Ausgabe 
29.7.1913
 
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Wissenist

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung

ach

Nummer 17

Dienstag, den 29. Juli 1913

2. Jahrgang i

Anarchismus und Sozialismus.

Durch die ganze Geschichte des modernen Sozialismus zieht sich der Kampf mit dem Anarchismus, der die Arbeiter auch zu gewinnen und zum Kampfe zu wecken suchte. Weil der Anarchismus der heutigen Gesellschaftsordnung gleich falls feindlich gegenübersteht und auch eine kommunistische Gesellschaft wünscht, ist der Vergleich der beiden Anschau ungsweisen das beste Mittel, die besondere Eigenart der so zialdemokratschen Grundanschauungen klar hervorzuheben.

Der Anarchismus sieht in der Herrschaft von Menschen über Menschen die Wurzel alles Uebels. Durch Gewalt der Starken gegen die Schwachen entstanden, durch materielle und geistige Unterdrückung aufrecht erhalten, findet diese Herrschaft in dem heutigen Staate mit seinen materiellen Gewaltmitteln und seiner Autorität ihren stärksten Ausdruck. Die Macht der Staatsgewalt hält die Arbeiterklasse, die große Volksmasse, in Knechtschaft; ohne den Schutz des Staates könnten die Kapitalisten das Proletariat nicht ausbeuten. Da her braucht nur der Staat durch die Empörung der zum Freiheitssinn erwachten Massen beseitigt zu werden; dann werden die Menschen, von allem Zwange, von oben erlöst, als freie Menschen ihre Arbeit kommunistisch regeln.

Freiheit einerseits, Zwang und Autorität anderseits sind nach dem Anarchismus die beiden Prinzipien, deren Kampf den Inhalt der Geschichte bestimmt. In dieser Anschauung zeigt er sich als der Erbe des alten Liberalismus des auf steigenden revolutionären Bürgertums, das ja auch die Freiheit zu seiner höchsten politisch-sozialen Forderung erhob. Er sieht nicht, daß diese Freiheit nur der Ausdruck für die Herrschaft des Kapitals war; er nimmt die Losung ernst und bemängelt bloß die Inkonsequenz und die Heuchelei der liberalen Freiheitsfreunde, die die Staatsgewalt zur Unter drückung der Arbeiter aufrecht erhalten. Sein Kultus der freien Persönlichkeit entspricht der Gedankenwelt des Klein produzenten oder des im Kleinbetrieb lebenden Arbeiters; in dem Kleinbetrieb kann der einzelne seine Arbeit nach freiem Belieben regeln. Dadurch stellt der Anarchismus sich in Gegensatz zu der Gedankenwelt, die in dem Proletariat der Großbetriebe aufwächst. In dem Großbetrieb ist die Arbeit organisiert; der moderne Arbeiter weiß, daß mag auch das Gebot des Meisters die Form sein der notwendige Zu sammenhang innerhalb der gemeinsamen Arbeit die Freiheit des einzelnen beschränkt. In der Organisation und der Unter ordnung des Individuums unter eine Gemeinschaft sieht er auch das einzige Mittel, die gewaltige organisierte Macht der Kapitalistenklasse erfolgreich zu bekämpfen. Der Anarchismus operiert mit dem aus der Zeit des Kleinbetriebs stammenden Gegensatz von Freiheit und Zwang und übersieht, daß es noch ein Drittes gibt, das weder die absolute Freiheit noch der Zwang ist: die Organisation mit ihrer freiwilligen Disziplin, das zu dem Großbetrieb, zu unserer heutigen hochentwickelten Technik gehörende Prinzip. Die Organisation allein kann die Arbeiterklasse und damit die Menschheit von der unterdrück ten Herrschaft einer ausbentenden Klasse befreien; daher geht der wirkliche Kampf zwischen diesen beiden Prinzipien: Zwangsgewalt und Organisation. Darin liegt der Grund, weshalb der Anarchismus praktisch nur in der Jugendzeit der Arbeiterbewegung etwas bedeutete und auf das moderne Proletariat jede Anziehungskraft verloren hat.

Während die anarchistische Theorie also im Grunde die alte bürgerliche Theorie don Freiheit und Gewalt ist, statt

auf die Bedürfnisse der von der Bourgeoisie unterdrückten Klassen zugespitzt, steht die sozialistische Theorie den bürger⸗ lichen Anschauungen als eine völlig neue Wissenschaft der Gesellschaft gegenüber. Mehr noch, sie ist die erste wirkliche zusammenhängende Wissenschaft der gesellschaftlichen Er- scheinungen, gegen die alle bürgerlichen Anschauungen nur unwissenschaftliche Phantasien und einen unklaren Aber⸗ glauben bilden. Der Sozialismus sucht nicht in einer Einzel erscheinung, in dem Staat und der Gewalt, den Grund alles Uebels und in einem abstrakten Freiheitsprinzip die Rettung. Er bringt das ganze gesellschaftliche Leben mit all seinen ver⸗ schiedenen Kräften in Zusammenhang auf der Grundlage der Produktionsweise. Auf der Produktionsweise, der Form der Arbeit zur Erzeugung des Lebensunterhalts, beruhen die anderen gesellschaftlichen Institutionen, Recht und Sitte, Ge walt und Kultur, Staat und Politik, sowie die Anschau⸗ ungen und Ideen der Menschen, die alle wieder als Kräfte zur Festigung oder zur Umwälzung der bestehenden Wirt- schaftsordnung wirken. Was sonst als Zufall und Willkür, als Tücke oder Dummheit der Menschen, als Ausfluß ihrer Serrschsucht oder ihrer Knechtseligkeit erscheint, kann dadurch erst logisch und natürlich verstanden werden. Gewiß ist der, Irrtum, die Staatsgewalt sei das Grundübel, einigermaßen, verständlich zu einer Zeit, als eine überflüssig gewordene Ausbeuterklasse nur durch ihre Verfügung über die staatlichen Machtmittel ihre Herrschaft behauptet, und diese ihr also ent⸗

rissen werden müssen. Aber die ganze Geschichte zeigt, daß die politische Macht einer Klasse in ihren ökonomischen

Funktionen wurzelt, daß mit der Wirtschaftsform auch die politischen Institutionen entstehen, sich wandeln und ver- schwinden, und daß die Gewalt zwar oft die Geburts- helferin, aber nie die Erzeugerin einer neuen Gesellschafts⸗ ordnung war. Die sozialdemokratische Arbeiterschaft will die, Umwandlung der Produktionsweise durchführen, die durch die moderne Entwicklung geboten ist, sie will die sozialistische, Produktion an die Stelle der kapitalistischen stellen; dazu muß sie die politische Herrschaft der Bourgeoisie zuerst be⸗ seitigen. N Wenn also behauptet wird, daß Sozialismus und Anar⸗ chismus einander durch ihre verschiedene Stellung zum Staate und zur Staatsgewalt gegenüberstehen, da der eine sie beseitigen, der andere sie erhalten will, so ist das unrichtig. Der Unterschied liegt darin, daß der Anarchismus den Staat, der Sozialismus die Wirtschaft in den Mittelpunkt seiner Lehren und Ziele stellt. Der Anarchismus kümmert sich nicht um die Wirtschaft, denn, wenn nur erst der Staat beseitigt ist, wird sich die Wirtschaft schon gestalten, wie es am besten ist. Der Sozialismus betrachtet umgekehrt die Gestaltung der politischen Organisation als einen Ausfluß der Wirtschafts⸗ weise.

Das führt zugleich zu einem anderen Gegensatz. Der wissenschaftliche Sozialismus unterscheidet sich von jeder bürgerlichen Anschauungsweise vor allem als die Lehre von einer natürlichen und notwendigen gesellschaftlichen Entwick⸗ lung. Die marxistische Sozialdemokratie untersucht die Kräfte in der wirklich vorhandenen Welt, um zu entdecken, welche Formen sich aus ihr entwickeln werden; das ganze Wesen unserer Partei beruht auf der Einsicht, daß der So⸗ zialismus sich notwendig aus den Kräften der heutigen kapitalistischen Welt, namentlich dem proletarischen Klassen⸗ kampf, entwickeln wird. Wer nicht auf diesem Boden steht,