Ausgabe 
22.11.1873
 
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In Besreff der Reußer Kloster⸗ Affaire ist Folgendes mitzutheilen. Die Oberin des Klosters, die Nonne, welche geboren hat, und Die, welche das Kind nach dem Waisenhaus transportiren sollte, gehören sämmtlich Familien der heiligen Stadt Köln an, von denen eine zur Zeit im Abgeordnetenhause vertreten ist. Die Mutter war, weilbeurlaubt, etwa ein Jahr lang außerhalb des Klosters und kehrte im August d. J. wieder in das Kloster zurück in interessanten Umständen. Nach der Geburt sollte das Kind sofort nach Köln ins Waisenhaus befördert werden, ist aber in der Verpackung, wie man glaubt, erstickt. Die Nonne, welche hier die Kindes⸗Leiche dem Dienst mann zur Ablieferung übergab, trug ein bürger liches Habit und sitzt im biesigen Gefängniß. Diese Thatsache läßt sich nicht leugnen, und wahr⸗ scheinlich werden die Oberin, die Mutter gewordene und die das Kind befördernde Nonne in die Gerichts⸗Verhandlung verwickelt werden.

Posen. DieOstdeutsche Zeitung publicirt den authentischen Brief eines Geistlichen, welcher die hilflose Verwirrung schildert, die schon jetzt durch den Widerstand des Erzbischofs Ledochowski entstanden ist. Zum Schluß heißt es, die niedrige Geistlichkeit sehe es ein, daß der Erzbischof unter⸗ liegen müsse. Die Kirchengesetze enthielten Nichts, was dem Glauben schade und wegen der leeren Form der Mittheilung der Anstellung werde die Geistlichkeit ruinirt, das Volk geschädigt und seiner Hirten beraubt. Diese Ansicht sei bei dem Clerus in der Provinz sehr verbreitet.

München. Im Abgeordnetenhause legte der Kriegsminister einen Gesetz- Entwurf vor, betreffend die Bewilligung eines außerordentlichen Credits von über 24 Millionen für Heeresbedürfnisse. Der Minister motivirt den Entwurf mit der Nothwen⸗ digkeit, den eigenen Interessen zu genügen, und

der Vertragstreue hinsichtlich der gegen das Reich

eingegangenen Verpflichtungen. Der Finanzminister legte einen Gesetz-Entwurf, wonach der Restbetrag des bayerischen Antheils an der französischen Kriegs · Entschädigung von ca. 90 Millionen Thalern u. a. für den verlangten Kriegs⸗Credit verwandt werden soll, vor.

Die Cholera ist hier wieder stärker auf⸗ getreten. Am 9. wurden 11 Cholerafälle amtlich konstatirt, davon 1 Sterbefall, am 18. 4 Er⸗ krankungen, davon 2 Sterbefälle.

Speyer. Die Eröffnung der Frauenarbeits⸗ schule in Speyer hat am 17. November durch den Regierungspräsidenten v. Braun stattgefunden. Die zahlreiche Betheiligung daran(dieselbe zählt 70 Schülerinnen) ist der beste Beweis dafür, daß dadurch ein dringendes Bedürfniß befriedigt wird.

Karlsruhe. Der Landtag wurde am 20. d. durch den Großherzog eröffnet. Die Thronrede betont bezüglich des deutschen Reiches, daß die badische Regierung auf die naturgemaße Entwickel⸗ ung der gemeinsamen deutschen Angelegenheiten unter Wahrung der berechtigten Sondcrinteressen der Einzelstaaten hinwirke und kündigt folgende Gesetzentwürse an: Ueber Modification der Ge meinde Ordnung, Einführung des obligatorischen Fortbildungs⸗Unterrichts, Gehalts Erhöhung der Volksschullehrer, Gewährung von Wohnungszu⸗ schüssen an alle Angestellten des Staates und Aufbesserung der Ruhe⸗ und Wittwen Gehalte. Die Finanzlage wird als eine erfreuliche bezeichnet.

Straßburg. Es bestätigt sich, daß der vor kaum einem halben Jahre in Folge gutgemeinter Familien ⸗Rücksichten von hier nach Nancy über⸗ gestedelte frühere Chef Redacteur des(alten) Niederrh. Cur., dann Deputirter, zeitweilig auch Maire von Straßburg, Herr Karl Börsch, in aller Stille hierher zurückgekehrt ist, um für immer hier zu bleiben. Es dürften allmählich noch zahlreiche ähnliche Rückwanderungen erfolgen.

Ausland.

Frankreich. Paris. Die Stimmung der Pariser am 18. d. war noch eine sehr aufgeregte. Man spricht von einem neuen Gewaltstreich, falls die Gewalten Mac Mahon's nicht verlängert würden. Die Truppen in Paris und Umgegend waren consignirt und hatten für zwei Tage Brod

und gekochtes Fleisch erhalten. Die Sitzung war um 6 Uhr noch nicht beendigt; eine ungeheuere Meyschenmenge wartete an dem Bahnhöfe St. La⸗ zare auf Nachrichten aus Versailles.

Versailles. National a de am 18. Nov. In der Discussion über den Mroro⸗ gationsentwurf ergreift zunächst Laboulaye das Wort und empfiehlt den in oem ersten Commissionsbericht festgestellten Antrag. Berthault, von der Linken verlangt, daß der Herzog v. Broglie seine Demission gebe. Prax⸗Paäris fordert die Parteien auf, für eine Berufung an das Volk zu stimmen, und greift ebenfalls Broglie an. Chesnelong verliest eine Erklärung der Monarchisten, des Inhalts, daß dieselben zwar nicht ihre Mitwirkung an der Errichtung eines Gouvernements Mac Mahon's verweigern, indeß bei der Ansicht verharren, daß die Monarchie die natürliche Regierung Frankreichs sei. Nachdem Justizminister Ernoul eine Rede im Sinne der Botschaft gebalten, wobei er sich auch gegen die Ider eines Plebiseits aussprach, wird die Generaldiscussion geschlossen und die Sitzung vertagt.

Nationalversammlung am 19, Nov. Rouher besürwortet den Appell ans Volk und würde nur einer zwei- oder dreijährigen Verlängerung zu⸗ stimmen. Naquet von der Linken verlangt auch den Appell ans Volk. Ein auf diesen abzielendes Amendement wird mit 499 gegen 88 Stimmen verworfen. Der Rest enthielt sich der Abstimmung. Depeyre entwickelt den Entwurf der Commissions⸗ Minorität, Laboulape replicirt. Da Broglie Er- klärungen geben will, wird eine Nachlsitzung stattfinden. Die Nachtsitzung wird 11¼ Uhr eröffnet und nimmt zuerst der Herzog v. Broglie das Wort. Derselbe weist den ihm gemachten Vorwurf, daß er sich hinter Mae Mahon zu decken suche, zurück, und führt aus, daß eine Aenderung der gegenwärtigen Zustände nichts bedeute, wenn sie nicht auf eine Zeitdauer sestgesetzt würde. Die Nationalversammlung und Mac Mahon bezeugen sich gegenseitiges Vertrauen. An dem Worte Mac Mahon's zweifeln, welcher erklärt habe, daß er die constitutionellen Gesetze wünsche, hieße, ihm unverhohlen mißtrauen oder mit anderen Worten Verwerfung der drei Artikel. Die Discussion über das Amendement Depeyre wird sodann ge⸗ schlossen und die Sitzung für kurze Zeit sus pendirt, Nach der Wieder Aufnahme der Sitzung wird über Artikel 1 des Gegenentwurfs Depeyre, wo⸗ nach die Gewalten Mac Mahon's auf 7 Jahre verlängert werden sollen, abgestimmt und derselbe mit 383 gegen 317 Stimmen angenommen.

Paris. Nach der Sitzung am 19. d. versammel⸗ ten sich die Minister bei Mac Mahon und stellten demselben ihre Portefeuilles zurück. Mat Mahon bat die Minister, die Portefeuilles bis zur Neu⸗ bildung des Cabinets zu behalten. Man glaubt, daß diise noch vor Montag erfolgen wird. Alle Gerüchte über die Zusammensetzung des neuen Cabinets sind bis jetzt verfrüht. Die Ruhe ißt in Paris und ganz Frankreich eine vollständige.

Lyon. Die Journale von hier besprechen die neuerdings in Lyon vorgenommenen Verhaftungen und sagen, dieselben seien auf ein gegen die Sicherheit des Staates gerichtetes Complott zurück⸗ zuführen.

Großbritannien. London. DieTimes meldet, daß die in Arabien ausgebrochenen Streitig⸗ keiten mit der Pforte beendigt seien, indem letztere die Erklärung habe abgeben lassen, das streitige Territorium zu räumen. Die türkischen Truppen würden demgemäß aus Houchalie und dem ganzen Gebiete von Lahey zurückgezogen werden.

Amerika. Newyork. Das Marinemi⸗ nisterium hat im ganzen Lande Aushebungen für die Flotte bis zur äußersten, gesetzlich vorge⸗ schriebenen Grenze angeordnet. Dem Vernehmen nach sind von den noch nicht hingerichtetenVir⸗ ginius Gefangenen vier zu lebenslänglichem schweren Kerker, drei zu achtjährigem Gesängniß verurtheilt worden, drei wären freigelassen.

Das Cabinet discutirte in einer am 19. stattgehabten Sitzung über einen von der spanischen Regierung gestellten Antrag, der dahin geht, der- selben zur Herbeiführung der Genugthuung in der

Virginius- Affaire einen weiteren Aufschub zu gewähren. Die Minister waren elnmüthig der Ansicht, daß die Dringlichkeit der Sitnakion keinen weiteren Aufschub erlaube.

Aus Stadt und Land.

Muschenheim. Vor circa 14 Tagen wurde hier eine Hochzeit abgehalten und 8 Tage darauf waren die sämmt⸗ lichen Hochzeilsgäste, 40 an der Zahl, erkrankt. Ein Mädchen ist bereits gestorben und noch 3 Personen sind dem Tode nahe. Bis fetzt ist die Ursache noch nicht con, statirt; man glaubt, daß ein Schwein, welches zum Hoch⸗ zeitsschmause geschlachtet wurde, trichinös gewesen ist.

Gießen. In den letzten vier Wochen find hier und in benachbarten Orten viele Diebfähle begangen worden, Die Ecmilielung der Diebe war schwieriger als sonß, weil fremdes gemeinschädliches Gefsindel, das man noc nicht näher kennt, sich beliebig in jeder Stadt niederxkassen kann und weil die vagebundirenden Gauner seit Abschaffung der Legitimationspapiere ihre Geschäfte mit mehr Erfolg belreiben können. Bei den ausgedehnten Nachforschungen der Polizei wurden auch dei Angestellten der Bahnen und

es hal sich ergeben, daß sie an dem Vorgefallenen unde theiligt sind. Am 18. d. M. ist nun ein seit langer Zeh verfolgt und gesucht werdender Bursche Joh. Har tmeß aus Daubringen von der Polizei gejaßt und bewogen worden, zwölf Diebstähle einzugestehen. Man hofft den Dieb, der im Bahnhofe einen Koffer mit werthvollem Inhalt gestohlen hat, auch noch zu ermitteln. Hark metz stahl aus Häusern und unbewohnten Hütten: Gänse, Wäsche, Handwerkszeuge und Kleidungsstücke. Er ist der Bruder des im Zuchthause sitzenden Christian Harimeß von Daubringen, der im Juni 1871 mittelst eines Stein wurfs ein 12jähriges Mädchen getödtet hat.

Gießen. Am 19. Novbr. erhängte sich auf der Schütz'schen Bleiche ein Hülfs⸗Hautboist der hiesiger Negimenismusik an einem Weidenbaume. Ein Knecht des Bleichers Schürz sah den Unglücklichen sich aufhängen, lief aber aus Furcht oder Angst davon, ohne denselben abzuschneiden. Die Ursache des Selbstmords ist noch nicht constatirt.

Darmstadt. Der Ausweis über Verkehr und Ein nahme der Hessischen Ludwigsbahn pro October 1873 con? statirt der gleichen Epoche v. J. gegenüber auf den alten Strecken bei dem Personen-⸗Verkehr eine Mehreinnahme von 5800, vei dem Güterverkehr von 20,000 fl. zusammen seit 1. Januar ein Mehr von 326,350 fl. Für die neuen Strecken ftellt sich in der gleichen Periode das Verhältniß der Mehreinnahme wie folgt: 6450 fl. beim Personen⸗

bei Dienstmännern Nachsuchungen vorgenommen; allein

Verkehr, 1200 fl. beim Güterverkehr, und 88,320 fl. sein 1. Januar d. J.

Richen i. O. Dieser Tage wurde zu Hanau ein vor der Mast geschnittener, von Herrn Müller Brennen dahier gemästeter Eber geschlachtet, welcher das enorm Gewicht von 661 Piund halte, und für welchen dag artige Sümmchen von 262 fl. 48 kr. bezahlt wurde.

Mainz. Der hiesige Gartenbau Verein wird als Vorort des Verbands rheinischer Gartenbau⸗Vereine am

stellung von Blumen, Bouqueis, Gemüsen, Früchten, Gerten⸗Plänen und Garten⸗Ütensilien u. s. w. abhalten. Die Ausstellung wird Sonntag den 5. April, Morgen 9 Uhr, eröffnet und endet Montag den 14. April, Abende 6 Uhr. Zur Vertheilung unter die Preisbewerber bewillign der Gar senbau-Verein 3000 Mark. Bei Zusprechung des Preise soll den Preisrichtern als Richtschnut dienen Culturvollkommenheit, Blüthenfülle, Neuheit und blumißi⸗ scher Wer ih, sowie auch geschmackvolle Aufstellung und richtig Eliqueitirung. Mit der Aussiellung ist eine Pflanzen⸗Ver⸗ loosung verbunden.

Oppenheim. Am 18. November fand hier die Vel sammlung der evangelischen Conserenz, der sogenannteg Friedverger, stan. Die Versammlung, zu welcher in politischen wie in kirchlichen Blättern alle Freunde den neuen Kirchenverfassung eingeladen waren, wurde von dem Synodal Mitglied Wernher von Nierstein eröffnet und mi! einigen Worten treffend eingeleitet. Prosessor Dr. Schwabe aus Friedberg, Synodalabgeorbneter sür Worms, erstatteln hierauf Bericht über die Thätigkeit der Synode und ent ledigte sich der ihm gestellten Aufgabe in einem längeren höchst interessanten und für die zahlreiche aus alles Ständen zusammengesetzte Versammlung klaren Vortrag Schwabe delonte zwei Punkte als die wichtigsten in b ganzen Verfassung, die obwohl nur eine äußere Form d Leben bringen solle; die beiden Punkle sind die Bekennt⸗ nißfragen und das Verhältniß zwischen Staat und Kirch In Beziehung auf den ersten Punkt widerlegt er die von den Gegnern der Versaffung in Rede und Schrist 0 aufgestellte Behauptung, Als sei die Confession durch dig Einführung der neuen Verfassung in ihrem rechtliche Bestand bedroht. In Beziehung auf das Verhäliniß des Staates zur Kirche betonle derselbe, wie leider in diet Punkte auf beiden Seiten viel gesündigt, indem man bia Grenzen nicht eingehalten habe. Da über beide Fragen keine Meinungsverschiedenheit sich zeigte, so wurden, c dem der Vorsitzende im Sinne der ganzen Versam mien dem Referenten für seinen Vortrag den Dank ausgesprocheln noch von Professor Dr. Köhler die beiden so verschieden bie ürtheilten Fragen über die Pfarrwahl und dieQualität Bestimmungen der Kirchenvorsteher angeregt. 0 will der Gemeinde voterst zwar ein ensschiedenes Mie wirkungsrecht bei Besetzung der Pfarrstellen zuerki

wissen, hält aber eine Eutscheidung dieser wichtigen Frage noch nicht für spruchreif. Ueber diese beiden Fragen sprachln

5. April 1874 in der Fruchthalle dahier eine große Aus-

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