Ausgabe 
28.1.1913
 
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Gegner. Aber die Kleinbetriebe werden von ihren Besitzern

asch und gern verlassen werden, sobald der vergesell⸗ schaftete Großbetrieb ihnen angenehmere Lebens- und Arbeits bedingungen bietet. Und das wird und muß er, sobald die arbeitenden Klassen Herren des Staates geworden sind. A. M.

Dit auftttigende Lebenshaltung der euglischen Arbeiter.

Durch gewaltige Kämpfe, namentlich in den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, und unter der Gunst eines unerhörten wirtschaftlichen Ausschwungs war es der oberen Schicht der englischen Arbeiterschaft gelungen, sich aus dem entsetz⸗ lichen Elend, das den ersten Teil des 19. Jahrhunderts kennzeichnet, einigermaßen herauszuarbeiten. Trotzdem die breiten Massen der ungelernten wie der landwirtschaftlichen Arbeiter und gar der aus dem Arbeiterheere herausgeworfenen Allexärmsten von diesem Segen nur ganz wenig oder gar nichts verspürt hatten, war von da an die bürgerliche Wissenschaft voll von den Lobpreisungen des sozlalen Fortschritts, der sich unter dem kapitalistischen System und bei einer den sozialistischen Utopien so sehr abgeneigten Ar⸗ beiterllasse vollzogen und die beste Widerlegung der angeblichen Verelendungstendenzen des Kapitalismus geliesert habe. Das Aufkommen der Bewegung der Ungelernten und das langsame aber stetige Vordringen der sozialistsschen Ideen innerhalb dieser Musterarbelter seit Ende der achtziger Jahre hat diesen trostvollen Verheißungen viel von ihrer Sicherheit genommen. Und in den letzten Jahren hat es sich immer stärkex gezeigt, wie unendlich wenig von der noch immer gewaltig anschwellenden Flut des Ge⸗ samtreichtums den Arbeitern zugeflossen, wie der schärfste Klassen⸗ kampf heute mehr als seit langer Zeit eine Lebensnotwendigkeit auch für den englischen Arbeiter ist.

Das englische Arbelteramt veröffentlicht eine Darstellung der Beschäftigungs-, Lohn⸗ und Preisverhält⸗ nisse und der Arbeitsstreitigkeiten i. J. 1912, mit der eine vergleichende Uebersicht bis 1896 zurück verbunden ist. Wir erfahren da, daß die Arbeitsgelegenheit im letzten Jahre so günstig war wie lange nicht. Zwar wird der Jahresdurchschnitt der Ar⸗ beitslosen mit 3,2 Prozent etwas höher angegeben als im Vor⸗ fahr(3,0). Aber das ist nur die Wirkung des Bergarbeiterstreiks, der im März den unerhörten Prozentsatz von 11.3 Arbeitslosen be⸗ wirkte und noch auf die beiden nächsten Monate etwas nachwirkte. Juni bis Dezember zeigen einen Durchschnittssatz von 2,2 gegen 3 in der gleichen Zeit 1011 und 4,7 im ganzen Jahre 1910, 7,7 und 78 in 1900 und 1908. Der Durchschnitt des ganzen Jahrzehnts ist 4.94

Auch die Löhne zeigen eine Aufwärtsbewegung, wie sie in den 16 Jahren vorher nur zweimal übertroffen wurde. 1724 000 Arbeiter errangen eine Lohnaufbesserung von zusammen 131611 pfund Sterling im Wochendurchschnitt. Auf das Jahr macht es 199 817 740 Mark, das sind 81 Mark auf den Kopf des beteiligten Arbeiters. 1911 mußten 887 600 Arbeiter sich mit einer Aufbesse⸗ rung um wöchentlich 32 433 Pfund Sterling zufrieden geben. Die Zahl der an Lohnerhöhungen beteiligten Arbeiter ist die höchste seit 1800. Am nächsten kommt 1007 mit 1244 700 Arbeitern, während der Mehrbetrag damals mit wöchentlich 200 800 und gar 1900 mit 206 800 Pfund Sterling welt über das letzte Jahr hinausgeht. Will man indessen eine wirkliche Uebersicht über die Entwicklung der Lohnverhältnisse in dieser Periode, so muß man die gesamten in diefer Zeit erfolgten Erhöhungen(in 10 Jahren) und Erniedri⸗ gungen(7 Zahre] zusammenfassen. Dann ergibt sich für insge⸗ samt 16 174600 Arbeiter eine wöchentliche Aufbesserung um 10 842 500 Mark. Das sind auf den Mann 33,28 Mark aufs Jahr, 4 fenunsig auf die Woche: kein sehr hinreißendersozialer Aufstieg in 10 Jahren!

Dabei darf vergessen werden, daß diese Lohnverände⸗ rungen sich meist in Verbindung mit schweren Lohn kämpfen vollzogen. Darin war 1912 ein Rekordjahr mit 821 Lohnstreitig⸗ keiten, 1487 000 beteiligten Arbeitern und einer Gesamtdauer von 40 846 400 Tagen. Rechnet man den Tag mit 4 Wark, so haben die Kämpfe mehr gekostet, als die Lohnerhöhung für dieses Jahr ausmacht. Der Vorteil liegt hier, speziell bei den Bergarbeitern,

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in der Zukunft. 19011 gab cs 903 Kämpfe mit 962 000 Beteiligten und 10 310 600 eingebüßten Tagen. Der Jahresdurchschnitt für die 10 Jahre seit 1902 war: 490 Kämpfe. 299 300 Beteiligte, 4878 600 eingebüßte Tage. Das günstigste Ergebnis zeiate 1007, wo die Lohnerhöhung von wöchentlich rund 4.1 Millionen Mark mit 601 Lobnkämpfen, in denen nur 147 500 Arbeiter 2 162 000 Tage

einbüßten, erreicht wurde. Von der Gesamtzahl des letzten Jahres entfielen nicht weniger als 1 105 500 Beteiligte und 31,6 Millionen eingebüßte Tage auf die Kohlenbergleute.

Ihre volle Bedeutung aber erhält die Lohnverschiebung erst durch den Vergleich mit der Verschiebung der Lebensmittel preise. Der bekannte Inder, der eine Reihe der wichtigsten allgemeinen Gebrauchsartikel mit Berücksichtigung der verbrauch⸗ ten Wengen in ihrem Preise zusammenfaßt, betrug, wenn der Stand der Detallpreise von 1000 mit 100 angesetzt wird, im Durch⸗ schnitt von 1901 bis 1910 105.2 aber 1911 109,3 und 1912 gar 1149. 1890 war er 2 92 und 1. D. 1895 bis 1900= 05,7 gewesen. Das bedeutet für 1912 eine Steigerung um 140 Prozent gegen 1900 und um 24.9 Prozent, fast genau ein Viertel, gegen 18921 Da⸗

neben nimmt sich die Lohnerhöhung um wöchentlich 64 Pfennige in dieser Zeit wohl nicht sehr imponierend aus. Alles zusammen ergibt keine Steigerung, sondern elge Senkung der Kaufkraft des Sefzatlebnes unb damit der Lebenshaltung.

Auschauliches Denken

betitelte sich ein Vortrag, den Prof. Kammerer(Charlotten- burg) gelegentlich der letzten Hauptwersammlung des Vereins Deutscher Ingenieure in Stuttgart hielt und der jetzt aus⸗ führlicher in der Zeitschrift des Vereins, Technik und Wissen⸗ schaft, wiedergegeben wird. Er versteht unter anschaulichem Denken die Fähigkeit, räumliche Vorstellungen zu wieder⸗ holen und neu zu bilden. Diese Art zu denken steht im Gegensatz zum begreiflichen Denken, das der räumlichen Vor- stellung nicht mehr bedarf und nur mit den durch Worte ge⸗ kennzeichneten Begriffen arbeitet. Das begriffliche Denken haftet an der Sprache, das anschauliche Denken an der Zeich⸗ nung und an der räumlichen Wirklichkeit. Kennzeichnend dafür sind die beiden Gediete der Rechtswissenschaft und der technisch-geistigen Arbeit. Diese letzte bedarf in allererster Linie des anschaulichen Denkens, wie alles Naturwissenschaft⸗ liche. Zwischen beiden steht die Mathematik, die zu einem Teile, in der Arithmetik, begrifflich, in der Geometrie da⸗ gegen anschaulich arbeitet. Meister des anschaulichen Denkens waren die Griechen, die mit ihrer Plastik, ihrer Architektur und auch in technischen Leistungen Großes leisteten. Die Römer dagegen waren Meister im begrifflichen Denken und schufen die Grundlagen der Rechtswissenschaft. Aber auch die Scholastik kannte nur begriffliches Denken, erst die Re naissance ließ das anschauliche Denken wieder erwachen. Neuerdings gewinnt dieses immer mehr an Terrain und bringt daher auch wieder das künstlerische Schaffen zur Geltung.

Besonders bemerkenswert aber sind Kammerers Aus- führungen in ihrem letzten Teile, wo er sich auch auf de Can- dolle, den hervorragenden französischen Forscher, beruft, der in seinem neu von Wilhelm Ostwald deutsch herausgegebenen WerkeZur Geschichte der Wissenschaften und der Gelehrten (Leipzig, Akademische Verlagsgesellschaft 1911) sehr beach- tenswerte Erfahrungen wiedergibt. Kammerer sagt:

Auf anschaulichem Denken beruht unsere ganze indu⸗ strielle und künstlerische Berufsarbeit, also Tätigkeiten, die dem Gegenwartsleben die wirtschaftlichen Mittel einerseits und die kulturellen Werte andererseits verschafsen. Man sollte darum glauben, daß die Pflege des anschaulichen Denkens eine Hauptaufgabe der Erziehung sein müßte. Für die Volksschule und die Fortbildungsschule ist diese Aufgabe durch Kerschensteiner und andere glänzend gelöst worden; die technischen Hochschulen haben von ihren ersten Anfängen an an dieser Aufgabe gearbeitet und haben die Hörsäle mehr und mehr in Experimentiersäle und Demonstrationsräume verwandelt. In der Mittelschule aber herrscht, von einzelnen rühmlichen Ausnahmen abgesehen, unumschränkt das begreif⸗ liche Denken: man lernt dort fast alles aus Büchern und nur sehr wenig aus eigener Beobachtung.

Noch heute gelten die Worte, die de Candolle vor drei Jahrzehnten geschrieben hat: Die Fähigkeit, die Gestalten, die Farben, das Aussehen, die Eigenschaften und allgemein die Beschaffenheit jedes Gegenstandes wahrzunehmen, ist eine Gabe, welche für die meisten Lebensbedürfnisse hervorragend nützlich erscheint. Muß nicht ein jeder Ackerbauer unaufhör⸗ lich die Einzelheiten jedes Dinges seiner Umgebung beobach⸗ Ob er seine Wirtschaft besorgt, einen Kauf abschließt, seine Arbeiter beaufsichtigt, seine Produkte sachgemäß kulti⸗ viert! und zur Aufbewahrung bereitet, stets ist er genötigt, genau zu beobachten und darüber nachzudenken, was er ge⸗ sehen hat. Ebenso muß der Fabrikant und der Kaufmann ständig beobachten, jeder auf seinem Gebiete. Der Soldat muß sich geschwind von den topographischen Verhältnissen Rechenschaft geben, und der Mediziner hört nicht auf, zu be⸗ obachten. Auch der Jurist muß sehr oft materielle Tatsachen untersuchen, sei er Advokat, Notar oder Richter. Welche so⸗ ziale Stellung erspart es uns, auf kleine Verschiedenheiten des Ausdruckes, auf Schwankungen der Stimme acht zu