Ausgabe 
24.7.1873
 
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Nußlaud. Petersburg. Einer Privat- nachricht aus Taschkend zufolge bleiben die Oren⸗ burger und die Mangischlak- Abtbeilung zur Occupation in Chiwa bis die ersten Friedensbe dingungen erfüllt sind. Die Turkestan⸗Abtheilung kehrt nach Taschkend zurück. i

Amerika. New⸗Nork. Die Cholera ist im Süden von Indiana in heftiger Weise aus⸗ gebrochen.

Aus Stadt und Land.

Bad⸗Nauheim. Der Erb⸗ Großherzog Adolph Friedrich von Mecklenburg⸗Strelitz ist zu einer Badekur hier eingetroffen. 5 2.

Bad⸗ Nauheim. Wir machen das kunstliebende Publikum auf das Concert aufmerksam, welches künftigen Samstag den 26. d. Mis., Abends Uhr, im großen Saale des neuen Kurhauses abgehalten wird, dessen Ertrag in die Kasse des Kur⸗ und Verschönerungs⸗Vereins fließt, welcher bekanntlich seine sämmilichen Mittel zu Zwecken im Interesse der rasch emporblühenden Kurstadt verwendet. Es ist der Thäligkeit des Comites gelungen, ein Pro⸗ gramm zusam menzustellen, wie es den Kurgästen bis dahin nie geboten werben konnte. Vor Allem ist der berühmte Königl. Concertmeister Hr. Fabian Rehseld aus Berlin zu nennen, jetzt selbst unser Kurgast, aber mitgroßer Liebenswürdigkeit bereit, uns einige Violin-Solo's mit meisterhafter Hand vorzutragen. Sodann wird die sehr beliebte Pianistin und ausgezeichnete Schülerin Lißl's, Fräulein Ida Bloch von Frankfurt zwei Stücke auf dem Pianoforte als vollendete Künstlerin spielen. Wie werden von Dilettanten unter den Kurgästen einen vier⸗ händigen Klaviervortrag, sowie einige Solo⸗Gesänge hören und Dilettanten aus Friedberg haben Concertstücke auf Violine und Piano, sowie auf zwei Piano's freund⸗ lichst übernommen. Berücksichtigen wir zuletzt, daß der Musikverein in Friedverg einige gemischte Chöre singt und unser Kurchorchester unter Direction des Herrn Kapellmeisters Neumann überall unterstützend eingreift, so werden wir nicht zu viel behaupten, wenn wir wiederholen, daß ein gleich brillantes Concert in unserer Kurstadt noch niemals zur Aufführung kam. Der Zweck selbst ist ein gemeinnütziger und darf deshalb um so mehr der Unterstützung unserer Kurgäste und benachbarsen Kunst⸗ freunde durch recht zahlreichen Besuch des Concerts sicher sein.

Usfingen. Im Kreise Usingen ißt die Hundesperre auf 6 Wochen angeordnet. Dies wurde in der Gemeinde W. folgendermaßen durch die Schelle publicirt:Auf Ver⸗ fügung k. Amts Usingen ist dahier die Hundswuth aus⸗ gebrochen; es wird Jedermann gewarnt, bei der gesetzliche Straf sein Hund innerhalb 6 Woche anzubenne.

Grünberg. Nachdem in den letzten Wochen zu Wellsaasen und Ermenrod zwei kleine Brände stalthatten, brannten am 17. d. M. in dem benachbarten Reinhards⸗ hain in dem kurzen Zeitraum von nur wenigen Stunden 14 Gebäude nieder. An Mobilien konnten bei der unge⸗ heuren Schnelligkeit, mit welcher das Feuer um sich griff, (es gingen 5 Gebäude zu gleicher Zeit in Flammen auß), nur sehr wenige gerettet werden. Die Bewohner hatten kaum so viel Zeit, um das Vieh in's Freie zu treiben. Bei den Bränden in Wettsaasen und Ermenxod ist die Ursachen derselben noch unbekannt; bezüglich des Brandes in Reinhardshain ist ein Geisteskranker aus Groß-Buseck als ber Brandlegung verdächtig gefänglich eingezogen. Von den Abgebrannten ist auch nicht ein einziger versichert, obgleich sich darunter so vermögende Leute befinden, denen es auf die geringe Versichezungsprämie nicht anzukommen brauchte. Denselben dürfte das sie betroffen habende Unglück die Veranlassung geben, sich in Zukunft nicht mit dem überall ausgesprochen werdenden Satze:Bei uns brennts nicht! beruhigt zu fühlen. Bei dem Ge⸗ witler am Abend des 18. Juli wurden in einem Stalle zu Ruppertenrod 2 Stuck Rind vieh vom Blitz erschlagen.

Worms. Am 19. Juli wurde hier in der Nähe der Schiffbrücke die Leiche des Kaufmann S., Theilhaber der Firma S. u. P. in Mannheim, geländet und von seinen Angehörigen noch an demselben Tage nach Mann⸗ heim verbracht. Momentane Geistesstörung ließ den Un⸗ glücklichen, der eine junge Wittwe und ein Kind hinter⸗ läßt, seinen frühzeitisen Tod in den Wellen suchen.

Alzey. Ein 60jähriger Mann Namens B. aus Odernheim begab sich am 14. d. M. nach dem Rheine bei Guntersblum, stieg daselbst zum Ueberfahren in einen Nachen und stürzte sich während der Fahrt in die Fluthen. Der Nachenführer bemüthe sich, denselben zu retten, jedoch vergebens. Dieser Fall ist um so schmerzlicher, als B. erst vor einigen Tagen seine Gattin zur letzten Ruhestätte be⸗ gleitet und in der Gemeinde als ein geachteter Bürger geschätzt wurde.

Allerlei.

Feiedberg, 21. Juli. Heute vor hundert Jahren, am 21. Juli 1773, hat Papst Clemens XIV. die Bulle Dominus ac redemptor noster unterzeichnet, durch welche der Jesuitenorden aufgehoben wurde. Pius VII. stellte ihn vierzig Jahre später wieder her.

Fraukfurt. Am 20. Juli Abends nach 10 Uhr wurde auf einer der hiesigen Polizeiwachen von einem Dachdecker die Anzeige gemacht, daß er mit Freunden. wesche ihn begleiteten, zum Vergnügen auf der Mainkur gewesen sei. Als er dort für die Rückfahrt seine Pferde habe aufschirren wollen, sei ein unbekinnter Mann mit einem Knittel auf ihn losgekommen und habe ohne Weiteres auf ihn eingeschlagen. Der erste Schlag habe seine Schulter,

[Theuerung, sondern eine Folge derselben.

der zweite das rechte Handgelenk getroffen, worauf es ihm gelungen sei, dem Fremden den Knittel zu entwinden, mit welchem er wie- Wos auf den Angreifer geschlagen habe, bis derselbe zu Boden fiel. In diesem Augenblick habe eine Frau gerufen:jetzt ist mein Mann todt. Der Angegriffene ist, ohne sich um den zu Boden Geschlagenen zu bekümmern, indeß nach Franksurt zurück⸗ gefahren. Der abgelieferte Knüttel ist ein kolossaler Baum⸗ Ast. Die sosort eingeleitete Untersuchung wird den Sach verhalt jedenfalls näher aufklären. g

Gmünd. Am 18. Juli früh um 7 Ubr ereignete sich im Arlillerieschießthale ein schrecklicher Unglücksfall. Die Batterie Erlenbusch schoß aus schweren Festungs⸗ geschützen Bomben nach der Scheibe. Der zweite Schuß, welcher zu kurz fiel, traf das Blockhaus, in welchem 1 Lieutenant und 4 Mann zur Beobachtung der Schüsse untergebracht waren. Lieutenant Zeiher ist todt und 4 Mann verwundtet. 1 185

Berlin. Wir lesen unter den Inseraten derKreuz⸗ zeitung:Ganz wider Erwarten, doch zu meiner sehr großen Freude, hat mich meine liebe Frau Constanze, geb. Gärtner, mit dem fünften Jungen erfreut, was ich hiermit statt besonderer Meldung anzeige. Zechlin den 16. Juli 1873. Adolph Conrad.

Laßt uns ein gutes Beispiel geben, denn gute Deispiele verbessern böst Sitten!

Volkswirthschaftliche Betrachtungen.

Im Staate geht es mit der Zerbröckelung und Auflösung ähnlich wie bei'm Felsgestein. Von den oberen Schichten aus schreitet die zersetzende Kraft allmälig nach den unteren Schichten weiter. Deshalb ist nichts wichtiger, als das gute Bei spiel der herrschenden Klassen in Sitten, Leben, Thun und Lassen.

Diese vorirefflichen Sätze standen jüngst in einer fortschrittlichen Zeitung. Vielen ihrer Leser werden dieselben, wie aus der Seele gesprochen, nachklingen. Gewiß, im Volksleben wirken die Massenbeispiele aus den höheren Kreisen in den niederen. Wäre es anders, dann ginge es ja in dem Volke, in dieser großen Gesellschaft zu, wie in der verkehrten Welt, dann lernten die Gebildeteren von Denjenigen, die weniger wissen, Weil es sich nun nicht also, sondern anders verhält, dürfen wir sagen: Ihr Reichen, ihr Höherstehenden, ihr Gebildeten, gebt ein gutes Beispiel im wirthschaftlichen, im socialen und im kirchlichen Leben!Es ist die Zeit der Gründer, warnt jene Zeitung weiter, d. h. der Mammonsdienst, immer allgemeiner werdend, macht sehr, sehr viele Menschen zu Sclaven. Kein Wunder! Um zu leben braucht man heut zu Tage viel Geld, viel mehr als ehe⸗ mals; denn fast alle unsere Bedürfnißgegenstände kosten jetzt 2 bis 3 mal so viel als vor 30 und 20 Jahren. Aber wie ist dieses gekommen? Es ist sehr rathsam, über diese Frage Belehrung zu suchen, um falsche Vorstellungen aufzugeben und die veränderten Verhältnisse richtig zu beurtheilen und die neue Zeit zu begreifen, ihr angemessen zu leben. Einige meinen, die neuen Gesetze hätten die hohen Preise herbeigeführt. Allein letztere waren bereits vor jenen vorhanden. Seit Auf⸗ hebung der Leibeigenschaft hat es übrigens keine menschenwürdigere Gesetze gegeben, als die über Gewerbefreiheit, Freizügigkeit und Coalitionsrecht. Was uns davon noch unangenehm berührt, sind Mißbräuche und Folgen der alten Banngesetze.

Andere behaupten, die Theuerung sei durch die Steigerung der Arbeitslöhne entstanden. Auch das ist nicht ganz richtig. Die gesteigerten Arbeitslöhne sind nicht die Ursache der

Schon vor den Arbeitseinstellungen war es theuer und auch einfache Waaren(Produkte) sind theuer. Kostet nicht der Kaffee doppelt so viel als vor 15 Jahren, obgleich er mit den europäischen Ar- beitsverhältnissen nichts gemein hat? sind nicht Fleisch, Milch, Butter, Eier ꝛc. entsetzlich theuer, obschon diese Waaren wenige Arbeit, also auch wenigen Arbeitslohn kosten?

Wieder Andere sehen in dem vielen Geld die Ursache der Theuerung.Viel Geld gibt es erst seit dem das Papiergeld eingeführt ist. Dieses aber ist eine absolute Nothwendigkeit des jetzigen Verkehrs- und Geschäftslebens. Hätten wir das Papiergeld nicht, so würden die Anweisungen der

dieses schon jetzt der Fall. Geld, bestehe es aus

Geschäftsleute eine noch größere Rolle spielen, als

und Sittlichkeit herrschen, der Regel nach, nur erarbeitet werden. Da nun das Geld nicht in Kafssen, sondern in Cireulation sich befindet, so könnten wir sagen, die Mehrarbeit sei eine Ursache der Theuerung. Dieses behaupten wirklich viele Sachverständige. Dieselben geben hierüber etwa folgende Erläuterung.

Seit der Verkehr, Handel und Wandel er⸗ leichtert, erweitert und verbessert worden ist, hat sich unser wirthschaftliches Leben in ungeahnter Weise entwickelt; dadurch sind Bedürfnisse und Verbrauch in allen Landen und unter allen Men schen größer geworden. Wohlgemerkt, der Ver- brauch hat zugenommen, in Quantität und in Mannichfaltigkeit. Dieser Mehr⸗ verbrauch verdoppelt wohl nicht selten die frühere Nachfrage. Da ganz gewiß nicht in demselben Maße das Angebot zunahm, so mußte in den Gegenden mit Ueberproduction der Preis in die Höhe gehen. Das war die erste Station der Theuerung. Weil nun alle Menschen mehr aus⸗ geben mußten, die einen in Folge der Ausfuhr, die anderen in Folge der Einfuhr, so wollten auch alle mehr einnehmen. Daraus folgte absolut, daß Jeder, der etwas zu verwerthen hatte, einerlet ob Waaren oder Leistungen, einen höheren Preis zu erlangen suchte. Das ist die allgemeine Theuerung, das zweite Stadium derselben. In diesem ist der solide, wenn auch langsame Erwerb noch vorherrschend. Eine grausige Verschlimmerung in Erwerb und Theuerung, eine Krisis, ist der jetzige allgemeine wirthschaftliche Zustand, die dritte Periode.

Der Grundsatz: weil ich viel Geld brauche (viel Geld ausgebe) muß ich auch viel Geld ein; nehmen, ist ja wirthschaftlich recht und gut, wenn er uns anspornt, zu mehr Arbeit. Darin liegt ein Segen der Theuerung und eine Begründung der Ansicht, die Mehrarbeit sei eine Ursache jener. Allein dieser Weg der Mehr- arbeit ist beschwerlich und gestattel nur ein lang⸗ sames Vorankommen. Deshalb sind vielbeliebt die großen Sprünge nach Reichthum, die hoch⸗ procentigen Geschäfte und Speculationen, welche weniger die Hände, mehr die Herzen und Ge⸗ wissen schwielig machen. Bei einer Erwerbsweise der letzteren Art kommt gemeiniglich auch der un⸗ wirthschaftliche Satz zur Geltung: Wie gewonnen, so zerronnen! Ein durchtriebener, schamloser Luxus nagt vielfältig am wirthschaftlichen und socialen Leben. Das Beispiel ist bös, recht böse und es. wirkt bis in die untersten Schichten hinein. Eins sucht das Andere in den Thorheiten der Mode zu übertreffen oft in einem so großen Uebermaß, daß nicht nur Geschmack und gute Sitten, sondern auch der Geldbeutel Noth leiden. Auch die Ar⸗ beiter wollen reich werden und besser leben. Sie steigern den Lohn. Da hierdurch die Lebens⸗ mittelpreise immer theurer werden, so gewahren die Arbeiter keine Besserung ihrer Lage. Darauf wieder Lohnerhöhung und wieder Preissteigerung. Der Wahnsinn wird epidemisch. Wie ist eine Heilung möglich? Concurrenz und Associationen sind nur Linderungs keine Heilmittel, Da alle Menschen mehr brauchen, so ist es klar, daß in dem wirthschaftlichen und soeialen Resorm⸗Kampfe eine große Mehrheit einer kleineren Minderheit gegenüber steht, daß also die Selbstsucht siegt. Nur eine allgemeine Umkehr kann helfen und diese ist einzig und allein bei einem guten Massenbeispiel zu erwarten. In diesem Beispiele voran zu gehen, fordert ein deutscher Minister die öffentlichen Beamten auf.Ein allgemeines Streben nach schneller müheloser Bereicherung selbst auf Kosten Anderer, die Genußsucht in materiellen Dingen, insonder⸗ heit auch die Putzsucht und Aeußerlich⸗ keiten der Frauen neunt jener Minister die hervortretenden Schwächen unserer Zeit. Ueberall

erde die ernste Mahnung jenes Ministers auch ernst aufgefaßt! Solbst das Beispiel weniger Leute kann hier nützen. An den ersten Ring, entstanden durch einen in's Wasser gefallenen Stein, reiht sich, immer größer werdend, Kreis an Kreis. Das gute Beispiel der öffentlichen Beamten hat noch eine andere Ber eutung. Insofern die⸗

Gold, Silber oder Papier, kann, so lange Recht

selben nämlich nicht ein großes Vermögen besitzen,

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