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für kirchliche Angelegenheiten. Der Cultus minister hob bei Einbringung seiner Vorlagen hervor, daß die Verfassung der evangelischen wie der katho· lischen Kirche völlige Selbstständigkeit garantire. Nach einer umständlichen, vom Hause aufs Bei⸗ fälligste aufgenommenen Characterisirung der Gesetz⸗ vorlagen, welche eine grundsätzliche Regelung herbeiführen, nicht bloße Nothgesetze sein sollen, ergriff der Ministerpräsident Graf Roon das Wort: „Er habe für König und Land schädlich wirkende Zweifel zu beseitigen.“ An die vorgestrige Dis ⸗ eussion anknüpfend und auf seine dreizehnjährige Amtsthätigkeit zurückblickend, bemerkte der Minister⸗ präsident: Es sei undenkbar, daß der preußische Ministerpräsident nach Osten steuere, während der Reichskanzler nach Westen lenke. Er habe 10 Jahre opferfreudig mit dem Fürsten Bismarck zusammen gearbeitet und solle das Land heute schädigen können? Solches Mißtrauen habe er nicht ver- dient; er babe die Versfassung beschworen und wolle das Wohl des Landes so ehrlich wie irgend Jemand. Die Partei⸗Unterschiede hätten sich seit 13 Jahren verwischt, sollte sich hier nicht lieber eine Partei der ehrlichen Leute bilden?„Ich ge⸗ höre dieser Partei an. Die Verwirrung entstand aus dem Mißtrauen über die Art des Ueberganges des Präsidiums. Diese Vorgänge sind unver- fänglich. Nur die Erscheinung will ich besprechen, daß der Kriegsminister den Abschied forderte, nicht als Gegner der Kreisordnung, sondern aus Müdig keit, um jüngeren Kräften zu weichen. Wenn der Wille des Königs entgegentritt, muß ich meine Pflicht thun, ich kann nicht der Arbeitseinstellung buldigen. Bei der Berathung der Kreisordnung traf mich ein heftiger Krankheitsanfall, welcher mein Abschiedsgesuch veranlaßte. Die Annahme der Kreisordnung aber habe ich für unbedingt erforderlich gehalten.“
— Die Gesammteinnahme an Wechselstempel—
steuer im Reiche stellt sich für die Zeit vom 1. Jan. bis ult. Nov. 1872 auf 2,163,088 Thlr. und dürfte wohl, der„C. S.“ zufolge, für das Jahr 1872 den Betrag von etwa 2½ Millionen erreichen. Der Reichshaushalts-Etat pro 1872 nimmt die Bruttoeinnahme auf 1,823,569 Thaler an, von welcher Summe nach Abzug von 24 pCt. auf Grund des Wechselstempelsteuergesetzes vom 10. Juni 1869 und nach fernerem Abzug von 60,000 Thlr. Erhebungs⸗ ꝛc. Kosten dem Reiche 1,325,920 Thlr. verbleiben sollen. In dem Etat pro 1873 ist die Einnahme ebenfalls auf Brutto nur 1,822,500 Thlr. und netto 1,325,100 Thlr. veranschlagt. Es würde sich hiernach eine Mehr⸗ einnabme für beide Jahre von jährlich circa 600,000 Thlr. ergeben. „ In der Ministerial-Instanz ist kürzlich entschieden worden, daß auch die Zurückstellung Militärpflichtiger behufs Unterstützung von Groß⸗ eltern auf Grund des§. 43 J a der Militär⸗ Ersatz⸗Instruction principiell zulässig ist. Nach den gültigen Rechtsgrundsätzen nämlich sind die Kinder zur Ernährung der Eltern und der anderen Ascendenten gesetzlich verpflichtet. Unter dem an der erwähnten Stelle der Ersatz⸗Instruction ge⸗ brauchten Ausdruck„hilflose Familien“ sind daher im Wesentlichen die Eltern und auch sonstige Ascendenten zu verstehen und demgemäß auch die⸗ jenigen Militärpflichtigen event, zu berücksichtigen, welche als die einzigen Ernährer ihrer Großeltern anzusehen sind.
— Die„Berl. Wochenschrift“ erfährt, daß das Bundeskanzleramt die Absicht habe, ein Ver⸗ kehrs⸗Ministerium zu gründen, dem sämmtliche deutsche Eisenbahnen unterstellt werden sollen. An die Spitze des neuen Ministeriums soll, dem ge⸗ nannten Blatte zufolge, der General- Postdirector Stephan berufen werden. Die„D. R.⸗C.“ knüpft hieran die Mittheilung, daß schon seit einiger Zelt in gewissen Kreisen die Nachricht geht, daß es in der Absicht des Fürsten⸗Reichskanzlers liege, Bundesminister für gewisse Ressorts zu ernennen.
— Wie dem„Börsen⸗ Courier“ von„gut unterrichteter Seite“ mitgetheilt wird, hat der Kaiser von Oesterreich aus Anlaß der jüngsten Gramont'schen Enthüllungen ein Schreiben an den
soll, eine Trübung der guten Beziehungen der Cabinette von Wien und Berlin, wie sie in Folge jener Enthüllungen möglich wäre, zu vermeiden. München. Bayerische Blätter melden, daß Fürst Bismarck in Uebereinstimmung mit der Ab⸗ berufung des deutschen Geschäftsträgers beim Vatican von der Münchener Regierung verlange, daß sie ihren Vertreter beim päpstlichen Stuhle, Grafen Tauffkirchen, gleichfalls zurückziehe. Hier will man von einer solchen„Forderung“ nichts wissen, wenn auch allerdings erwartet werden mag, das baye⸗ rische Cabinet dem Beispiel der Reichsregierung folgen zu sehen.
— In der Spitzeder⸗Angelegenheit meldet ein Münchener Mitarbeiter der„Schles. Zeitung“: „Herzog Max Emanuel, bekanntlich Offizier im 3. Chevauxlegers- Regiment, hat auf Ansuchen einen halbjährigen Urlaub erhalten,„zur Vollen— dung seiner unterbrochenen Universitätsstudien“. So lautet wenigstens die amtliche Mittheilung, die jedoch nicht ganz richtig sein dürfte. Der Urlaub ist vielmehr, so wird sehr bestimmt ver sichert, ein unfreiwilliger. Ueber die Ursache des— selben dürfte die Bekanntwerdung des mißlichen Umstandes aufklären, daß der Prinz sich in wieder— holten kleinen Geldverlegenheiten nicht erfolglos an die Spitzeder gewendet habe. Hiebei mag übrigens noch bemerkt werden, daß dem Gerichte bereits eine erstaunlich große Liste von Staats- dienern und Militärs vorliegt, die aus dem Spitz eder'schen Institute Darlehen empfingen.
Mülhausen. Gegenwärtig wird hier an der Ausführung eines großen, schon vor Beginn des Krieges in Angriff genommenen Planes ge— arbeitet. Es soll nämlich durch einen Zweigeanal das Wasser des an der Stadt vorbeifließenden Rhone⸗Rhein⸗Canals in das sog. Nordfeld geleitet werden, wo es sich in einem großen Bassin sammelt. Hierdurch ist dann die Möglichkeit gegeben, daß die in Mülhausen in ungeheuerer Menge zum Verbrauch kommenden Steinkohlen auf den Canal- schiffen in die unmittelbare Nähe der größten Fabriken geschafft werden können, während die— selben seither per Achse mitten durch die Stadt geführt werden mußten.
Straßburg. Das Oberpräsidium macht bekannt, daßz es Deutschen und Franzosen frei stehe, ohne Paß die Grenze zu überschreiten, sowie beide Länder zu bereisen unter der einzigen Be⸗ dingung des eventuellen Nachweises des Namens und der Nationalität.
Ausland.
Oesterreich. Die„Neue freie Presse“ er⸗ fährt aus bester Quelle, daß die Rüstungen in Serbien thatsächlich existiren. Die Veranlassung zu denselben hätte die Eisenbahn⸗ Frage gegeben, indem Serbien auf dem ihm von Midhad Pascha zugesagten, von dessen Nachfolger jedoch wieder verweigerten Eisenbahn⸗Anschluß bei Nisch oder Widdin beharre..
— Die jüngsie Volkszählung hat für die Stadt Wien und die zum Polizeirayon Wiens gehörigen Vororte eine Einwohnerzahl von 901,380 ergeben. a
— Die„Wiener Abendpost“ ist ermächtigt, die von den Zeitungen gebrachte Nachricht, daß Graf Beust seine Demission zu nehmen beabsich⸗ tige oder daß derselbe von seinem Posten abbe⸗ rufen werden solle, nach beiden Richtungen hin für grundlos zu erklären.
Schweiz. Ein außerordentlicher Schneefall hatte fünf Tage lang, bis zum 1. Januar, den Verkehr über den Gotthard unmöglich gemacht und keine Post passtren lassen. Die Postsachen, blieben theils im Hospiz, theils im Schutzhaus und theils in Airolo liegen; seit dem 31. Dez. liefen die Correspondenzen über den Bernhardin, der, wenn auch mit Hinvernissen, doch passirbar ist.
Bevollmächtigten im Hauptquartier der deutschen Occupations⸗Armee, Grafen St. Vallier, nach Berlin scheint mit der von Thiers gewünschten beschleunigten Räumung Frankreichs zusammenzu⸗ hängen. Wie der„Spen Zeitung“ telegraphirt'
die einheimische Aristokratie durch viele ihrer
Frankreich. Die Reise des französischen
* e 1 3.
Leon San bereits mit einem von dem 5
Rothschild geführten Consortium von Bankhäl wegen ftnanzieller Garantien für die Zahlungs fünften Milliarde in Unterhandlung getreten — Die Grundlagen des Gesetzentwurfes die Armee⸗Reorganisation, welcher gleich nach Ferien der Nationalversammlung vorgelegt wel soll, sind folgende: Es wird vier Armeen ger von denen eine jede aus drei Armee Co 0 steht; jedes Corps besteht aus drei Infant Divisionen, jede Division aus zwei Brigaden jede Brigade aus zwei Regimentern. Ein Ja Bataillon, Cavalerie- und Artillerie⸗Corps we jeder Division beigegeben; im Ganzen also Armeen, zwölf Armee-Corps und sechsunddre Divisionen, zweiundsiebenzig Brigaden und Infanterie-Regimenter. Bis jetzt hat Fran N nur 134 Regimenter, so daß also noch zehn aal Regimenter errichtet werden müssen. Man h ein algerisches Tiralleur-Regiment und neun 155 santerie-Regimenter bilden; elf Armee⸗Corps w a in Frankreich und eines in Algerien Garnfshkesfe! haben. Was die Territorial- Armee betrifft, ö hat man über deren Organisation noch ni! bestimmt. die 6 — Am 5. d. öffaeten sich zum ersten 9 der- seit den Kriegsereignissen die Salons der deutss 7 Botschaft in der Rue de Ville. Thiers, 8. Thiers und Frl. Dosne speisten an der J. des Grasen und der Gräfin Arnim in gro Gesellschaft, aus welcher wir u. A. die Min
wird
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refft
Say und Remusat, General Ladmirault, A die
Lyons, Ritter Nigra und Baron Erlanger Gemahlin erwähnen. An das Diner schloß eine brillante Soiree, in welcher namentlich!
vorragendsten Namen vertreten war. Das di matische Corps war mit Ausnahme des päpsilssslresse Nuntius und des dänischen Gesandten vollzi[ Di erschienen. gen u
Großbritannien. Ein Telegramm Anz Chislehurst vom 9. Januar meldet: Kafflunge Napoleon ist heute Mittag 12½ Migun, verschieden. un — Die Themse ist in Folge des starken Reysfzureie seit vorigen Freitag rasch gestiegen und hat wiftd Pi einen großen Theil der Umgebung von Win überschwemmt. Von dem runden Thurme Windsorschlosses aus sieht der Distriet von 2 nach Staines wie ein langer See aus, und ist schwierig, den wirklichen Lauf des Themsef
zu verfolgen. In den Binnengrafschaften 8 fordshire und Berkshire ist die Themse auf 1 treten und hat beträchtlichen Schaden angeris 1.
Die Fluthen haben Wohnhäuser hinweggesß Werften unter Wasser gesetzt, und in vf Districten die Communication zwischen den Stäfffs und dem Lande unterbrochen.
Italien. Nach Berichten aus Rom ift Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwisfllhom der schweizerischen Eidgenossenschaft und dem 1 bit Stuhle nunmehr eine vollendete Thatsache. Vertreter des Vaticans in Luzern hat diese S. mit dem gesammten Gesandtschafts⸗Personale 5 lassen. Den Anlaß zu dieser auffallenden Maß 510 gaben die bekannten Differenzen zwischen der 1 genossenschaft und der Curie wegen Ernenn hen des Pfarrers Mermillod zum Bischof von 1 — Dieser im gegenwärtigen Augenblicke in 15 Folgen nicht zu übersehenden Thatsache folgte egen Bruch der Curie mit Deutschland auf dem? 5 Im Vatican affectirt man zwar vollkouiseg Gleichgiltigkeit über die Abreise des Vertreters ö. deutschen Reiches, Personen aber, welche arne näheren Bescheid wissen, erzählen, die Besonnenss in der Umgebung des Papstes seien darüber
* vergnügt. J 0 b
Ha lehrer Marx über Wallensteins Leben und EA
22 Friedberg. Am letzten Dlenstag las Herr Semiss den
Die Betrachtung Wallensteins versetzt in den dei N n.
jährigen Krieg, den Krieg, in welchem die in Folge deu Reformation enistandenen Kämpfe ihren furchtbaren Ab at fanden. Der vorausgehende Frieden zwischen den Kieh 1 lischen und Evangelischen wurde unlerwühlt durch d Jesuiten und mehr und mehr gefährden durch die Paas zy
Kaiser Wilhelm gerichtet, welches bestimmt sein
wird, soll der neue französische Finanzminister
der spanisch, österreichischen Habsburger. Ferdinand, ag he schon als Herzog von Steyermark den Protestantismu 0
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