ntelligenz- Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen im Allgemeinen,
den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
M26.
Sonnabend den 2. April
1853.
Der verlorengegangene Brief. Ein Lebensbild in Novellenform von C. Baldamus. (Fortſetzung.) 22
Mehr als fünfundzwanzig Jahre waren mit all ihren vielen Veränderungen an unſeren Bekannten vor- uͤbergezogen, und das Menſchenkind, das damals ein lächelnder Säugling geweſen, ſtand nun als Jüngling im heißeſten Gewühl der Lebensſchlacht.
Es war Weihnachtszeit; die Bäume im Park des Gutes Schönfeld ſtanden kahl, und auf den Kronen der Föhren und auf der weiten Flur lag friſchgefallener Schnee, und die Sterne funkelten durch den klaren kalten Abend— himmel. Im Saale des Schloſſes brannten mächtige Feuer in den zwei franzöſiſchen Kaminen, und verliehen dem weitläufigen Gemach einen beſonders gaſtlichen An⸗ ſtrich, den der Glanz der Lichter auf den Kronleuchtern noch erhöhte. Frau v. Schönfeld ſaß mit ihrem Sohne Edmund in einer Fenſterniſche des Saales, und Beide blickten in das beſchneite Gefild hinaus nach den Gäſten, deren Beſuch ſie erwarteten. Es waren liebe Verwandte, die auf einem, etwa fünf Meilen entfernten Gute lebten, und mit ihrer Familie die Weihnachtsfeiertage bei ihnen zubringen wollten. Edmund v. Schönfeld, Emiliens ein— ziger Sohn, war nun ein vielverſprechender blühender Jüngling, der bisher allen Erwartungen ſeiner Mutter entſprochen und ihre Sorge und Mühe reich belohnt hatte. Seit dem Herbſte war er von einer größeren Reiſe nach Hauſe gekehrt, die er nach Beendigung ſeiner wohlbenützten Univerfitätsſtudien angetreten hatte, und ſeine freiſinnige wohlwollende Geſinnung, ſein edler enthuſiaſtiſcher Sinn verhießen ihn zu einem ebenſo ehrenhaften als praktiſch brauchbaren Manne zu machen. Zwar hübſch von Geſicht und Perſon, hatte er doch Nichts von der edlen Schoͤn⸗ heit ſeiner Mutter als das große, ſanfte, ſinnige Auge und dieſelbe Ruhe im äußeren Benehmen, welche den gleichen inneren Ernſt barg. In dieſem Augenblick war Edmund ſtumm und ſchien in tiefes Nachdenken verſunken. Frau v. Schönfeld betrachtete ihn lange und liebevoll und bei dieſem Blicke ſchien ihr Mutterherz voll Zärtlichkeit und Stolz zu ſchwellen, und in ihrem Auge erglänzte ein innig gefühltes Glück. Endlich richtete ſie, um ihn aus ſeinem Sinnen zu wecken, die Frage an ihn:„Und wie gefällt Dir Scharffenſtein's neue Erzieherin, lieber Ed—⸗ mund? Iſt ſie ſo hübſch wie die fruͤhere?⸗ N
„O viel hübſcher!“ rief Edmund unwillkürlich, wie aus einem Traume erwachend.
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„Ei, das will viel heißen? Fräulein Schmidt war eine ſehr ſchoͤne liebenswürdige Perſon!“
„O ja,, entgegnete Edmund;„ſie war huͤbſch, gut—⸗ müthig und gefällig; aber Fräulein Dalling iſt eine ganz andere, unendlich hoher ſtehende Erſcheinung!“
„Wirklich? Jenun, dann befremdet es mich um ſo mehr, daß Du mir nicht ſchon früher geſagt, welch gün— ſtigen Eindruck ſie auf Dich gemacht hat!
„Sollt' ich das nicht gethan haben, beſte Mama,“ erwiderte Edmund mit einiger Verlegenheit,„ſo geſchah es wohl nur, weil Du mich nicht darum befragt haſt.“
„Iſt ſie jung? und ſchön?“ fragte Mama weiter.
„Kaum über zwanzig Jahre,“ gab Edmund zur Ant— wort.„Ob ſie ſchön,“ fügte er zögernd und mit leichtem Erröthen hinzu,„darüber kann das Urtheil getheilt ſein — ich wenigſtens halte ſie dafür!“ Dabei dachte er im Stillen: Wie thöricht bin ich doch! Was muß Mama von alle dem halten? Und nach einer kurzen Pauſe fuhr er ruhiger fort:„Jedenfalls iſt ſie ein treffliches Mäd⸗ chen,— Tochter eines Kaufmanns in Berlin, eines ſehr achtbaren ehrenhaften Mannes, welcher in den Ereigniſſen der letzten Jahre und ihren Folgen ſein Vermögen einge— büßt hat. Obſchon in Luxus und Wehlleben aufgewachſen und frühe auf mit dem Gedanken an ein künftiges großes Vermögen vertraut, hat ſie ſich doch auf die leichteſte und zufriedenſte Weiſe in ihre jetzigen Verhältniſſe zu fuͤgen gewußt, und ſcheint mit den Früchten ihres Fleißes und ihrer Talente für zwei jüngere Geſchwiſter, die noch ſchul— pflichtig ſind, zu ſorgen. Scharffenſtein's lieben ſie ſehr, und die Kinder hängen mit der größtmöglichen Hingebung au ihr!“— Edmund ſprach mit ungewohnter Wärme, und ſeine Mutter beobachtete ihn halb mit Theilnahme, halb mit einiger Aengſtlichkeit. Sie wollte eben offener mit ihm reden, als der Ton von Schlittengeläute und Peitſchenknall die Ankunft der erwarteten Gäſte verkündete und Frau v. Schönfeld nothigte, den lieben Freunden nach der Hausflur entgegenzueilen und ſie zu bewillkommnen. Frau v. Schönfeld ſuchte mit den Blicken nach der Frem— den, theils weil ſie eine Fremde war, theils weil die warme Schilderung ihres Sohns ihr ein gewiſſes In— tereſſe für die Erzieherin eingeflößt hatte. Aber Fräulein Dalling trat erſt zu allerletzt in den Saal. Edmund hatte nicht zu viel geſagt, wenn er ſie ſehr hübſch genannt. Selbſt in der ſchwerfälligen Hülle von Mänteln und Pelz⸗ werk, in welcher ſie jetzt ſteckte, konnte man die ausge— ſucht reinen Verhältniſſe ihrer kleinen Geſtalt und die muntre Grazie ihres Benehmens entdecken, während ein
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