Die Ernennung Olliviers zum Ministerpräsidenten, die zwel Jahre später erfolgte, war ein Zugeständnis an die Opposstion, deren Stimmenzahl bei den letzten Wahlen trotz behördlichen Drucks nicht mehr weit von der Mehrheit entfernt geblieben war. Ollivier hielt sich für berufen, die Reform des Kaiserreichs in liberal⸗konsti⸗ tutionellem Sinne durchzuführen, und so war sein Trachten in den ersten Monaten seiner im ganzen achtmonatigen, vom 2. Jannar bis zum 9. August 1870 währenden Regierungszeit ganz auf die innere Politik gerichtet. Ja, noch am J. Juni spricht er die geschichtlich be⸗ rühmten Worte aus:
Ich erkläre, daß die Regierung keinerlei Besorgnis hegt und daß zu keiner Zeit die Aufrechterhaltung des Friedens gesicherter war als jetzt. Wohin man blickt, kann man nirgends eine Frage entdecken, die vielleicht Gefahren in sich tragen könnte.
Vier Tage später kommt die Nachricht, daß Marschall Prim dem Erbprinzen von Hohenzollern die Krone angeboten haben. Am 6. Juli heißt es, der Prinz nimmt an. Am 8.; der Botschafter in Berlin, Benedetti, begibt sich nach Ems, um bei dem preußischen König für die Zurückhaltung dieser Kandidatur zu wirken, am 12. verzichtet der Erbprinz auf den spanischen Thron, und nun erklärt Olllvier in den Couloirs der Kammer, daß die Differenz mit Preußen erledigt, die Kriegsgefahr beseitigt sei.
Aber anders als Ollivier wollte der Herzog von Gramont und Graf Bismarck. Sie wollten den Krieg. Die Verhandlungen werden weitergeführt. Man verlangt zu dem gegenwärtigen Ver⸗ zicht des Prinzen einen definitiven des Königs. Es folgen die er⸗ regten Szenen von Ems am 13. Juli, und am 14. wandelt der Eiferne die Chamade von Ems höchsteigenhändig in die weltgeschicht⸗ liche Fanfare um:
Nachdem die Nachricht von der Entsagung der Prinzen Hohen⸗ zollern der französischen Regierung amtlich mitgeteilt worden, stellte der sranzösische Botschafter in Ems die Forderung, ihn zu ermächtigen, daß er nach Paris telegraphiere, der König ver⸗ pflichte sich für alle Zukunft niemals wieder zuzustimmen, wenn die Hohenzollern auf die Kandidatur zurückkämen. Der König lehnte jedoch ab, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und ließ demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen: Se Majestät habe dem Botschafter nichts weiter mitzu⸗ teilen.
Das war eine Fälschung, aber es war der Krieg. Am 15. Juli erklärt Ollivier in der Kammer:
Es kann vorkommen, daß ein König sich weigert, einen Bot⸗ schafter zu empfangen; aber etwas anderes ist es, wenn die Weigerung eine absichtliche ist, wenn sie den fremden Kabinetten durch Telegramme und dem Lande durch Extrablätter notifliziert wird. Dieses Verfahren war um so bedeutsamer, als der Adsu⸗ tant, welcher unserem Botschafter eröffnete, daß er nicht empfangen werden könne, es an keiner Höflichkeitsform fehlen ließ, sodaß unser Botschafter von der beleidigenden Absicht keine Ahnung hatte und uns unter dem ersten Eindruck auch in diesem Sinne tele— graphierte.
Ein Hagel von Zwischenrusen antwortet. Thiers:„Da möge nun sedermann richten!“ Aber v. Choiseul:„Man kann unmöglich aus fsolchem Grunde den Krieg erklären!“ Garnier-Pages:„Das sind Redensarten!“ Und Arago:„Wenn man dies hören wird, wird dle zivilisterte Welt ihnen Unrecht geben, und wenn Sie daraufhin den Krieg erklären, wird man wissen, daß Sie ihn um jeden Preis haben wollen!“ Aber Ollivier fährt fort:
Man wollte uns demiltigen und uns eine Schlappe beibringen, um sich für die Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern zu entschädigen.... Tadeln Sie es, daß wir gebrochen haben nach dem in der Person unseres Votschafters empfangenen Schimpf?
So begann die große Auseinandersetzung als ein Ehrenhandel, wie er plumper, nichtiger kaum gedacht werden kann. Der Prinz hatte verzichtet, was kam es darauf an, ob dieser Verzicht in dieser oder jener Form, für jetzt oder immer ausgesprochen wurde. Wil⸗
elm J hatte nicht die Absicht, den Botschafter des Kaisers zu belei⸗ igen, die Beleidigung erfolgte erst durch die gefälschte Darstellung der Emser Depesche. Und wenn es wahr gewesen wäre, wenn Wil⸗ helm gegen Herrn Benedetti unwirsch und ungezogen gewesen wäre — war das ein Grund, Europa in ein Meer von Blut zu stürzen?
Man lehrt uns in der Schule, daß jeder Krieg erstens eine Ur⸗ sache habe und zweitens einen Anlaß. Ems war natürlich nur der Anlaß— aber an ihn hat sich die geschichtliche Kritik stets geklam⸗ mert. Und das lebende Geschlecht kann aus der Geschichte wenigstens lernen, wie man„Anlässe“ zum Kriege vermeidet.
Frankreich war für seine„Ehre“ ins Feld gezogen. hat es dort geerntet?
Am 9. August, zwei Tage nach dem Bekanntwerden von Wörth und Spichern fällt das Kabinett Ollivier. Ein Unglücklicher hatte seine Laufbahn geschlossen. Sein Geschick kann keinen lebenden Staatsmann zur Nacheiferung locken.
Und was
Und dann hat er dreiundvierzig Jahre lang aun einem Werk, das auf zwanzig Bände berechnet war, an seiner Rechtfertigung gear⸗ Er hat sein Ziel nicht erreicht, denn für den Schwachen, der dem Taumel der Leidenschaften unterliegt, gibt es keine Rechtserti⸗ Aber die Art, wie er ver⸗
beitet.
ung vor dem harten Urteil der Geschichte. einen Genossen im Unglück, den Marschall Vazatne
1 1 1 zu teidigen suchte, berührt menschlich sumpathisch.
Wenige Tage, nachdem der Leib eines Ewiglebendigen zu Asche 0 10 gegangen. August Bebel und Emile Ollivier kraftvolle Zukunft, hoffnungslos
derfallen war, ist dann dieser Lebendigtote zu Grabe
furchtbare Schuld seines Lebens nicht glauben wollte, gern manches Jahr eines friedlichen Alters gegönnt— nun, da das sich ilber ihm schließt, alles aufnehme, was zur Ze heilvoll lebendig gewesen ist. Und sieh, es kommt ein anderes Geschlecht!
„
können wir nur wünschen, daß es mit i 2
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it seiner Höhe und seines Falles so un⸗ *
Aus unscrer Sammelmappe. Unser lateinisches Haus. In der Zeitschrift des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins veröffentlicht Friedrich Sigismund(Wei⸗ 1 mar) eine Plauderei über„Lateiuische Gäste in der deut
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schen Sprache“, in der er au Beispielen demonstriert, daß man— den Tagesweg durch Haus und Garten, Land und Stadt nicht zu rück⸗ fl legen kann, ohne jeden Augenblick über ein lateinisches Lehnwort zu
stolpern.„Fangen wir mit dem Hause an“, schreibt er,„banen* wir es auf. Es braucht ja nicht gerade ein Palast zu sein(lateinisch
palatium) oder eine„Villa“, der man den lateinischen Ursprung auf
hundert Schritte ansieht— eine bescheidene Familie(lat. samiliag
kann sich auch in einem deutschen Haͤuschen glücklich fühlen. Leider del ist aber schon die unumgänglich notwendige Mauer lateinisch(mu- db rus), lateinisch ist der Mörtel(mortarium), der die Backsteine zue“ em sammenhält, der unentbehrliche Kalk(cals), der Gips(aypsum], der sch; Zement(caementum); lateinisch sind die Pfosten(postis), die als ind Träger dienen, und die Tür derf man ja nicht„Pforte“ nennen, unb. denn das ist dem lateinischen porta entlehnt, ebenso die Siegel Jah (ccgula) und die Schindeln(scindula), die Schutz gegen die Unbilden 1
der Witterung gewähren. Und steigen wir vom Dachboden zu den Grundsesten des Gebäudes hinunter, so geraten wir in den lateini-⸗ schen Keller(cellarium).„Ein netter Anfang!“ denkt Miller— aber es kommt noch besser. Das Haus wird im Innern hergerichtet 6 und in einzelne Räume oder Zimmer geteilt, nicht in Kammern (lat. camera). In die Wände, die man tüncht(von tunica] wer Fenster eingelassen(lat. fenestra), und der Boden wird gedielt. So- bald man Estrich legt, gerät man ins Lateinische(astricus), und doch wird man den seuersicheren Estrich in der Küche z. B. nicht entbeh 1 können.... O weh! Auch die Küche(coquina) ist von den Römern geborgt, ebenso natürlich kochen(coquere) und Koch(coquus). Müll- ler fühlt sich durch die Entdeckung tief gedemütigt.„Daben denn unsere Ahnen“, murmelt er,„alles roh gegessen, ehe sie mit den Römern bekannt wurden?“ Kamin ist auch lateinisch(caminums, doch sonst ist die Heizung und was dazu gehört— Osen, Herd, Esse — deutsch. Um so schlimmer sieht es mit der Beleuchtung aus. Zwar ist„Gas“ eine freie Erfindung eines belgischen Alchmien des siebzehnten Jahrhunderts, aber Elektrizität ist griechischen Ur- sprungs, Petroleum und Spiritus sind unverkennbar lateinisch, L*
(oleum), Laterne(laterna) und Ampel(ampulla), Fackel(ia 1 g 1 und Flamme(flamma) sind lateinisch; Lampe; Zylinder, Stearin, 4 0 Phosphor gehen in letzter Linie gar aufs Griechische zu rück. 5 ap wird die Wohnung mit den nötigen Geräten—„Fahrnisse“. 1 unsere Ahnen für„Möbel“— ausgestattet. Hier regnet es wieber 110 lateinische Worte. Das Bett, in dem wir schlasen, ist zwar deutich, a allein die Matratze(matratium), auf der wir uns ausstreckten, 5 Ia weiche Kissen(cussinus), mit Flaum(pluma) gefüllt, oder der un poetische„Pfühl“(pulvinus) samt dem Teppich, auf den wit treten dul (tapetum), sind lateinisch. Der Spiegel, in dem wir uns mehr eber 18 minder wohlgefällig betrachten, ist latefnisch('peculum). Wohl it f— die Seise, mit der wir uns waschen, eine germanische Erfindung, 5 10 das Becken, in das wir das Wasser schütten, ist lateinisch(bachinus), 5 2 ebenso das Pulver, mit dem wir unsere Zähne putzen 0 5 5 Gehen wir in die Wohnzimmer, so finden wir neben den deutschen
Stühlen und Sesseln, neben dem arabischen Sofa, dem türkischen in Divan, dem französischen Kanapee die Römer: Schemel(camellum.. Tisch(aiscus), Spind(penda), Schrein(erinium). Noch mehr be⸗ a5 leldigt der Schreibtisch Müllers deutsches Empfinden. Nicht nur? die Kunst des Schreibens lateinisch(scribere), sondern beinahe alles, 50 was mam zu ihrer Ausübung braucht: das Papier(pa bie be Dinte(cincta), die Briese(brevis) und Karten(charta), mit benen u wir Linder des zwinzigsten Jahrhunderts so freigebig sinb. 1 0 Vücherschranke hausen, gebunden in römisches Pergament(von 2 gamenus), die lateinisch-griechischen Fremdlinge: Atlas und Lerilon a — und das bescheidene, aber nützliche Kursbuch(vom lateinischen 10
cursus). In der Küche liegen, stehen und hängen die Römer: 3 (cut wia), Pfanne(Patina), Tiegel(tegula), Kessel(eatinus), ö
sinkende Vergangenheit!
Wi i
r hätten dem alten Mann, der an die
(amphora), Trichter(traiectarius), Gelte(galeta), g 1 (mulctra), Wanne(vannus) 1. N
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