Ausgabe 
30.9.1913
 
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dem bayerischen Parteikalender für 1914.

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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung

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Nummer 26

Dienstag, den 30. September 1913

2. Jahrgang

Religion des Sozialismus). 1

Es gibt Hunderte von Religionen auf der Erde, ver schieden in ihren Vorstellungen und Lehren, in ihren Organi⸗ sationsformen und ihrem Verhältnis zu den staatlichen und gesellschaftlichen Verfassungen. Aber eines ist allen Religionen gemeinsam: ihre letzten Ursprünge verlieren sich im Dunkel der Vorzeit und auch die Formen, in denen ie sich heute noch betätigen, sind vor vielen Jahrhunderten ge bildet worden. Die jüngste unter den großen Weltreligionen, der Islam, ist fast 13 Jahrhunderte alt. Seitdem sind wohl neuere Sekten entstanden, auch konfessionelle Abspaltungen, aber eine wirkliche neue, machtübende Religion ist nicht mehr erwachsen. Es scheint mithin, als ob die Menschen und Völker der neuen Zeit die Kraft verloren hätten, aus ihren eigenen gegenwärtigen Lebensbedingungen heraus eine Religion zu gestalten, gleichwie die Baumeister der Gegenwart nicht mehr vermögen, jene Wunderwerke religiöser Kulte zu schaffen, die Dome und Münster, die im Mittelalter errichtet worden sind.

Wie seltsam, daß die heutige Menschheit ihre religiösen Bedürfnisse in geistigen Gebilden befriedigt, die in anderen Ländern, anderen Völkern, anderen Sprachen und von Grund aus anderen politischen, sozialen und kulturellen Verhält⸗ nissen sich entfaltet haben! Die Religion verheißt uns, die schwersten Fragen unseres Daseins zu beantworten, unsere tiefsten Sehnsüchte zu befriedigen; die Fragen und die Sehn süchte wurzeln in unserem heutigen Leben, drängen aus den Zuständen, Gärungen, Nöten unserer heutigen Zeit, aber die Antworten suchen wir in der Weisheit fremder verschollener Jahrtausende, und wir stillen unseren Durst in den Zisternen, die in der Morgendämmerung der Geschichte befruchtender Regen gefüllt hat.

Liegt hier nicht ein unlösbares Geheimnis verborgen? Heißt es nicht in Wahrheit, daß unsere religiösen Trieb kräfte erloschen sind, wenn wir uns begnügen mit der Ueber lieferung von Religionen, die die Völker überwundener Kulturen sich gebildet haben, anstatt daß wir selbst, gleich unseren Vorfahren, die Fähigkeit betätigen, unser Leben von heute in religiöser Einheit zu beseelen?

Dieser Widerspruch wird umso schroffer, wenn wir das Wesen aller alten Religionen uns vergegenwärtigen. In allen alten Religionen, die heute noch herrschen, spiegeln sich deutlich die sozialen und politischen Verhältnisse, die natür⸗ lichen und geistigen Lebensbedingungen ihrer Entstehungs zeit. Sehen wir von den einzelnen Religionen ab, so er⸗ kennen wir insgemein, daß sämtliche alte Religionen aus dreifacher Wurzel erwachsen sind: aus der Ohnmacht des Menschen vor der Natur, aus der Ohnmacht des einzelnen gegen die gesellschaftliche Ordnung, in die er hinein geboren worden ist, endlich aus der Furcht der Sterblichen vor dem Tode.

In seiner Religion setzt sich der Mensch der Vergangen⸗ heit zunächst mit den ihn bestimmenden Naturgewalten aus⸗ einander. Die Menschen jener Vergangenheit haben keinerlei Naturerkenntnis. Alles ist ihnen wunderbar, rätselhaft, schrecklich. Weil sie die Natur nicht kennen, beherrschen sie sie

* Wir entnehmen diese Betrachtungen dem Armen Konrad,

nicht, und weil sie die Naturkräfte nicht beherrschen, fürchten sie sich vor ihrem Walten. Dem Gewohnten lernen sie schließlich vertrauen, aber jede Unregelmäßigkeit muß ihnen unheimlich, grauenverkündend erscheinen. Religionsforscher haben darauf hingewiesen, wie sehr die Gottesvorstellungen des Judentums, aus dem dann das Christentum entstanden ist, noch durch die ursprüngliche Heimat der Israeliten be stimmt sind, am Fuße eines Vulkans, der in friedlichen Zeiten die Weinberge und Saaten fröhlich gedeihen läßt, aber im Zorn alles Leben ringsum in Glut und Asche zerstört. Der Mensch jener Zeit freut sich der lebenspendenden Sonne, die vom blauen Himmel herunterstrahlt. Plötzlich ballen sich schwere Wolken zusammen, ein wirbelnder Sturm bricht wie aus einem unbekannten Lande heulend hervor, ein furcht⸗ bares Krachen dröhnt aus dem eben noch so stillen Himmel, und feurige Schlangen laufen zischend über die aufgeregte Welt. Und plötzlich schnellt eine dieser Schlangen herab. Die Hütte, die eben noch gegen die strömenden Himmelsfluten Obdach gewährte, geht in Flammen auf, und Menschen und Tiere, die atmenden, sind auf einmal aus dem Leben ge⸗ schleudert Leichname. Wie soll sich dieser Mensch das schreckliche Schauspiel deuten? Er weiß nicht, was ein Ge⸗ witter ist. Aber sein Denken sucht nach einem Grund der Zerstörung, und so entsteht die Vorstellung von dem strafen⸗ den Gott, der ihm ob seiner Sünden zürnt. Zerknirscht betet er und opfert er, um den Zorn des Gewaltigen zu beschwich⸗ tigen. Und siehe da, der Himmel heitert sich auf und über dem ganzen Gewölbe spannt sich ein wunderherrliches Farben⸗ spiel wie ein Zeichen der Erhöhung, eine Brücke der Ver söhnung. Die Menschheit von heute weiß, was ein Gewitter ist, sie weiß, wie ein Regenbogen entsteht. In jedem natur- wissenschaftlichen Laboratorium lassen sich Gewitter und Regenbogen künstlich herstellen. Noch mehr, auch die himm lischen Gewitter können wir zähmen, wie ein Haustier; und wenn noch so sehr der große Geist uns zürnen mag, er hat keine Macht mehr über uns, wir bändigen seine Blitze, daß sie keinen Schaden anzurichten vermögen. Wir brauchen bloß auf das Dach einen eisernen Stab mit einer vergoldeten Spitze zu setzen und kein Gewitter kann uns etwas anhaben. Der Blitzableiter ist stärker als alles Zürnen der Natur. In den Dörfern läutet man wohl auch heute noch die Glocken, wenn ein Gewitter heranzieht, aber die Kirche selbst vertraut man doch nicht dem Schutz des Glockenläutens an, sondern ganz oben findet sich auf dem Turm vorsichtshalber ein Blitzableiter.

Wenn den Menschen der Vergangenheit nächtlich unter den vertrauten Sternbildern plötzlich ein blutroter, lang geschwänz⸗ ter Fremdling erschien, so war für sie das Vertrauen in die gewohnte Ordnung der Natur auf einmal erschüttert. Wo⸗ her die düstere Erscheinung? Ein Vorzeichen, eine Zuchtrute, die Ankündigung furchtbarer Strafen für die sündige Mensch⸗ heit. Heute überrascht uns kein Komet. Der Astronom hal seine Schleichwege ausgespürt, und er berechnet seinen Lauf, Und er prophezeit: dieser Komet wird im Jahre 2768 am 12. Juli 1 Uhr 38 Minuten 22½ Sekunden nachmittags wieder zum Vorschein kommen, und der Prophet ist sicher daß der Gast sich pünktlich einstellen wird. Jeder Zeitungs leser weiß heute schon Monate voraus, wann ein Komet er

scheinen wird. Es gibt keine Ueberraschung, also auch kein

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