Ausgabe 
26.8.1913
 
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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

mfRummer 21

Dienstag, den 26. Nugust 1913

2. Jahrgang

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Die Schriften Bebels.

Bebel war ein ungemein fruchtbarer und vielseitiger Schriftsteller. Mit Fleiß und Eifer vertiefte er sich in oft recht schwierige Wissensgebiete, die er dann in volkstümlichen Schriften darzustellen unternahm. Alle seine Schriften sind von jener zündenden agitatorischen Beredsamkeit, die Bebel eigen war. Jede Zeile seiner Schriften atmete denselben Geist hingebungsvoller Liebe für das Proletariat und dieselbe Begeisterung für dessen große Ziele wie seine Reden. Die Schriften Bebels sind so in gewissem Sinne eine Ergänzung seiner Reden, die übrigens ebenfalls in großer Zahl im Druck erschienen sind.

Am Beginn der siebziger Jahre erschien in Leipzig eine seiner ersten Broschüren über Kommunalsteuern, die längst ergriffen ist. In einer BroschüreChristentum und Sozialismus, die ebenfalls um diese Zeit erschien, setzt Bebel in einer Polemik gegen den Kaplan Hohoff das Verhältnis des Christentums zum Sozialismus auseinander. Diese leichtverständliche, packende Schrift hat schon eine große An zahl neuer Auflagen erlebt. Mit demselben Stoffe befassen

sich die Glossen zuYves Guyots und Sigismund Lacroix:

Die wahre Gestalt des Christentums. In knappen, scharfen Umrissen legt Bebel dar, daß alle religiösen Bewegungen im Grunde sozialer Natur sind, wobei er insbesondere auf den reaktionären Kern der Lutherischen Reformationsbewegung verweist. Es sei hier auch darauf verwiesen, daß im Jahre 1894 eine Reichstagsrede Bebels überChristentum und Sklavenfrage erschien, die freilich auch vergriffen ist. Viel gelesen wurde Bebels BuchDer deutsche Bauernkrieg, mit Berücksichtigung der hauptsächlichen sozialen Bewegungen des Mittelalters. Es sollte nach Bebels eignen Worten keine Quellenschrift sein, sondern eine für das Volk geschriebene populäre Darstellung der Grundlagen des deutschen Bauern krieges. Eine sehr bekannte Schrift Bebels ist ferner die BroschüreUnsere Ziele, eine Streitschrift gegen die Demo kratische Korrespondenz. Obwohl der damalige Standpunkt des Verfassers heute nach verschiedenen Richtungen hin als überholt gilt, ist diese Schrift als historisches Dokument wertvoll.

Bebel hat sich auch mit größern nationalökonomischen Arbeiten befaßt. Davon zeugt eine Schritf Bebels:Die Sonntagsarbeit, Auszug aus den Ergebnissen der Er hebungen über die Beschäftigung gewerblicher Arbeiter an Sonn⸗ und Festtagen; ferner eine Schrift überDie Lage der Bäckereiarbeiter und eine im Jahre 1898 erschienene Broschüre:Klassenpolitik und Sozialreform, die zwei Etatsreden Bebels enthält. Wie vielseitig Bebels Be

tätigungsfeld war, geht daraus hervor, daß er ein sehr ernstes

Buch über:Die mohammedanisch⸗-arabische Kulturperiode geschrieben hat, eine interessante Studie über den großen Utopisten Charles Fourier, sowie seine Broschüre:Die Ent⸗ wicklung Frankreichs vom sechzehnten bis gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Bebel verfaßte auch ein Hand⸗ buch überDie Tätigkeit der Sozialdemokratie im Deutschen Reichstag, das vom Jahre 1871 bis zum Jahre 1893 die be⸗ deutsamsten parlamentarischen Ereignisse Deutschlands sowie die Stellung der Sozialdemokratie hierzu bespricht.

Ungemein zahlreich sind die Gelegenheitsschriften und im Drucke erschienenen Reden Bebels: wir nennen nur fol⸗ gende:Für Volkswehr gegen Militarismus,Gewerk⸗ schaftsbewegung und politische Parteien,Nicht stehendes

Heer, sondern Volkswehr!,Akademiker und Sozialismus, Sozialdemokratie und Antisemitismus,Sozialdemo kratie und Zentrum.

Eine große Anzahl Reden, die Bebel bei verschiedenen Gelegenheiten im Reichstag, auf Parteitagen und in großen Versammlungen gehalten hat, haben so noch Tausende be geistert, die seinen Worten nicht lauschen konnten. Außer den schon erwähnten Broschüren behandeln diese Reden fol gende Stoffe:Der Zukunftsstaat und die Sozialdemo kratie,Die Arbeiterschutzheuchelei der bürgerlichen Par teien,Der politische Massenstreik und die Sozialdemo kratie,Der Haushalt des Deutschen Reiches. Ferner liegen Reden vor über Militarismus, Wahlrecht, äußere Politik, staatsrechtliche Fragen, Fragen der Taktik unserer Partei und vieles andere mehr.

Eine Quelle ernster Erbauung sind die Memoiren Bebels:Aus meinem Leben. Dieses zweibändige Buch entrollt das reiche Arbeitsleben des großen Mannes in an⸗ schaulicher, lebendiger Weise vor uns. Es ist, wie es bei Bebels Bedeutung für die deutsche Sozialdemokratie fast selbstverständlich dünkt, zugleich auch eine geschichtliche Dar stellung des Werdegangs der deutschen Arbeiterbewegung. Zum Schlusse sei auf das bekannteste und gelesenste Buch Bebels verwiesen:Die Frau und der Sozialismus. Dieses Buch hat schon im Jahre 1910 die fünfzigste Auflage erreicht. Es ist eins der bedeutendsten literarischen Erzeugnisse, die der deutsche Sozialismus hervorgebracht hat. Hundert⸗ tausende haben aus diesem Buche ernste Belehrung geschöpft. Hunderttausende haben aus ihm Begeisterung empfangen für den Befreiungskampf des Proletariats. Und dieses Buch wird noch viele Jahrzehnte weiter wirken!

Bebel als Redner.

Von Adolf Braun Nürnberg.

Ein Redner, mannigfach in der Behandlung des Stoffes, wie in der Art der Redeabsicht, der Wirkung, wie der Kunst der Rede. Er war der beste Redner im Deutschen Reichstage. In der Volks⸗ versammlung konnte er durch mannigfache Beispiele die Hörer zur Wahrheit führen, sodaß er ein musterhafter Volkslehrer ward. Aber, wenn Gelegenheit und Stoff es forderten, verstand er zur höchsten Kraft, zu flammender Begeisterung die Massen zu erregen. Mit aller Deutlichkeit zauberte er den einheitlichen Willen aus einer scheinbar dumpfen und vorher gleichgültigen Masse durch die Ge⸗ walt seiner Rede.

Und wieder ist er anders auf dem Parteitage. Da bestand sein Publikum aus geschulten, erfahrenen Genossen, es schuf ihm eine Menge Voraussetzungen, vor allem die Kenntnis der Partei⸗ geschichte. Oft deutete er deshalb nur an, und doch ward er sofort verstanden. Man sieht, wie das eigenartige Publikum des Partei⸗ tages, dank seiner Redebegabung, gestimmt, oft auch bestimmt wird. Er wirkt auf den Gegner im Reichstage, er wirkt auf die Massen in der Volksversammlung mit durchaus anderen Mitteln, wenn er auch niemals ein Haar breit von dem Standpunkte abgeht. Ganz eigen⸗ artige Wirkungen hat die Parteitagsrede. Jede hatte ihren Reiz, und jede bietet eine Fülle von Anregungen den Parteigenossen, reichliche Belehrung auch dem Gegner, der sich über den Sozialis⸗ mus unterrichten will. Unter den Ehrenpflichten der Partei, dem Andenken August Bebels Macht zu erhalten in den kommenden Generationen, gehört auch die Sammlung der Partei⸗ reden. Es ist eine ganze Geschichte der Partei, die sich uns da aufrollen wird, so wenn wir uns seine Rede am Stuttgarter Partei⸗ tage 1871 über das allgemeine Wahlrecht in den Einzelstaaten in Erinnerung bringen, so, wenn wir die Reden uns vergegenwärtigen, in denen er auf den letzten Parteitagen zur preußischen Wahlrechts⸗ frage Stellung nahm. So mancher Rede merkt man an, wie sich Bebel selbst Rechenschaft zu geben sucht, wie er in sich kämpfte und mit sich rang, wie er zur Klarheit kam und die Genossen auf den gleichen Weg führen wollte.