Ausgabe 
2.9.1873
 
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Ausland.

Oesterreich⸗Ungarn. Wien. Meldungen der Blätter aus Salonichi zufolge werden auf der Grundlage einer zwischen der Pforte und Griechenland abgeschlossenen Convention die tür⸗ kischen und griechischen Truppen⸗Commandanten ge⸗ meinschaftlich gegen die Räuberbanden in Thes salien operiren.

Agram. Die Regierung brachte im Landtage einen Gesetzentwurf bezüglich der Emanicipation der Juden ein. Das Ausgleichs-Operat ist zur Vorlage im Landtage gelangt. Die Mittelpartei zählt 49 Mitglieder von 70 Anwesendeg. a

Schweiz. Genf. Der große Rath hat das Gesetz über den katholischen Cultus mit Ab⸗ änderungen im liberalen Sinne in dritter Be rathung angenommen.

Frankreich. Paris. Frankreich ist ge⸗ nöthigt, wegen schlechter Ernte 9 Millionen Hecto liter Getreide einzuführen.

DerMoniteur schreibt: Die bayrische Regierung hat dem Vernehmen nach die Abbe rufung des Kanzlers der französischen Gesandt⸗ schaft in München verlangt, weil derselbe sich in lebhaften Ausdrücken über Badenser geäußert hat, welche dasLied vom Mac Mahon in München gespielt hatten.

Der Maire von Nancy hat den dortigen Municipalräthen die Mittheilung von dem dem⸗ nächstigen Besuche Thiers gemacht. Der Minister des Innern, Beulé, schärfte den Präfecten ein Circular seines Vorgängers ein, welches am 4. Sep⸗ tember jedwede öffentliche Kundgebungen verbietet.

DieSemaine financiè re sagt, daß die Regierung am 4. Sept. im Stande sein wird, den Rest der Kriegs ⸗Entschädigung, 250 Millionen nebst Zinsen an Deutschland abzuführen.

Nach einer Privatmittheilung, welche der Agence Havas zugeht, wären die Beziehungen zwischen dem Grafen von Chambord und dem Grafen von Paris herzlichster Art. Graf Cham⸗ bord soll in Briefen und in der Conversation den Grafen von Paris mit dem TitelDauphin bezeichnen.

Spanien. Madrid. DerImparcial will wissen, daß, da die Kriegsmarine durch den

cantonalen Aufstand in Anspruch genommen sei,

die Regierung beabsichtige, Caperschiffe auszurüsten,

um die Ausschiffung von Waffen für die Carlisten

zu verhindern.

Italien. Rom. Ein Rundschreiben des Ministers des Innern an die Präfecten ertheilt denselben Instructionen für den Fall von Arbeits⸗ einstellungen. Das Rundschreiben sagt: Die In formationen des Ministers bestätigen, daß die Internationalisten überall Arbeitseinstellungen her⸗

beizuführen suchen und daß der Genfer Congreß

vom September d. J. ab einen allgemeinen Strike aller industriellen Etablissements hervorzurufen be⸗ strebt ist. Das Rundschreiben fordert zu energischen Maßregeln auf, damit die Gesetze beobachtet werden.

Türkei. Konstantinopel. Nasr⸗ed⸗ din Schah hat, wie derN. Fr. Pr. geschrieben wird, hier nicht denselben Erfolg wie im übrigen Europa gehabt; selbst seine Brillanten haben nur ein vorübergehendes Interesse erregt. Man be⸗ schwert sich über den kläglichen Zustand, in welchen

er und sein Gefolge dieSultanie undTalia,

diese prächtigen kaiserlichen Jachten, versetzt haben. Es fehlte geradezu an Zeit, die Reparaturen bis zum 31. Aug. zu vollenden, obwohl keine Kosten dazu gescheut worden. Was das von den Persern bewohnte Palais von Beglerbeg betrifft, so wird eine vollständig neue Meublirung nöthig werden. Zu Poti, wo der Schah sich ausschiffen wird, be⸗ reiten ihm die Russen einen überaus glänzenden Empfang. Sie wollen auf seinen Geist einwirken und zugleich den Engländern beweisen, daß die selben nicht viel damit gewonnen, indem sie den Schah zur Reise nach Konstantinopel drängten, nur um ihn an einer Rückkehr nach St. Peters⸗ burg zu verhindern. Fürst Mentschikoff wird mit großer Suite den Schah in Poti erwarten und es heißt sogar, General Ignatieff werde Seine Majestät von hier aus dorthin begleiten. Die Russen geben sich die äußerste Mühe, die Eng-

länder auszustechen und sich so viel wie möglich in seine Gunst und in sein Vertrauen zu stehlen.

Rußland. Petersburg. Die Cholera ist dem Vernehmen nach auch hier, obschon bisher nur in sehr mäßigem Grade zum Ausbruch gekommen.

Aus Stadt und Land.

-a- Friedberg. Der Musikverein wird, wie das Programm verkündigt, nächsten Donnerstag ein Concert in der Stadtkirche dahier veranstalten. Die freundliche Aufnahme, welche das Charfreitagsconcert gefunden, hat den Verein bewogen, auch einmal am Ende der Sommer saison, in der kirchliche Feste entbebrenden zweiten Hälfte des Kirchenjahres, es mit der Aufführung geistlicher Musik zu versuchen. Das Programm darf gewiß ein reichgalliges genannt werden, es bietet nahezu ausschließ⸗ lich classische Musik und gewährt zugleich in seiner Zu⸗ sammensetzung einen Ueberblick über die Hauptstationen in der Enwickelung der geistlichen Musik der neueren Zeit. Für auswärtige Besucher, insbesondere von Nauheim, diene die Notiz, daß das Concert jedenfalls ziemlich lange vor dem Abgange des Uhr Zuges beendet sein wird. 5

Friedberg. Die Herren Sturmfels& Pape dahier haben füc ihre ausgestelllen Fußbodenlacke die Verdienst⸗ medaille bei der Wiener Preisvertheilung erhalten. Der Firma A. Noll in Gießen wurde die Fortschrittsmedaille fur Cigarren zuerkannt, und zwar ist dies die einzige süd⸗ deulsche Firma, die eine derartige Auszeichnung erhielt.

Darmstadt. Demnächst wird hier ein heißer Kampf entbrennen, von dem noch nicht zu ermessen ist, wer die Palme des Sieges davon trägt. Die Bäcker sind nämlich entschlossen, künftig nur Zweikreuzerwecke zu backen, das Publikum aber, keine solche zu kaufen. Unter diesen Um⸗ ständen bleibt abzuwarten, wer's am längsten aushält.

Groß Gerau. Von Erdbeben, welche auswärtigen Blättern zufolge in den letzten Tagen hier staltgefunden haben sollen, ist hier am Orte absolut Nichts bekannt.

Erbach. Am 28. d. M. hat hier der Blitz einge⸗ schlagen und gezündet. 0

Mainz. Am 17. d. wurde im Rhein bei Gauls⸗ heim eine weibliche Leiche geländet. Am 21. d. wurde abermals im Rhein bei Wellmich die Leiche eines 1416 Jahre alten jungen Mannes geländet; die Leiche war schlank, gut genährt und hatte kurz geschnittene braune Haare. Am gleichen Tage fand man bei Biebesheim im Ryein die Leiche eines jungen Mannes im Alter von 1618 Jahren; die Leiche war schon stark in Fäulniß übergegangen.

Allerlei.

Frankfurt. Auf dem Main⸗Neckar⸗Bahnhof führten am 28. Aug. die Herren Fischer und Stahl aus Nürn⸗ berg einer Deputation der Frankfurter Feuerwehr eine neu verbesserte Schiebleiter, welche sich durch besondere Festigkeit auszeichnet, vor. Das Aufrichten wird durch mechanischen Aufzug, der auch zugleich zum Verlängern der Leiter dient, ohne Hülfe der Stützstangen auf böchst einfache Weise mit einer Bedienungsmannschaft von 36 Mann ausgeführt. Die Steighöhe der Leiter ist 20 Meter. Dieselbe ist aufgerichtet fahrbar und kann noch in Gassen von ca. 2 Meter Breite verwendet werden. Die ange⸗ brachte Spannxorrichtung ermöglicht das Besteigen und Arbeiten mit dem Strahlrohr auf der freistehenden ver⸗ längerten Leiter. Alle Anwesenden sprachen sich anerkennend über die Construciion aus. Wie man vernimmt, hat sich das Commando für Anschaffung einer solchen Leiter aus⸗ gesprochen.

Weilburg. In der Nacht vom 29. auf 30. Aug. ist das Dorf Seelbach, Amts Runkel, größtentheils nieder⸗ gebrannt. Von 200 Wohnungen stehen noch 20. Kirche, Pfarrhaus und Schule sind mit verbrannt.

Marburg. Am 27. August Abends zwischen 8 und 9 Uhr entlud sich über hiesige Stadt ein schweres Gewitter. Starke Hagelkörner fielen nieder; jedoch nur wenige Minuten lang, und der Blitz schlug in zwei Gebäude ein, erst in die neu und masiv erbaute Jäger⸗Caserne durch ein Fenster in das Zimmer eines Sergeanten, ohne den⸗ selben zu verletzen und ohne zu zünden, und kurz darauf in das Wohnhaus einer in der Nähe des Schlosses ge legenen Gartenwirthschaft, den. g.bunten Kitzel, in dessen Saal in der Regel die Studenten-Paukereien statt⸗ finden, und setzte dieses Gebäude in Flammen. Da wegen der hohen und isolirten Lage desselben Wasser nur äußerst schwierig dahin zu schaffen war, so konnten keine Spritzen angewandt werden und mußte die Löschmannschaft deßhalb ihre Thäligkeit auf Retiung der Mobilien und Niederreißen des brennenden Gebäudes beschränken. AuUschaffenburg. DerHan. Zig. wird von hier geschrieben: Zwischen Laufach und Aschaffenburg geriethen heute auf einer nach Aschaffenburg leer zurückkehrenden Maschine der Locomotiv-Führer und dessen Heizer über allzu schnelles Fahren in Wortwechsel, der damit endete, daß der Führer den Heizer während der Fahrt über die Maschine auf die Bahnstrecke warf. In Folge der da⸗ durch erlittenen schweren Verletzungen wurde der Heizer in das Spital nach Aschaffenburg gebracht und der Führer alsbald vom Dienste suspendirt. 5

Heilbronn. Hier ist die asiatische Cholera ausge⸗ brochen; am ersten Tag, 26. August, erkrankten sieben Personen, von denen fünf schon nach wenigen Stunden erlagen. N

Bergheim(Reg.⸗Bez. Minden). Am 20. Auguft langten auf hiesigem Bahnhofe eine Reihe Waggons an,

theilen der Hermanns⸗Statue beschwert waren. Allgemein wurden die Stücke des Riesenwerkes, welche allerdings keinen Einblick auf das Monument in seiner Gesammtheit gewähren konnten, bewundert; besonders erregte das Antlitz des Helden ungetheilte Anfmerksamkeit, einestheils wegen des colossalen Umfanges, anderntheils wegen der urdeutschen Kraft und Ritterlichkeit, die sich in seinen Zügen abspiegelt. Das Schwert, narütlich von bedeuten⸗ der Länge, war mit der Inschrift geziert:Deutsche Einig⸗ keit meine Stärke; ebenso prangten auf dem Schilde die einfachen Worte:Treu und sest. Heute wurden die einzelnen Stücke unter Leitung des greisen Ernst von Bandel, der sein Werk begleitet, verladen, um zu ibrem Bestimmungsorte per Chaussee transportirt zu werden.

Cursdorf(Schwarzburg⸗Rudolstadt). Hier hat ein Feuer am 26. d. 96 Häuser nebst Scheunen ꝛc. einge⸗ äschert und 700 Menschen obdachlos gemacht.

Sundheim bei Kehl. Hier geschah am 20. August ein gräßliches Unglück. Eine Mühlenbesitzerin kam der Transmissien des Räderwerkes zu nabe, welches sie erfaßte, hineinzog und ihr nacheinander zuerst einen Arm, dann einen Fuß, dann ein Ohr vom Lelbe riß, ihr endlich die Kopfhaut abzog und schließlich ein Auge einstieß. Die Aermste mußle diese schrecklichen Verstümmelungen während einer vollen halben Stunde an sich geschehen lassen, da das anwesende Personal die Maschine nicht eher zum Stehen bringen konnte. Sie lebte noch einige Stunden bei vollem Bewußisein und traf kaum noch ein halber Meusch alle bis in's Einzelnste gehenden Anordnungen in Bezug auf ihr Geschäft und ihre sehr bedeutende Hinterlassenschaft. g

ern. Die Schweiz ist in großer Aufregung, wenn man einer Correspondenz, die jetzt durch verschiedene Zeitungen läuft, Glauben schenken will. Es heißt nämlich dort:Ein Correspondent derBasl. Nachr. hat an der neuen schweizerischen Goldmünze die interessante Entdeckung gemacht, daß von den drei Punkten in der Mitte der Kranzseite, deren Bedeutung man sich nicht erklären kann, der oberste, welcher eine länglich ovale Form hat, durch die Loupe betrachtet, deutlich einen männlichen Kopf er⸗ kennen läßt, dessen Gesichtszüge mit denjenigen des jetzigen deutschen Kaisers vollkommene Aehnlichkeit haben. Die Redaction derThurg. Ztg. bestätigt dies, gestüzt auf eigene und anderer Personen genaueste Untersuchung. Sie hält dies für einenfrechen Witz des Graveurs, der ein Deutscher ist, und meint: Der Bundesrath werde wissen was er zu thun habe.

Wien. In Ungarn wüthet die Cholera so stark, daß vom 18. Juli bis 1. August dort nicht weniger als 41,673 Personen erkranksen und 15,855 starben. Der Bestand an Kranken war am 1. August 10,856. Mit Einrechnung der Todesfälle vom 1. bis 25. August schätzt man die Zahl der in Ungarn an der Cholera Gestorbenen über 60.000 Menschen.

Wien. Zu dem Verschwinden von Knaben und Jünglingen, wovon in Wien mehrfach Beispiele in letzter Zeit vorgekommen sind, bemerkt dieD. Ztg.: Wir sind in einen Schauer⸗Roman versetzt. Abenteuer⸗ liche Gerüchte durchschwirren die Luft und beängstigen Aller Gemüther, man traut seinem eigenen Verstande nicht mehr, man glaubt nicht der kühlen Erwägung, daß

man sich doch inmitten eines geordneten Gemeinwesens

befinde, in einer Stadt, deren entlegentste Schlupfwinkel polizeilich gebucht und bewacht sind, man lebt in Wien jetzt wie im Urwalde, wo über Nacht ein wildes Thier einen Genossen auf Nimmerwiedersehen aus unseren Reihen reißt. Tag für Tag bringt uns die Kunde von einem Knaben oder Jüngling, der spurlos verschwunden ist, die Zeitungen wimmeln von fruchtlosen Mahnrufen besorgter, verzweifelter Eltern an ihre Söhne, die fortgegangen sind, ohne wiederzukehren, und die Sicherheitsbehörde

steht rathlos vor einem furchtbaren Räthsel. Von Allen,

die man bisher vermißt, ist nur Einer, und der zerrütteten Geistes, wiedergekommen, die Andern sind verschollen, vielleicht verloren für immer. Der letzte Polizeibericht weiß wieder von vier Vermißten zu berichten, darunter der Sohn des Stadtgärtners Dr. Sieböck; bei allen kennt man keinen Grund, der sie bestimmen konnte, das Elternhaus zu fliehen, fast Alle waren sie ohne Geld⸗ mittel, also sicher nicht Opfer von Raubsucht. Was geht hier vor? wird man sein Kind ruhig vom Hause gehen lassen dürfen, oder soll man im Interesse der persönlichen Sicherheit junge Leute von 12 bis 20 Jahren mit Re⸗ volvern bewaffnen? Wie faßt der neue Polizelpräsident seine Pflichten gegen die Bevölkerung auf, wenn ein solcher Zustand durch Wochen fortbestehen kann? Die Fragen die wir hier stellen, sind keine müßigen und wir haben im Interesse der Gesammtheit den dringenden Wunsch, sie beantwortet zu sehen.

D. Frankfurt a. M., 30. August.(Börsenwoche dom 23. bis 29. August). Das Geschäft in der abge⸗ laufenen Woche concentrirte sich hauptsächlich auf Ciedit⸗ actien, während in anderen Speculationswerthen und Effectengattungen verhältnißmäßig große Stille herrschte. Die Haltung der Börse war übrigens, krotz mancher rasch vorübergehender Schwankungen, besonders für das ton⸗ augebende Effect, dessen Tendenz enischieden eine steigende ist, eine feste. Wie es den Anschein hat, wird die Ge⸗ schäftoslille theils durch die saison morte, theils durch die Zurückhaltung des Privatpublikums hervorgerufen, welches noch immer zögert, sich dem schwankenden Schliffe der Speculalion wieder anzuvertrauen und die Verhältnisse noch nicht für genügend consolidirt hält. Die allgemeine günsuige Stimmung kam daher den Creditactien bei der Ausschließlichkeit, mit welcher sich ihnen die Börse wiö⸗

die, ven Hannover kommend, mit den einzelnen Bestand- mete, sehr zu Gute, und stiegen dieselben, mit 2558 die

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lich!

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