Festgottesdienst.
Gehörte der gestrige Abend in erster Linie der aka⸗ demischen Jugend, so trat bei den heutigen Feiern das reifere Alter stärker hervor. Vor allem fielen die Vertreter der fremden Universitäten in ihren würdigen Talaren und Baretts stark ins Auge; unter den Rektormänteln erregte besonders der Greifswalder, ein wahres Kleinod alter Kunst⸗ stickerei, Aufsehen. Unleugbar brachten Talare und Baretts in das nüchterne Einerlei der Fracks und die glänzende Tracht der Hofuniformen erst die eigentümlich akademische Note hinein, und ließen manchen Hetzer von neuem bedauern, daß die Gießener Professorenschaft sich seiner Seit nicht zur Annahme dieser malerischen Amtstracht entschließen konnte. Für diese kirchliche Feier des Danks und der Einkehr waren die hohen, hellen Käume der Johanniskirche, die in ihrem Stil ja starke Anklänge an die Gründungszeit der Uni⸗ versität zeigt, besonders geeignet, und es ist kaum nötig zu bemerken, daß sie bis zum letzten Platz besetzt waren. Einige Minuten vor 9 Uhr trafen die Großherzoglichen Herrschaften ein, wurden an der Osttür von dem Rektor und den Dekanen empfangen und zu ihren Plätzen geleitet. Orgelspiel und der Bach'sche Chor„Cob, Ehre und Weisheit und Dank“ von Herrn Professor Trautmann schwungvoll dirigiert, leiteten stimmungsvoll den Gottesdienst ein, auch in der Liturgie kam der große Meister der evangelischen Kirchenmusik zum Wort mit dem Choral„Amen! zu aller Stund“, den ein Knabenchor unter der bewährten Leitung des Herrn Görlach sang. Die Gemeinde sang nach der Liturgie das jubelnde Bekenntnis„Allein Gott in der Höh' sei Ehr'“, dann bestieg Professor Drews die Kanzel und hielt mit klangvoller Stimme die Festpredigt, die in ihrer freudigen Wärme und Freiheit so recht aus dem Geist
der Gießener theologischen Fakultät heraus geschaffen war.
Professor Drews legte seiner Predigt den Text I. Co⸗ rinther 15, 1 u. 2 zu Grunde. Ausgehend von dem klnlaß der Feier dieser festlichen Tage, warf er die Frage auf, worin diese Festesfreude ihr Recht habe? Denn alle gesunde Freude ruhe auf innerem Ernst. Den Ernst, der uns in diesen Tagen erfüllen soll, ist, so führte der Redner aus, das Be⸗ wußtsein von der Größe, ja Heiligkeit wissenschaftlicher Ar⸗ beit. Liebe zur Wissenschaft ist uns keine Phrase, sondern die stille Kraft, die ernste Zucht, die uns bei unserer Arbeit erfüllt. Was ist der glänzendste, fesselndste Redner auf dem Katheder, der bestrickendste Schriftsteller, wenn nicht die Liebe zur Wissenschaft die Triebkraft seines Lebens ist? Tönendes Erz, klingende Schelle! Etwas Totes, unfähig, kräftiges Leben zu wecken. Henntnisse, sie stehen in der Wissenschaft wahrlich hoch im Preis, aber nicht Massen von Kenntnissen haben wir zu sammeln, sondern ihre Ein⸗ heit, ihren Geist gilt es zu erfassen. Das vermag aber nur der, der von der Liebe zum Wissen und zur Wahrheit erfaßt; er allein wird vom gelehrten Handwerker zum schaffenden Gelehrten. Don welcher Bedeutung ist der Glaube, die Frömmigkeit für den Theologen! Aber wenn sie ihm den Sinn für die Wahrheit zerbricht, wird er „nichts“; sein Glaube verliert die sieghafte Kraft. Ciebe zur Wissenschaft ist das königliche Gesetz, dem wir alle als akademische Lehrer unterworfen sein müssen, ohne sie sind wir ungeschickt zu unserm heiligen Dienst.
Solche Gedanken ziemen sich wohl für den gottesdienst⸗ lichen Ort. Denn Gott ist Liebe und Gott ist Wahrheit. Wer immer mit ganzer Seele einer großen, guten Sache sich hingibt, in dem lebt und wirkt Gott, selbst dann, wenn sein Verstand Gott selbst nicht anerkennen will. Und Gott ist Wahrheit. Nur im Wirklichen, im Wahren wohnt und waltet er, nicht in den Meinungen und Dorurteilen der Menschen. Jedem Gelehrten überkommt bei seinem For⸗ schen einmal die Ehrfurcht vor dem großen Gott, der hinter und in den Dingen waltet, dem Herrn Himmels und der Erde. So führt die Liebe zur Wissenschaft zur Andacht und Anbetung Gottes. 5 5 s 7
heit der Gesinnung, sie ist Charakterbildung. Darum tuen
der Nüchternheit des Lebens, der hat den rechten Ernst zur Festesfreude und dem wird wie ein heiliges Gelöbnis
Pfarrkirche erhalten wir folgende Mitteilungen:
Tedeum. Als Vertreter des Landesbischofs nahm Dom⸗
lichen und akademischen Feier war dringend geboten, denn
Wie aber kann diese Liebe sein ohne die Liebe zu Volk und Vaterland, dessen Jugend wir zu höherer Bildung führen sollen? Wahre Bildung ist nicht denkbar ohne Rein⸗
wir unserem Volk einen unersetzlichen Dienst, wenn anders uns nur eine Gesinnung erfüllt, der einst Fichte in Jena Ausdruck verliehen hat am Schluß einer Dorlesung.(Der Kedner zitiert die entsprechenden Worte). Wer diese ideale Gesinnung, die unbestechliche Liebe zur Wahrheit, sei es als Lehrer, sei es als einstiger Schüler, sich bewahrt hat in
klingen der alte Wahlspruch der Gießener Studentenschaft: Litteris et armis ad utrumque parati. Amen.
Das von der Gemeinde gesungene Lied„Nun danket alle Gott“, Gebet, ein weiterer Chor von Bach„Jauchzet, jauchzet, jauchzet Gott, alle Lande“ und Orgelspiel schlossen die erhebende Feier ab.
über den gleichzeitigen Gottesdienst in der katholischen
Der katholische Festgottesdienst begann um 9 Uhr in der Pfarrkirche. Er wurde von Dekan Bayer abgehalten und bestand aus Hochamt mit Ministration und
kapitular Dr. Bendix von Mainz daran teil, ferner die der katholischen Religion angehörenden Ehrengäste, die beiden katholischen Studentenverbindungen Hasso⸗Rhenania und Nassovia, sowie ein großer Teil der katholischen Ge⸗ meinde Gießen.
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Festakt in der Aula.
Von der Nirche begaben sich die Ehrengäste und die Lehrkörper mit ihren Damen in das Kollegiengebäude, wo ein Imbiß zur Stärkung bereit stand. Die Herren nahmen ihn in der alten großen Aula ein, die Damen in dem Ver⸗ bindungsraum zwischen dem alten haus und der neuen Kula, der trotz seiner geringen Höhe einen festlichen und behag⸗ lichen Eindruck machte. Eine Ruhepause zwischen der kirch⸗
die Fülle der Eindrücke stellte an die Aufnahmefähigkeit der Versammlung nicht geringe Ansprüche. Kurz vor 11 Uhr nahmen alle Geladenen ihre Plätze in der neuen Nula ein, und zwar schritt der Lehrkörper in feierlichem, geschlossenem Zuge in seinen neuen Festraum, dessen Erbauung eins der wertvollsten Geschenke der Regierung an die Universität war. Wer die Kula bisher nur von außen betrachtet hat, wie sie etwas eng zwischen Nollegiengebäude und Physikalischem Institut eingeschoben daliegt, wird über die Innenwirkung ebenso überrascht als erfreut sein. a
Weiträumig und hell stellt sich die hohe Halle dem Blicke des von der Goethestraße aus Eintretenden dar, vornehm schlicht in dem Verzicht auf prunkende Verzie⸗ rungen und lebhafte Farben. Daß diese Schlichtheit nicht zur Nüchternheit werde, dafür sorgen vor allem die drei großen Bilder des Landesherrn an der östlichen Schmalseite, die als einzige farbige Flächen den Beschauer sofort beim Eintritt fesseln. 5wischen den stark nachgedunkelten Bildern des Stifters Ludwig V. und des Kestitutors Georg II. 5 leuchtet das Ernst Ludwigs, ein Geschenk Sr. Königl. Hoheit 5 in den lichten Farben moderner Malweise. Heute freilich bringen auch die bunten Fahnen der studentischen Korpo⸗ rationen lebhafte Farben in die zarten Töne der krchitektur. Das hohe dunkle Katheder wird heute leer bleiben, für die Redner sind zam vorderen Rande des mäßig erhöhten Podiums zwei mit blauem Stoff verkleidete Katheder auf⸗ geschlagen, zwischen ihnen etwas zurückgenommen, steht der Sitz Ir. gl. Hoheit, ein mit Purpursamt bezogener alter
Nürnberger Sessel von prächtiger Arbeit, davor ein Tisch


