wunderbar schön reden gesehen,
Die bemerken swerteste, rebnerisch bedeutsamste Ansprache war die auf dem Parteitage zu Halle a. S., als er den Bericht der Partei- leitung gab. 20 Jahre sind verflossen seit dem Hallenser Partei- tag, und heute wirkt noch diese Rede nach durch ihre Kraft wie durch den ästhetischen Reiz des Sprechers. Nie nachher habe ich Bebel so so eindrucksvoll, wenn auch sicher ungewollte Bewegungen der Hände, dieses wunderbaren Kopfes, diefer schönen Haare, so blitzende Augen bewundern können. All das war ein Spiegelbild seiner Stimmung, er war vollständig er⸗ füllt von dem Triumphe der Partei über das Sozialistengesetz. Hier jah man das Un willkürliche, das nicht gesuchte, Mienenspiel, die Be⸗ gleitung der Rede durch die Geste, die die Wirkung steigert. Aber all das wäre dem gelehrigsten Schüler unnachahmlich geblieben, denn nur ein Meister könnte mit all diesen Effekten arbeiten, die sich von selber einstellen, die der größte Schauspieler vor dem Spiegel nicht einüben konnte. Niemals habe ich in einer hundert⸗ köpfigen Versammlung eine so gespannte Aufmerksamkeit, eine so tiese Wirkung, einen so elementaren Ausdruck der Zustimmung er⸗ lebt wie in dieser Versammlung. Erlebt muß man diese Rede haben, man kann sie nicht mit dem Auge lesen und sich dabei den Genuß und die Erhebung vorstellen. die das Ohr vermittelte. Ge— rade an dieser Rede zeigt sich der gewaltige Unterschied bei den berühmtesten deutschen Rednern seit Lassalles Tode bei Bismarck und Bebel.
Bismarcks Rede wirkte gelesen wuchtig, eindringlich, sie war der Ausdruck einer großen Persönlichkeit und eines Machtfaktors voll höchsten Selbstgefühls. Aber gehört wirkte Bismarcks Rede nicht, ihm fehlte das Organ zur Wirkung auf das Ohr. Bebels sonore Stimme erzwang sich Gehör und lenkte die Aufmerksamkeit auch des Gegners auf sich. Stundenlang lonnte er sprechen, ohne seine Zuhörerschaft zu ermüden, sie hing an seinen Lippen, sie wax befangen vor der Kraft seiner Rede wie seiner Persönlichkeit. Selbst der ärgste Feind, selbst der gehässigste Gegner konnte sich nicht ent⸗ ziehen dem Eindrucke der gewaltigen Persönlichkeit, dieser höchsten subjektiven Ueberzeugung, dieses unbedingten Glaubens an das, was er sagte, dieser Gestaltung höchster Ehrlichkleit im Worte. Kunstlosigkeit und doch höchste, wenn auch ungewollte Künstlerschaft zeigt uns Bebels Rede. Sie ist das Spiegelbild seiner großen Per- fönlichkelt, sie ist nicht gesucht auf Wirkung gerichtet, ihr sehlt das Raffinement, sie ist nicht Ausgetlfteltes, sie ist eben ein natürlich geschaffenes Kunstwerk.
Aber man glaube nicht, daß Bebel— und darin unterscheidet er sich von Liebknecht, einem anderen berühmten Redner der Sozial- demokratie, von einem in mancher Hinsicht vielleicht blendenderen — sich lediglich auf seine Kenntnisse und auf sein Wissen verlassen hat. Jede Rede Bebels war wohlüberlegt, die Gedanken in einer knappen Disposition auf einem kleinen Zettel in winzig kleinen Buchstaben eng aneinandergedrängt und geordnet. Achtlos warf er, war die Rede gehalten, diese Zettel dann weg oder ließ sie auf dem Rednerpulte liegen, diese Zeugnisse seiner Ueberlegung, diese Er⸗ weise seines Pflichtgefühls, des Respekts, den er vor seinen Zuhörern hatte.
Er war ein glänzender Zuhörer; geduldig horchte er, wenn die andern sprachen, immer ein Blatt vor sich, den Bleistift in der Hand, was ihn zum Widerspruch reizte, aufzeichnend, es gruppierend und mit dem Zettel dann voller Beweglichkeit zum Rednerpult stürmend und dem Gegner antwortend. Als Zuhörer sah er sast nie gleichgiltig oder gelangweilt aus, sein Mienenspiel zeigte stets, daß er den anderen Darlegungen folgte, daß er ihnen zustimmen kann oder daß sie seinen Zweisel hervorrufen, oder seinen Wider spruch erregen, ja plötzlich entfährt dann dem Gehege seiner Zähne ein Zwischenruf, oft ein ganzer Satz, der die Aufmerksamkeit der Versammlung erzwingt und in dem Kreise der Zuhörer fortlebt.
War die Rede auf dem Halleschen Parteitage ein Rechenschafts bericht über die Vergangenheit, ein Programm für die Zukunft, ein Triumphruf über den Gegner, eine Kampfankündigung für den morgigen Tag, so gab es Reden von Bebel auf den Parteitagen, die nicht den allgemeinen Jubel hervorrufen, sondern die Gegensätze in der Partei betonten, ja Sturm heraufbeschworen. Zu denen gehört die berühmte Rede auf dem Erfurter Parteitag(1891) über die Taktik, in der Bebel gegen zwei Fronten mit scharfgeschliffener Damaszener Klinge ficht gegen die Jungen, die Werner und Wild⸗ berger, die Hans Müller und Paul Kampfmeier, denen die Partei damals nicht revolutionär genug war. Gleichzeitig mußte er an⸗ kämpfen gegen den Vollmarschen Standpunkt, den er zusammenfaßt in die Worte:„Kinder, marschiert langsam, seid bescheiden!“ Gegen die antiparlamentarischen Jungen, die sich auf Liebknechts Rede über die politische Stellung der Sozialdemokratie berufen, hat er einen schweren Stand. Er muß erweisen, daß sein Freund Lieb⸗ knecht zwar die Rede wieder neu herausgab, daß aber seine ganze
politische Wirksamkeit in den letzten zwanzig Jahren im Wider
spruche zu den Ausführungen in dieser Broschüre erscheint. Ex muß eigene Worte klarstellen, gegen rechts und gegen links muß er kämpfen, den Freund heraushauen und die eigene Position ver⸗ teidigen. Selten hat ein Redner so schwierigen Aufgaben gerecht werden müssen: stürmischer Beifall erwies das vollkommene Ge lingen. Wer einmal studieren will, unter welchen Schwierigkeiten man auch zu reden gezwungen sein kann, der nehme die Blätter des
wird sehen d. Oiest
welch kompli⸗ man in diesem
Erfurter Protokolls wieder zur Hand, er
jerte Aufgaben Bebe Urotokoll auch die Rede 0 ein Bild der Mannigfaltigkeit der Methoden und Temperamente, der Jähigkeiten und Persönlichkeiten, die in der deutschen Sozial⸗
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demokratie wirken. Ein wahrer Genuß ist dieses Protokollbuch das
wir nun wieder zur dand nehmen mußten, es erwachen zu Leben die Auer und Schönlank und Grillenberger, die Werner und Wild⸗ berger und so viele andere, die im glänzendsten Redegesechte die Wafsen kreuzten.
Auf dem Dresdener Parteitage sehen wir Bebel in mannig⸗ sachen Reden vor unserm geistigen Auge wieder erscheinen. Er be⸗ grüßt den Parteitag mit einer gedrängten wirtschaftlichen Dar⸗ stellung Sachsens und des sächsischen Proletariats, mit der Geschichte der Partei in Sachsen. Darstellung der Bebelschen Rede ihn nicht selbst sprechen zu lassen, müssen wir doch die ersten Worte, die er auf dem Dresdener Partei- tag gesprochen hat, den Lesern ins Gedächtnis rufen.
„Ich glaube im Sinne und Geist aller, die hier zum Partei- tag zusammengekommen sind, zu handeln, wenn ich unserem alten Vorkämpfer August Kaden— denn auch er gehört bereits zu den alten— unferen herzlichsten Dank ausspreche für die ebenso schwungvollen wie gutgemeinten Grliße und Beglück⸗ wünschungen, die er soeben ausgesprochen hat.“
Nun deckt seit wenigen Wochen die Dresdener Erde Kadens Grab, und am Sonntag verbrannten sie, was sterblich blieb an August Bebel. Noch im Mai sprach ich mit Bebel über Kadens Ge⸗ sundheit. Bebel war völlig frisch, gesund und lebhaft, er sprach feine Freude aus, daß der alte Dresdener August doch die Krank- heit überwinden werde, die ihn niedergeworfen hat.
Doch kehren wir zurück zu dem Dresdener Parteitag, zu der Begrüßungsrede Bebels. Von dem Dank an Kaden geht er über zu dem großen Wahlsieg im roten Königreich, er erklärt das Volks- gericht mit dem ungleichen Recht zum Schaden der Sozialdemokratie mit der Wahlentrechtung, er lobt die sächsischen Genossen als famose Kerle, aber sofort tadelt er sie auch und, in den sächsischen Dialekt versallend, bringt er gemütliche Form in den Widerspruch gegen die alten Freunde. Als er ihre Stimmung gefangen hat, peitscht er sie auf:„Ihr müßt endlich einmal Galle in den Leib bekommen, Ihr müßt endlich einmal Zorn und Leidenschaft bekommen und dem Aus- druck geben.“ Er ist der nie Zufriedene, der immer zu neuen Taten anspornende Redner, Führer und Agitator, niemals nur eine dieser Aufgaben erfüllend, immer alle zusammensassend und dadurch höchste Wirkung erzeugend. Dann erklärt er, warum das Proletariat Sachsens rascher innerhalb der ersolgreichen Sozialdemokratie vor⸗ wärts schreitet. In wenigen Minuten gibt er einen Rückblick über die Sozialgeschichte Sachsens, in höchster Anschaulichkeit fügte er Tatsache an Tatsache, und jeder fühlt den Mörtel des Zusammen⸗ hangs, wie er mächtig Stein auf Stein setzt und das Gebäude der fächsischen Wirtschaftsgeschichte vor uns aufbaut, vom Ende des Mittelalters bis in unsere Zeit die Hörer führend. Er weist auf Leipzig, die größte Handelsstadt, auf das Erzgebirge mit seinem Erzbergbau und seiner Hausindustrie, auf die Reformation und den Revolutionär Thomas Münzer, aber auch auf die Maitressenwirt⸗ schaft des sächsischen Hoses und auf Napoleon, den sächsischen Königs⸗ macher, hin. Helle Lichter wirft er dann auf die alte Ständever⸗ sassung, auf das tolle Jahr, auf die Verpreußung Sachsens, auf den Hochverratsprozeß von 1872, und so zeigt er die Gegenwart ge⸗ worden aus der Vergangenheit. l
Diese Rede, von der wir hier sprechen, ist zwar überaus eigen⸗ artig und bedeutsam, sie ist aber nicht die berühmte Dresdener Rede, die Rede, wo er aufs kräftigste unterstreicht, daß der Sozjaldemo⸗ krat Todfeind der bürgerlichen Gesellschaft sein müsse, wo er uns die Gefahren des Kompromisses auseinandersetzt, ausgehend von der Mitarbeit der Sozialdemokraten an bürgerlichen Blättern, wo er in der schärssten Weise persönlich wird, rücksichtslos aburteilt über diejenigen, die er auf falschem Wege in der Partei meint, und gerade durch diese Rücksichtslosigkett, die nicht durch persönliche Stimmungen, sondern durch die Absicht, einen Schaden von der Partei abzuwehren, erzeugt ist, höchste Wirkung, wenn auch gleich⸗ zeitig stärksten Widerspruch hervorrusend. Und diese Rede, in der Hieb auf Hieb folgt, in der ein Strafgericht über zahlreiche Partel⸗ genossen abgehalten wird, sie gipfelt zuletzt mit der Forderung der Einheit und Einigkeit der Partei:
Ohne Einheit der Grundsätze und Ueberzeugungen, ohne Ein⸗ heit der Ziele keine Einigteit und keine Begeisterung für den Kampf, keine Möglichteit, die Regimenter, Brigaden und Armee⸗ ktorps ins Gefecht zu bringen, in die Schlacht zu führen und Siege zu ersechten, wie wir sie ersochten haben und wie wir sie weiter ersechten wollen, und wenn auch eine ganze Welt von Feinden sich gegen uns erhebt!
Höchsten Nutzen würde es schaffen, würde man Rede für Rehe Bebels zergliedern und die Ursachen ihrer Wirkungen suchen. Man würde dazu kommen, die große Mannigfaltigkeit seiner N Fähigteit und dabei doch das Fehlen der Schablone festzuste Kuf das höchste dankenswert wäre es, die Reden Bebels auf die Ur⸗ sachen ihrer Wirkung zu prüsen, zu untersuchen, wie er seine Ab- lichten erreicht hat, welche Belehrung er verbreitet hat und wie ex auch mit sich gerungen, oft seine Meinung geprüft hat, wie er nie⸗ mals ein Selbstgefälliger und mit sich Zufriedener wie er niemals ein Kommandierer, wie er stets ein Demokrat und ein Ueberzeuger gewesen ist. 27
Die Männer, die die deutsche Sprache wissenschaftlich unte- juchen, sollen dem Satzbau, der Stofsverteilung, den Mitteln der Steigerung und der Führung zum zwingenden Schlusse in Bebels Reden gründliche Untersuchung widmen.
Auch die deutsche Sprache, auch die Kunst der Rede hat Bebel
vieles und Großes zu danken. ——
Obgleich wir uns vorgesetzt haben, in dieser
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