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Das Tageblatt kann sich nicht die Aufgabe stellen, in breiter, farbenreicher Schilderung das Bild des Jubi⸗ läums festzuhalten, es kann nicht versuchen, den Stimmungs⸗ gehalt der einzelnen Festveranstaltungen auszuschöpfen, dafür sind diese Tage zu inhaltreich und die Pausen zwischen den einzelnen Akten zu kurz, es muß sich mit der bescheidenen Rolle der Chronik begnügen, die nüchtern, aber möglichst treu und schnell von dem äußeren Verlauf berichtet. Das trockene Gerüst tatsächlicher Angaben wird dann die Erinne⸗ rung der Festteilnehmer mit Fleisch und Blut, mit persönlichem Leben bekleiden. Besonderen Wert legen wir darauf, den Gedankeninhalt der zahlreichen Ansprachen dieser Tage so erschöpfend und treu wiederzugeben, als der verfügbare Raum es gestattet, denn ein großer Teil der Festgäste wird ja leider wegen der immerhin beschränkten Räumlich⸗ keiten viele dieser Reden nicht mitanhören können.
Undankbar wäre es, wollte der Festchronist nicht zum Eingang der unermüdlichen vielseitigen Arbeit der gesamten Bürgerschaft gedenken, die unserer Feier einen glänzenden bunten Rahmen schaffen half. So viel geweißt und gemalt, gepflastert und geputzt ift wohl in Gießen kaum jemals worden, wie in den letzten Wochen; die ganze Stadt legte zum Fest ein reines Gewand an, das ihr vortrefflich steht. Auch der eigentliche Schmuck wurde sorglich schon manchen Tag vorher bereitet. Die stolzen Wälder Hessens sandten das ernste Grün ihrer Tannen in unabsehbarer Fülle in un⸗ sere Stadt, die ihnen ihre treuen Pfleger und Hüter ausbildet, wohin man blickt, umwinden Tannengirlanden die häuser ober schlingen sich von Mast zu Mast in gefälligem Bogen. Su dem dunklen Tannengrün gesellt sich allenthalben auf Bal⸗ konen und Fenstersimsen die leuchtende Farbenpracht der Geranien und Nelken, und dazwischen winkt und flattert ein unübersehbares Fahnenheer. Nicht nur die Farben des engeren und weiteren Daterlandes, die dem Fahnenschmuck in Großstädten leicht ein etwas einförmiges Gepräge geben, begrüßen uns da, sondern alle nur denkbaren Zusammen⸗ stellungen sind vertreten; ihre reiche Mannigfaltigkeit legt Zeugnis ab von dem blühenden, bunten Leben unserer studen⸗ tischen Korporationen und von ihren herzlichen Beziehungen zu allen Kreisen der Bürgerschaft.
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Empfang der Allerhöchsten Herrschaften.
Sum Empfang Ihrer Möniglichen Hoheiten des Groß⸗ herzogs und der Großherzogin versammelte sich auf dem prächtig geschmückten Bahnhof bald nach 4 Uhr eine er⸗ lesene Gesellschaft. Außer Seiner Magnifizenz dem Rektor, den vier Dekanen und dem Vorsitzenden des Gesamtausschusses der Studentenschaft, waren zugegen die Minister sowie der Ministerialreferent für die Hochschule, ferner der Provinzial⸗ direktor mit dem Polizeivorstand, der Oberbürgermeister mit den Beigeordneten, der Brigadekommandeur General von Hartmann, der Regimentskommandeur und der Gendar⸗ meriedistriktskommandeur. Alle Genannten waren von ihren Damen begleitet. Huf dem Bahnsteig hatte als Ehrenkompagnie die Leibkompagnie des hie⸗ sigen Regiments Aufstellung genommen. Pünktlich um 4.55 traf der Großherzogliche Sonderzug ein. Seine Mönigl. Hoheit schritt zunächst die Ehrenkompagnie ab, welche sodann in Sektionen eingeschwenkt, vorbeimarschierte, darauf er⸗ widerten die KAllerhöchsten Herrschaften gnädig die ehr⸗ furchtsvolle Begrüßung der Versammlung, nahmen aus den Händen der Frau Geheimrat Behaghel und ihrer Fräulein Tochter herrliche Orchideensträuße entgegen und ließen sich die Erschienenen vorstellen. Alsdann bestiegen sie die bereitstehenden Wagen, voran fuhr der Provinzial⸗ direktor mit dem Polizeiamtmann, im zweiten Wagen hatten die Großherzoglichen Herrschaften Platz genommen, hinter ihnen marschierte die Ehrenkompagnie; das
Gefolge in drei Wagen und die Wagen der zum Empfang Erschienenen machten den Beschluß. Don einer vielköpfigen Menge lebhaft begrüßt, fuhr der Wagenzug bei verheißungs⸗ voll die Wolken durchbrechendem Sonnenschein durch die in reichstem Festschmuck prangenden Straßen; in der Frank⸗ furter Straße hatten die Volksschulen Aufstellung genommen, zunächst die Mädchen von der Liebig⸗ bis zur Alicestraße, alsdann die Knaben bis zur West⸗Anlage. Ebenso bildeten am Kanzleiberg und dem Brandplatz die Militärvereine, die Feuerwehr, Turn⸗, Gesang⸗ und Berufsvereine Spalier. Ziel der Fahrt war das Alte Schloß, dessen von der Stadt Gießen Seiner Königl. Hoheit zum ÜGbsteigequartier dargebrachten Räume bekanntlich durch die Stiftungen der Provinz und zahlreicher Gießener Bürger eine Neueinrichtung von er⸗ lesenem Geschmack erhalten haben.
9 Fackelzug.
Das akademische Fest begann ganz intim mit einer Begrüßung der auswärtigen Ehrengäste durch den Rektor in der alten großen Aula. Eine beträchtliche Zahl der Gäste war erst kurz vorher von dem benachbarten Marburg herübergekommen, das am selben Tage die Rektoren aller deutschen Universitäten zu einer Versammlung vereinigt hatte. Der Empfang der Ehrengäste hatte nebenbei den Zweck, die Frage der Begrüßungsreden beim morgigen ersten Festakt zu regeln, ist doch die Sahl der vertretenen Hochschulen und wissenschaftlichen Körperschaften viel zu groß, als daß jede einzelne bei der Feier in der neuen Aula zu Wort kommen könnte. Bald nach ¼9 Uhr füllten sich die Fenster des Hollegiengebäudes mit Damen in farbigen Sommer⸗ toiletten, jüngeren und älteren Herren, denn die Ehrengäste und der Lehrkörper mit ihren Damen sollten von hier aus die flammende Huldigung mitansehen, die die Gießener Studentenschaft nach altem, ehrwürdigem Brauch ihrem Rector magnificentissimus entgegenbrachte. Die Groß⸗ herzoglichen Herrschaften trafen bald nach 9 Uhr mit Gefolge ein und begaben sich auf den Balkon der kleinen Aula, wo die am Bahnhof zum Empfang Erschienenen und der Ex⸗ rektor Geheimrat Bostroem mit ihren Damen Platz nahmen. Inzwischen hatte sich die Studentenschaft am Leihgesternerweg gesammelt und bald wogte die unabsehbare feurige Schlange unter den Klängen der Musik durch die Ludwigstraße heran. Es war ein herzerfreuender Unblick, die Fülle frischer Jugend in ihren bunten Fahnen und Farben bei dem male⸗ rischem Licht der lodernden Fackeln. Als etwa die Mitte des Zuges, in dem die freie Landsmannschaft Rhenania den Vor⸗ tritt hatte, vor dem Mittelportal des Kollegiengebäudes angelangt war, während die Spitze längst die Goethestraße er⸗ reicht hatte, brachte der Vorsitzende des Gesamtausschusses der Studentenschaft cand. med. Immel in schwungvollen Worten dem allverehrten Rector magnificentissimus die Huldigung der Studentenschaft Gießens dar, die in ein brausendes Hoch ausklang.
S. Kgl. Hoheit erwiderte mit kräftiger Stimme:
„Ich sage meinen besten Dank und fordere Sie alle auf, einzustimmen in den Ruf, die alma mater Ludo- viciana, sie lebe hoch!“
Hierauf wurden die Mitglieder des Gesamtausschusses der Studentenschaft hinaufbefohlen und den Großherzoglichen Herrschaften vorgestellt. Dann setzte sich der lange Sug, dessen Ausdehnung erst jetzt ganz zur Geltung kam, wieder in Bewegung, zog durch die Goethe-, Stephan⸗ und Gartenstraße nach dem Ludwigsplatz, dessen Anlagen er um⸗ kreiste, dann weiter durch die Neue Bäue über den Markt, durch die Mäusburg, den Seltersweg entlang, durch Frankfurter und Wilhelmstraße zu der Wiese östlich der Fest⸗ halle, wo unter den weihevollen Klängen des Gaudeamus die Fackeln zusammengeworfen wurden. Dies feierliche


