Ausgabe 
26.8.1913
 
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3 Adalbert von Chamisso. . Am 21. August 1838, also vor 75 Jahren, starb, 57jährig, der Dichter Adalbert von Chamisso, ein Franzose, der, ein Kind noch, vor der französischen Revolution emigrierte und in Deutschland seine zweite Heimat fand. 5 Diese Verpflanzung eines romantischen Geistes von romanischem Geblüt hat den Dichter Zeit seines Lebens in einem künstlerischen und menschlichen Zwiespalt sein lassen. öIch lese, schreibe, singe, fühle und denke in einer Sprache, die Dir fremd ist, schrieb Chamisso 1821 an seine Schwester. Wenn man von seinen lyrischen Dichtungen spricht, durch die er sich den hauptsächlichsten Ruhm in Deutschland er worben hat, kommen nur die in deutscher Sprache geschriebe nen in Betracht. Seine französischen gehören ausschließlich der Zeit von 1800 bis 1804 an. Schon ehe er vollkommen ein Deutscher in seinem Herzen wurde, war er es im Reden und Schreiben geworden. Die meisten seiner Dichtungen sind in den letzten zwölf Jahren seines Lebens entstanden; und unter diesen waren wiederum die Jahre von 1832 an bedeutend fruchtbarer als die früheren. Von einer Entwicklung, von Dichterperioden wie bei so vielen andern Poeten kann man bei ihm kaum sprechen. In seiner Jugend ein Tasten nach Formen, ein Suchen des Inhalts, eine Unsicherheit in der Sprache, nach her ein ziemlich langes Verstummen, unterbrochen durch wenige Gelegenheitsdichtungen, und auf einmal steht, fast unmittelbar nach der Verlobung und Verheiratung, der Dich ter in seiner ganzen Vollendung da. Kein Ansicharbeiten, keine allmähliche Vervollkommnung hat den Dichter gemacht, noch weniger etwa fleißige Lektüre, denn gerade die Jahre der mangelhaften Formgebung waren die des eifrigen Lesens zeitgenössischer und früherer Dichter; in seinen Meisterjahren dagegen las er nach Hitzigs Bericht kein Journal und selten ein neues Buch. Ebenso wie der Dichter in zwei Welten lebte, der alten und der neuen Heimat, der Heimat überhaupt und der Fremde, so lebte er auch in verschiedenen Zeiten, in der Ver gangenheit und in der Gegenwart. Die Romantiker, denen Chamisso zuzurechnen ist, haben im allgemeinen keine be stimmte Zeitfärbung; sie geben weder klar erkennbare Bilder aus der Umgebung, in welcher sie leben, noch geschichtliche Schilderungen, die man ohne Kommentar begreift; Chamisso Dagegen hat den richtigen Blick für die größeren und kleine ven Vorgänge, die er mit ansieht, und für die Ereignisse der Vergangenheit. Jenen bekundet er in der anmutigen, wahr Haft plastischen Schilderung der Alten Waschfrau, in sehr be snerkenswerten, damals von den Dichtern, als Verteidigern des altengemütlichen Schlendrians, durchaus nicht allge mein geteilten Lobsprüchen der neuen Erfindungen und Ein⸗ bichtungen, zum Beispiel der Eisenbahnen, oder in Des Basken Etchehons Klage, wo er einen Vorgang schildert, der in einer französischen Zeitung erzählt war; diesen in der goetischen Wiedergabe mancher Volkssagen und geschichtlicher Anekdoten aus dem Leben der Korsen und anderer Völker. Er ist kein Altertümler und kein Anmerkungshäufer, aber er weiß vergangenen Zeiten ein so frisches Kolorit zu geben, wie etwa den Schilderungen, die er den auf seinen Reisen beobachteten Gegenständen widmete. Er ist vielleicht nicht unbeeinflußt von seinem Zeit- und Landesgenossen Balzac, ust ein Naturalist im modernen Sinn, indem er aus dem on Hitzig ihm mündlich Erzählten oder aus den in dessen riminalistischen Zeitschriften dargestellten interessanten Fällen eine poetische Schilderung gestaltete, Grausiges er üählte wie Mateo Falcone und anderes. Die Zeitgenossen Hitzig und Nermann bezeichnen dies als abnorm. Neumann meinte geradezu,wenn derartiges Gräßliches in der Natur ich möglich wäre, in der Poesie müßte es wenigstens un möglich bleiben. Der moderne Naturalismus hat ganz anderes gewagt. Nur muß man bei solchen Dichtungen unseres Poeten bedenken, daß derartige Stoffe selten bei im vorkommen, und daß ihn das Harmonische, Schöne, bdenmäßige wie im Leben so auch im Dichten am meisten zeizte.

EE zwiespältiges Wesen zeigt sich aber am besten Arin, daß er in seiner Stimmung

Heiterkeit und tiefem Weh, daß er bald ein ungetrübt fröh⸗ licher Humorist bald ein schwermütiger Tragiker ist. Er ist wohl der Schöpfer oder wenigstens der Fortbildner der humo ristischen Romanze, aber durchaus nicht ein Humorist, der seine schöne Schöpfung durchätzende Schärfe selbst verdirbt. Wie lieblich und niedlich sind seine Schilderungen kleiner Vorgänge und vorübergehender oder bleibender Stimmungen, wie etwa seine Tragische Geschichte, Recht empfindsam, Der rechte Barbier, Hans im Glück. Wer möchte aus solchen Dichtungen, die ganz zum Volkseigentum geworden sind, etwas anderes entnehmen als echten Humor, der zwar der Zwillingsbruder des Ernstes, nicht aber der Schärfe und des Spottes ist.

Trotz aller Zwiespältigkeit seines Wesens, als ein ganzer einheitlicher Mensch steht er vor den Blicken der Nachwelt. Kein Heros und Pfadfinder, aber ein liebenswürdiger Kamerad und Gefährte.Einen bessern findt man nit, möchte man mit dem Liede ausrufen. Ein mannhafter Kämpfer, wo es not tat, ein behaglicher Träumer, ein stiller Denker. Unersetzbar als Freund, treu und herzlich als Liebender, als Vater mild und gütig. Die schlichte Einfach heit des Wesens, die Bescheidenheit trotz allen Ruhms, der ihm zuteil wurde, die Reinheit des Charakters sind selten in solchem Verein zu finden. Ein großer Dichter und ein guter Mensch, so steht er zu dauernder Erinnerung vor den Augen der Nachwelt.

Ollivier.

Der parlamentarische Ministerpräsident der dritten Napoleon, der Mann von 1870, Emile Ollivier, hat hoch betagt seine Augen für immer geschlossen. Es war dem Achtundachtzigjährigen nicht vergönnt, das große Werk seines Rechtfertigungsversuches zu voll⸗ enden und die zeitgenössische Welt nimmt Abschied von einer Per⸗ sönlichleit, die vor dreiundvierzig Jahren in erregter Zeit im Mit⸗ telpunkt des öffentlichen Interesses gestanden hatte.

Wenn das Wort, daß die Verhältnisse die Menschen und ihre Schicksale machen, Berechtigung hat, dann gilt es vor allem für Emile Ollivier. Der frühere Oppositionsmann, der, von Eitelkeit und falscher Hoffnungsseligkeit getrieben, in das Lager der herr⸗ schenden Macht hinübergewechselt war, um das liberale, parlamen⸗ tarisch regierte Kaiserreich zu begründen, war kein Kriegshetzer und kein Feind Deutschlands. Im Gegenteil beschuldigte ihn jene Richtung, die in dem preußischen Sieg von 1866 und in der Einigung Deutschlands eine Gefahr für die französische Vormachtstellung er⸗ blickte, ein Freund dieser dem Vaterlande gefährlichen Entwicklung zu sein. Er hat sich, noch als Abgeordneter, am 23. Dezember 1867 im gesetzgebenden Körper gegen diesen Vorwurf verteidigt, er hat mit der Kriegspartei abgerechnet, und was er damals sagte, ist in⸗ teressant genug, um wiedergegeben zu werden. Der Mann der Kriegserklärung vom 15. Juli führte damals aus:

Sie begrüßen und verkündigen bei jeder Gelegenheit den Frieden, bei jeder Gelegenheit sprechen Sie Wünsche für seinen Fortbestand aus, und in der Wirklichkeit votieren Sie den Krieg. Ja, jeden Tag votieren Sie den Krieg. Jedesmal, wenn in diesem Hause ein Redoͤner sich erhebt, um Ihnen darzutun, daß zuletzt die in Deutschland vollzogenen Ereignisse weder drohend, noch demüti⸗ gend für uns sind, ersticken Sie seine Stimme durch Ihr Gemurr. Sowie dagegen ein Redner behauptet, daß der Sieg von Sadowa für Frankreich eine Art Niederlage, eine Schwächung, eine Schmälerung seines Prästigiums sei, zollen Sie Beifall. Sie leugnen es? Lesen Sie doch den Moniteur nach! Ja, Sie zollen Beifall. Wohlan! In einem Lande, wie das unsrige, das stolz, empfindlich, leicht reizbar im Ehrenpunkte ist, kann man unmög⸗ lich auf der Tribüne und in der Presse unter jedoͤer Form es denken, behaupten und alle Tage wiederholen, daß wir geschwächt, gefährdet, erniedrigt sind, ohne daß sich eine wirkliche Aufregung kundgebe. Es ist unmöglich, daß wenn der, welcher an der Spitze der Regierung steht, Napoleon heißt, welches auch seine humanen Gesinnungen, sein richtiges Auffassen der Lage, seine Wünsche für den Fortbestand des Friedens sein mögen, daß er lange, daß er immer einem so stetig wiederkehrenden, gebieterischen Drucke wiederstehe. Es müssen also entweder diese Kammern und diese Nation sich nicht nur in das Vollbrachte ergeben, sondern es auch ohne Rlückgedanken hinnehmen, oder aber sie müssen mannhaft die früher oder später unvermeidliche Notwendigkeit eines ernsten, furchtbaren Krieges mit Deutschland ins Auge fassen. Sie können mir widersprechen, Sie können mich dementieren und behaupten, daß Sie den Frieden wollen; das ändert nichts an meiner Ueber⸗ zeugung. Sie haben gut den Frieden wollen: wenn Sie in ihrer gegenwärtigen Politik verharren, so packt Sie der Krieg au wider Ihren Willen. Und aus alledem, was vorgeht, sehe ich keinen anderen Ausweg, als das Schlachtfeld.

Als Mittel gegen diese Gefahr empfahl der damalige Depu⸗ tierte die Beseitigung des persönlichen Regiments und die Ein⸗

schwankt zwischen sonniger führung des parlamentarischen Regimes.