapel übergeben, und war nach Paris geeilt. Mürat, welcher wohl einſah, daß er ſelbſt dieſe Trümmer nur dann vor der gänzlichen Auflöſung retten könne, wenn ſtrenge Disciplin gehandhabt würde, ließ gleich am erſten Tage unter Trommelſchlag verkünden, daß Jeder, vom erſten Stabsoffizier bis zum letzten Gemeinen, der es

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