Nein! Nein! Ihr wißt nicht, Herr, wie das bei uns iſt. Wenn ich ihm auch dieſes Jahr entginge, ſo müßte ich das nächſte dran. Es iſt keine Macht, die mich retten könnte! Die Geſetze ſind unerbittlich und die Regierung wahrt ſie ſtrenge.
Aber warum fürchteſt Du den Korallenfang ſo ſehr?
Das ſoll Euch bald klar werden, ſagte er. In acht Tagen ſtechen wir in See, und erſt nach einem halben Jahre kehren wir wieder, wenn wir überhaupt wieder— kehren, denn die Gefahren ſind ungeheuer. Denkt Euch, in ſchwanken Barken, die meiſt noch alt und gebrechlich ſind, gehen wir unter Segel. Je weniger Auslage die Ausruͤſtung koſtet, deſto größer iſt des Unternehmers Ge— winn. Auf Menſchenleben ſieht kein Menſch. Ob zwei, drei, ob alle ſterben, was liegt daran? Wenn nur der Capitän mit der Barke und der Ladung Korallen zurück⸗ kommt. Wir werden, wie ich Euch ſagte, eingeſchifft. Unterwegs müſſen wir die Netze ſtricken und den Dienſt der Barke zugleich verſehen. Wir ſind unſerer acht mit dem Kapitän, der ſich gut ſein läßt. Ihm und ſeinen Launen, ſeiner Rohheit und Bosheit ſind wir willenlos anheim gegeben. Er darf uns mißhandeln, ſelbſt nieder— ſtoßen oder niederſchießen, wenn wir nur eine Miene bei ſeiner Barbarei verziehen. Sind wir angelangt an der Stelle, welche die Capitäne genau kennen, da ſie ſeit vie— len Jahren immer an derſelben Stelle fiſchen,(denn die Korallen wachſen in Jahresfriſt immer wieder ungeheuer an) ſo werden die Netze, die unten mit Kugeln beſchwert ſind, in die Tiefe geſenkt. Der, welcher ſie wirft, hat das Tau, an welchem das Netz befeſtigt iſt, um den Schenkel gewunden. Bleibt das Netz unerwartet hängen und faßt ein Windſtoß die Barke, ſo wird er entweder in die See hinabgeriſſen und da er ſich nicht frei bewegen kann, iſt er in hundert Fällen neun und neunzig Mal verloren— oder das Tau reißt ihm das Fleiſch bis auf die Knochen vom Schenkel und er muß elendiglich ſterben, da an ärztliche Hülfe in der Barke nicht zu denken iſt. Erwägt Ihr nun, daß der Fang Tag und Nacht un— unterbrochen fortgeht, und alſo Jeder an die Reihe kommt; daß kaum vier Stunden Schlaf den völlig ermüdeten, er— ſchöpften Körper erquicken; daß nur die ſchlechteſte Nah— rung gereicht wird und in höchſt dürftigem Maaße; daß endlich das faſt ein halbes Jahr in Einem fort dauert, und nehmt Ihr die Gefahren des Meeres und des Wetters hinzu— ſo werdet Ihr begreifen, warum mir das Herz ſo ſchwer. Was ſoll aus der guten, armen Annun-⸗ ciata werden, wenn ich mein Grab im Meere finde?—
Das Gefühl, welches ſich jetzt in Ihren Zügen aus— drückt, ſprach Thornton zu mir, entſchuldigt und recht— fertigt das, welches auch mich bei dieſer Erzählung An— tonios bewegte. Ich überdachte die Lage des Armen; ich fühlte tief, was er empfand; ich war von der heili— gen Geſchwiſterliebe, die dieſes Jünglings Herz erfüllte, tief bewegt.
Wir ſchwiegen beide und Antonio ließ dem bei dem Südländer ſo lebhaften Ausbruche ſeines Gefühls freien Spielraum. Endlich legte ich ihm die Hand auf die Schulter und ſagte: Antonio, ich achte Deine Bru— derliebe ſehr hoch und hoffe, der Herr bringt Dich geſund wieder; aber, ſollte er Dich abrufen, ſo ſeis hier unter Gottes freiem Himmel geſchworen, ich ſorge für Annun— ciata, und es ſoll ihr nichts fehlen bis an ihr Ende!
Da fuhr er auf und ſah mich ſtarr an, und als ich die Hand auf das Herz legte, ergriff er meine Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. San Gennaro, rief er, hat mir in Euch einen rettenden Engel geſendet! Er lohne
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8 100 Ihr nehmet da eine Zentnerlaſt von meiner eele.
Er ergoß ſich nun in die Aeußerungen des heißeſten Dankes mit der ganzen Fülle des Gefühls und der leb— hafteſten Rede. Er kehrte voll ſeliger Freude mit mir zur Hütte zurück und theilte Annunciaten das mit, was ich ihm geſagt, und auch ihr Dank ſtrömte reichlich.
Es war ſeitdem ein andrer Geiſt in die Geſchwiſter gekommen. Ihr Kummer war milder geworden, ohne daß er darum ganz wäre gehoben worden. Das konnte aber auch nicht geſchehen, denn Antonio mußte ja fort auf lange Zeit, und ging großen Gefahren entgegen. Das laſtete auf den treuen Geſchwiſterherzen mit aller Schwere, und oft ſah ich ſie vor der Thüre unter dem Schatten der Baͤume ſtehen in tiefer Trauer. Dann hielten ſie ſich bei den Händen, ſahen einander in die Augen, bis die Thränen rieſelten, und ſprachen kein Sterbenswörtchen dazu. Das hat oft meine Seele tief bewegt und ich habe betend zum Himmel emporgeblickt und leiſe geſprochen: Ach, Herr, erbarme Dich, und trenne ſie nicht auf immer!
Endlich kam der Tag des Scheidens. Annunciata und ich begleiteten den braven Antonio bis zum Lan⸗ dungsplatze der Inſel. Er wars nicht allein, der den ſchweren Weg ging. Noch ſechs Andere hatten gleiches Schickſal. Da kamen denn Frauen und Kinder und begleiteten die Gatten und Väter bis zur Barke, die ſie überſetzte nach Neapel. O das war ein herzzerreißender Anblick! Hatten ſie ſich Lebewohl geſagt und waren die Korallen— ſchiffer bis an die Barke gegangen, ſo kehrten ſie noch einmal um, herzten Weib und Kinder noch einmal, und erſt als der Führer der Barke wild wurde, riſſen ſie ſich los, und die Weinenden winkten ihnen ſo lange zu, als ſie ſie ſehen konnten, und als endlich das Vorgebirge ſie den Blicken entzog, da ſanken ſie auf ihre Kniee nieder und beteten für ſie und die Thränen netzten den Felſen⸗ boden der Inſel.
Annunciata war ganz außer ſich. Nie war ſie ſo lange von dem geliebten Bruder getrennt geweſen, als es nun in ſichrer Ausſicht ſtand. Faſt mit Gewalt mußte ich ſie vom Landungsplatze wegziehen. Alle, die ſo tief— gebeugt waren, eilten nun in die Kirche, wo eben das Gloͤcklein zur Frühmeſſe rief. Auch ich folgte ihnen da—⸗ hin, und, Sie dürfen es mir glauben, nie habe ich eine tiefere, rührendere Gebetsandacht geſehen, als in dieſer Kirche, zu dieſer Stunde; aber ich ſah auch, beſonders in Annunciata, den reichen Segen des Gebets. Ruhiger ſtand ſie auf, ruhiger folgte ſie mir zur ſtillen Hütte unter dem Schirmdache der Bäume. Wir redeten nur von An- tonio. Sie können es kaum glauben, wie das Schweſter— herz überſtrömte von ſeinem Lobe; wie es mir jede ſchöne Liebesthat von ihm mit Begeiſterung pries; wie er gegen Vater und Mutter ein ſo gehorſamer, treuer Sohn ge— weſen und ihr ein ſo treuer, lieber Bruder. Man ſah, ihr Herz ſuchte Frieden in dieſen Erzählungen.
Was meint Ihr, Signor, fragte ſie, San Gen— naro wird ihn nicht verlaſſen? Er hat ihm auch eine geweihte Kerze gelobt!
Nein, ſagte ich, Gottes Liebe iſt reich nnd er hat dem Gebote„Ehre Vater und Mutter“ eine beſondere Verheißung gegeben. Er wird gewiß wiederkehren. O ja, rief ſie gläubig aus, ich will auch alle Morgen und Abend— o was ſage ich?— alle Stunden für ihn beten! Mein tröſtender Zuſpruch erhob ſie ſehr.
Nun lebten wir ſtille zuſammen. Ich fuhr alle Tage mit Antonios Boot in die See; ich angelte in der Bucht, und mein Fang war reicher, als wir ſeiner be— durften. Annunciata trug den Ueberfluß den ver—
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— Beka
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