Ausgabe 
29.4.1913
 
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immer zahlreicher und ärmer wird.

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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 4

Dienstag, den 29. April 1913

2. Jahrgang

Das Kapital. Von Friedrich Engels. 155

So lange es Kapitalisten und Arbeiter in der Welt gibt, ist kein Buch erschienen, das für die Arbeiter von solcher Wich tigkeit wäre, wie das vorliegende. Das Verhältnis von Kapi- tal und Arbeit, die Angel, um die sich unser ganzes heutiges Gesellschaftssystem dreht, ist hier zum erstenmal wissenschaft lich entwickelt, und das mit einer Gründlichkeit und Schärfe, wie sie nur einem Deutschen möglich war. Wertvoll wie die Schriften eines Owen, Saint-Simon, Fourier sind und blei ben werden erst einem Deutschen war es vorbehalten, die Höhe zu erklimmen, von der aus das ganze Gebiet der mo dernen soziglen Verhältnisse klar und übersichtlich daliegt, wie die niederen Berglandschaften vor dem Zuschauer, der auf der höchsten Kuppe steht.

Die bisherige politische Oekonomie lehrt uns, daß die Arbeit die Quelle alles Reichtums und das Maß aller Werte ist, so daß zwei Gegenstände, deren Erzeugung dieselbe Ar beitszeit gekostet hat, auch denselben Wert besitzen, und, da durchschnittlich nur gleiche Werte unter sich austauschbar sind, auch gegeneinander ausgetauscht werden müssen. Gleichzeitig lehrt sie aber, daß eine Art aufgespeicherter Arbeit existiert, die sie Kapital nennt; daß dies Kapital durch die in ihm ent haltenen Hilfsquellen die Produktivität der lebendigen Arbeit ins hundert- und tausendfache steigert und dafür eine gewisse Vergütung in Anspruch nimmt, die man Profit oder Gewinn nennt. Wie wir alle wissen, stellt sich dies in der Wirklichkeit so, daß die Profite der aufgespeicherten toten Arbeit immer massenhafter, die Kapitalien der Kapitalisten immer kolossaler werden, während der Lohn der lebendigen Arbeit immer ge ringer, die Masse der bloß vom Arbeitslohn lebenden Arbeiter Wie ist dieser Wider⸗ spruch zu lösen? Wie kann ein Profit für den Kapitalisten übrig bleiben, wenn der Arbeiter den vollen Wert seines Pro dukts erhalten, wenn, wie von einem Oekonomen zugegeben wird, dieses Produkt zwischen ihm und dem Kapitalisten ge teilt wird? Die bisherige Oekonomie steht vor diesem Wider spruch ratlos da, schreibt oder stottert verlegene, nichtssagende Redensarten. Selbst die bisherigen sozialistischen Kritiker der Oekonomie sind nicht imstande gewesen, mehr zu tun, als den Widerspruch hervorzuheben; gelöst hat ihn keiner, bis Marr jetzt endlich den Entstehungsprozeß dieses Profits bis auf seine Geburtsstätte verfolgt und damit alles klarge macht hat.

Bei der Entwicklung des Kapitals geht Marx von der einfachen, notorisch vorliegenden Tatsache aus, daß die Kapi⸗ talisten ihr Kapital durch Austausch verwerten: sie kaufen Waren für ihr Geld und verkaufen sie nachher für mehr Geld, als sie ihnen gekostet haben. Zum Beispiel ein Kapitalist kauft Baumwolle für 1000 Taler und verkauft sie wieder mit 100 Taler,verdient also 100 Taler. Diesen Ueberschuß von 100 Taler über das ursprüngliche Kapital nennt Marx Mehrwert. Woraus entsteht dieser Mehrwert? Nach der An⸗ nahme der Oekonomen werden nur gleiche Werte ausgetauscht, und dies ist auf dem Gebiet der abstrakten Theorie auch rich

Dieser Artikel, in dem Engels den Hauptgehalt des Marxschen Kapital darstellt, ist zuerst im Demokratischen Wochenblatt 1868 veröffentlicht worden. tic. Der Einkauf von Baumwolle und ihr Wiederberkassf

kann also ebensowenig einen Mehrwert liefern, wie der Aus tausch von einem Silbertaler gegen 30 Silbergroschen und der Wiederverkauf der Scheidemünze gegen den Silbertaler, wo bei man nicht reicher und nicht ärmer wird. Der Mehrwert kann aber ebensowenig daraus entstehen, daß die Verkäufer die Waren über ihren Wert verkaufen oder die Käufer sie unter ihrem Wert kaufen, weil jeder der Reihe nach bald Käufer, bald Verkäufer ist und sich dies also wieder ausgliche. Ebensowenig kann es daher kommen, daß die Käufer und Ver käufer sich gegenseitig übervorteilen, denn dies würde keinen neuen oder Mehrwert schaffen, sondern nur das vorhandene Kapital anders zwischen den Kapitalisten verteilen. Trotzdem daß der Kapitalist die Waren zu ihrem Wert kauft und zu ihrem Wert verkauft, zieht er mehr Wert heraus, als er hin einwarf. Wie geht das zu?

Ein Kapitalist findet unter den gegenwärtigen gesellschaft⸗ lichen Verhältnisse auf dem Warenmarkt eine Ware, die die eigentümliche Beschaffenheit hat, daß ihr Verbrauch eine Quelle von neuem Wert, Schöpfung neuen Wertes ist, und diese Ware ist die Arbeitskraft.

Was ist der Wert der Arbeitskraft? Der Wert jeder Ware wird gemessen durch die zu ihrer Herstellung erforder- liche Arbeit. Die Arbeitskraft existiert in der Gestalt des lebendigen Arbeiters, der zu seiner Existenz sowie zur Erhal tung seiner Familie, die die Fortdauer der Arbeitskraft auch nach seinem Tode sichert, einer bestimmten Summe von Lebensmitteln bedarf. Die zur Hervorbringung dieser Lebens mittel nötige Arbeitszeit stellt also den Wert der Arbeitskraft dar. Der Kapitalist zahlt ihn wöchentlich und kauft dafür den Gebrauch der Wochenarbeit des Arbeiters. Soweit wer den die Herren Oekonomen so ziemlich mit uns über den Wert der Arbeitskraft einverstanden sein.

Der Kapitalist stellt seine Arbeiter nun an die Arbeit. In einer bestimmten Zeit wird der Arbeiter so viel Arbeit geliefert haben, als in seinem Wochenlohn repräsentiert war. Gesetz, der Wochenlohn eines Arbeiters repräsentiere drei Arbeitstage, so hat der Arbeiter, der Montags anfängt, am Mittwoch abend dem Kapitalisten den vollen Wert des ge⸗ zahlten Lohnes ersetzt. Hört er dann aber auf zu arbeiten? Keineswegs. Der Kapitalist hat seine Wochenarbeit gekauft und der Arbeiter muß die drei letzten Wochentage auch noch arbeiten. Diese Mehrarbeit des Arbeiters, über die zur Er⸗ setzung seines Lohnes nötige Zeit hinaus, ist die Quelle des Mehrwerts, des Profits, der stets wachsenden Anschwellung des Kapitals.

Man sage nicht, es sei eine willkürliche Annahme, daß der Arbeiter in drei Tagen den Lohn wieder herausarbeite, den er erhalten hat, und die übrigen drei Tage für den Kapi⸗ talisten arbeitete. Ob er gerade drei Tage braucht, um den Lohn zu ersetzen, oder zwei, oder vier, ist allerdings hier ganz gleichgültig und wechselt auch nach den Umständen; aber die Hauptsache ist die, daß der Kapitalist neben der Arbeit, die er bezahlt, auch noch Arbeit herausschlägt, die er nicht bezahlt, und das ist keine willkürliche Annahme, denn an dem Tage, wo der Kapitalist auf die Dauer nur so viel Arbeit aus dem Arbeiter herausbekäme, wie er ihm im Lohn bezahlt, an dem Tage würde er seine Werkstatt zuschließen, da ihm eben sein ganzer Profit in die Brüche ginge.

Hier haben wir die Lösung aller jener Widersprüche. Die Entstehung des Mehrwerts(wovon der Profit des Kapita⸗ listen einen bedeutenden Teil bildet) ist nun ganz klar und