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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 8
Dienstag, den 27. Mai 1913
2. Jahrgang
Fertiges,
Zeit mit dem seither Erreichten zu vergleichen, um schließ⸗
Ein Parteigedenktag. Von Fr. Stampfer.
In eine jubiläenreiche Zeit fällt der fünfzigste Gedenktag der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der 50. Geburtstag der deutschen Sozialdemokratie. Wenn sich die rückwärtsgewandte Weltbetrachtung der Monarchie
und des Bürgertums darin erschöpft, Feste der Vergangenheit zu feiern,
so kann umgekehrt für eine vorwärtsstrebende Klasse wie das Proletariat die Erinnerung an die großen Gedenktage ihrer Geschichte nichts anderes sein als ein kurzer Rückblick auf rastloser Wanderung in ungemessene Weiten. Der Beruf der Arbeiterklasse sei weniger, Geschichte zu
schreiben, als Geschichte zu machen.
Geschichte zu machen, das war auch Lebenszweck jener 5 Delegierten aus elf Städten, die am 23. Mai 1863 im Leipziger Pantheon zusammentraten, um auf Grund des Lassalleschen Programms eine ganz Deutsch— land umspannende sozialdemokratische Arbeiterorganisation ins Leben zu rufen. Nicht ganz mit Recht, in einem anfecht— baren Bilde sagt man, daß dort in Leipzig die Wiege der Partei gestanden, denn die Partei ist mehr als eine physische Körperschaft, sie ist eine geistige Bewegung, und geistige Be— wegungen haben keine Wiegen und keine Geburtstage: sie wachsen aus kaum sichtbaren Anfängen der gegebenen Ver— hältnisse heraus, als Folgen einer tief in die Vergangenheit zurückreichenden Kette vonUrsachen. Die großen entscheidenden Tatsachen der sozialistischen Bewegung liegen denn auch ein gut Stück hinter diesem Jubiläumstag zurück in den geistigen Leistungen der großen Sozialisten, vor allem Karl Marx', und geistig war die Partei schon etwas in hohem Grade als sie durch die Gründung des Allgemeinen Deut— schen Arbeitervereins als körperliches Wesen ins Leben trat und bald mit der Kraft eine sjungen Herakles in die Er—
der begeisternde
eignisse der Zeit eingriff.
Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein war mehr als eine Propagandagesellschaft zur Verbreitung sozialdemo— kratischer Grundsätze. Es war eine Organisation, durch die die Arbeiterklasse zu einem selbständigen Faktor der Politik, zunächst der deutschen Politik gemacht werden sollte und ge— macht worden ist. Und darin erwies er sich, trotz aller theoretischen Abweichungen, als bester Schüler von Karl Marx, daß er nicht mehr bloß darauf ausging, die Welt philosophisch zu interpretieren, sondern vielmehr darauf, sie praktisch zu verändern. Eine Propagandagesellschaft konnte sich auf einen engen Kreis Gleichgesinnter beschränken, um von da aus in die Massen zu wirken. Eine Arbeiterpartei, die darauf ausging, praktisch einzugreifen, und überall, wo es darauf ankam, handelnd auf den Plan zu treten, mußte eine Massenorganisation werden, wenn sie Existenzberechtig⸗ ung und 8 haben sollte. Und wirklich ist der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein die Keimzelle ge⸗ worden, aus der sich später die gewaltige sozialdemokratische
Organisation des Deutschen Reiches entwickelte.
Es liegt nahe, die bescheidenen Anfänge der damaligen
lich einen Triumphgesang darüber anzustimmen, wie wirs dann so herrlich weitgebracht. Denn tatsächlich ist ja, das könnte selbst böswillige Verkleinerungssucht nicht bestreiten, der sozialdemokratische Parteikörper Deutschlands zu einer politischen Musterorganisation emporgediehen, die in der ganzen Welt unerreicht dasteht. Die Arbeiter Deutschlands haben sich als die besten Organisatoren aller Kulturländer erwiesen, und werden um die Erfolge, die sie auf diesem Ge— biete errungen haben, von ihren Klassengenossen in zwei Welt— teilen beneidet.
Die diktatorischen Formen der Anfangszeit sind über— wunden, die Organisation ist auf eine breite demokratische Grundlage gestellt, das Selbstbestimmungsrecht der Arbeiter in dem von ihnen selbst gebauten Hause gesichert. An Stelle des einen angestellten Sekretärs, mit dem der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein seine Tätigkeit begann, steht ein aus⸗ gedehnter Beamtenkörper, und unzählige freiwillige Hilfs- kräfte sind bereit, bei Flugblattverbreitungen, Kundgebungen, Wahlen für ein tadelloses Funktionieren des gewaltigen Apparats zu sorgen. Eine weitverbreitete Tagespresse sichert den dauernden Zusammenhalt des Ganzen mit seinen ein⸗ zelnen kleinsten Teilen, eine mächtige Gewerkschaftsorgani⸗— sation, ein aufblühendes Genossenschaftswesen ermöglicht nützliche Beschränkung auf die eigentliche Parteiarbeit, gibt der politischen Organisation Gelegenheit, sich auf ihre partei mäßigen Ziele planvoll zu konzentrieren.
An eine Organisation von solcher Ausdehnung und Voll— kommenheit hätte der Gründer der Allgemeinen auch nicht in seinen kühnsten Träumen zu denken gewagt. Aber er glaubte auch kaum eines Zehntels der hier aufgespeicherten Kraft zu bedürfen, um mit ihr den Himmel stürmen zu können. Er übersah, daß Massenorganisation und Massen⸗ bewegung zwei Dinge sind, die notwendig von einander abhängen, und dann doch wieder einander zeitweilig im Wege zu stehen scheinen, daß sich große festgefügte Heeresmassen schwerer bewegen lassen, als schwache und lose Freischaren.
Wir wünschen nicht zahlenmäßig so schwach zu sein, wie es die politische Arbeiterbewegung in ihren Anfängen gewesen ist, sondern sind uns vielmehr vollkommen dessen bewußt, daß nur ein weiteres Anwachsen der organisatorischen Kräfte die Arbeiterklasse auf ihrem Wege vorwärtsbringen kann. Aber, was wir uns aus jener Zeit zurückwünschen, das ist der Elan, die Beweglichkeit, die auf ein Ziel gerichtete Energie, die den Vorkämpfern der deutschen Sozialdemokratie damals zu eigen war. An der Spitze von hunderttausend Arbeitern wollte Ferdinand Lassalle vor fünfzig Jahren aus Preußen eine Demokratie machen. Am letzten Freitag sind wahrschein⸗ lich etwa eine Million sozialdemokratische Stimmen abgegeben worden— bei den preußischen Dreiklassenwahlen! Und noch ist der Schande kein Ende!
Wir sind eine gewaltige Organisation. Kämpfen wir für die Befreiung Preußens, die Befreiung Deutschlands aus der politischen Knechtschaft im Geiste des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, im Geiste Ferdinand Lassalles!
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