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führt:„Es ist auch die Zeit für uns da, eine solche neue Konstitution zu machen oder uns still zu bekennen, daß wir die Zeit nicht be⸗ greifen, in die neuen Verhältnisse nicht hineingehören“.
Nur zwei Mittel konnten Preußen auf die Dauer innerlich finanziell heilen. Die angemessene Besteuerung des Großgrund⸗ besitzes, Einkommensteuer auf die Besitzenden, Entlastung der Bauern und Kleinbürger im Einnahmewesen, und Einschränkung der Mili⸗ tärlasten im Ausgabewesen. Gerade auf die Verminderung der Militärausgaben wurde in dieser Zeit als auf einen„Wunsch der Nationen“ dringlich hingewiesen; das sei möglich, nachdem seit dem Regierungsantritt Hardenbergs man in ein freundliches Verhältnis zu Frankreich geraten sei.„Abgesehen von der finanziellen Er⸗ sparung entsteht durch die künftige Arbeit der entlassenen Soldaten eine bedeutende Mehrung der Kultur- und des Nationalwohl⸗ standes“, so heißt es in einem Bericht der Steuerkommission vom 4. Juli 1810, den von Raumer verfaßt hat. Diese Gefahr, durch Anschluß an das französische System die Militärausgaben zu ver⸗ mindern, bedrohte natürlich die militärische Existenz des Junkertums und deshalb wesentlich wurde die Militärpartei patriotisch.
Aber Preußen, dafür sorgte das Junkertum, wollte sich in der neuen Welt isolieren. So zahm auch die Reformpläne Harden⸗ bergs waren, die Junker gingen sofort zu der mehrhundertjährig bewährten Taktik über, den Ruin des Vaterlandes, den Untergang der Monarchie drohend anzukündigen, falls man sie zu den Steuern heranziehen würde. Hardenberg hatte den Vorschlag einer Einkom- mensteuer verworfen, weil ste einer fortgesetzten Inquisition gleich— komme und der öffentlichen Opinion(meinung) so sehr zuwiderlause. Bitter bemerkte dazu Niebuhr, der in den damaligen Finanz⸗ reformarbeiten eifrig mitwirkte:„Die Opinion sei die eines Standes, welcher hier bei allen Ausschreibungen auf die aus— fallendste Art begünstigt worden sei und jetzt ganz frei von neuen Lasten sein wolle, während auf die Familie des Landmannes und Tagelöhners im Durchschnitt fünf bis sechs Thaler jährlich neue Lasten fielen“. All das seien Vorwände eines ganz herzlosen Eigen— nutzes. Man wünsche nur bei der allgemeinen Kalamität für den Augenblick selber geborgen zu bleiben, ja man verfolge vielleicht die Absicht, sich in dem Untergang noch besser für die Zukunft zu stellen. Als dann am 27. Oktober 1810 endlich das Hardenbergsche Steuer— edikt erschien, in dem der Wegfall aller Exemtionen verkündet wurde, „die weder mit der natürlichen Gerechtigkeit, noch mit dem Geist der Verwaltung in benachbarten Staaten länger vereinbar sind“, wurde die feudale Opposition so heftig, daß ein Paar der wildesten Krakehler sogar für einige Zeit in der Festung Spandau beruhigt wurden. Aber das Steueredikt blieb nur wie die meisten Reformedikte ein papiernes Programm. Der Großgrundbesitz wußte sich auch in dieser Zeit von allen Steuerleistungen zu befreien.
Im Dezember 1811 wurde eine Klassensteuer ausge⸗ schrieben, die bestimmt war, für die Verpflegung der in den Oder— festungen noch verbliebenen französischen Truppen die Mittel auszu⸗ bringen. Es war eine rohe Kopfsteuer, welche die Tagelöhner mit einem Jahteseinkommen von 20 Thalern prozentual fast ebenso hoch belastete wie Einkommen über tausend Thaler. Das Ergebnis war ein völliger Mißerfolg. Die Besitzenden unter den Steuer— pflichtigen umgingen auf alle mögliche Weise die gesetzlichen Vor— schrisften. Die Junker waren in dieser Beziehung ein Herz und eine Seele mit den Besitzenden in den Städten. In dem schlesischen Landshut waren die Beiträge der Dienstboten höher als die des Kaufmannstandes. Es war eine Art Selosteinschätzung vorge— schrieben, mit einer gelinden Kontrolle. Die Gutsbesitzer schätzlen sich infolge der ungünstigeren Ernte des Jahres 1811, die Kapitalisten wegen der stockenden Zinszahlung, die größeren Kaufleute wegen des darniederliegenden Handels mit einem negativen Einkommen. Es trefse sich nicht selten, so wird in einem charakteristischen Bericht der Steuereinschätzungskommission angeführt, daß ein Pächter be⸗ deutender Besitzungen oder ein Gutsbefitzer, der ein mehr oder weniger großes Hauspersonal halte, gar kein oder ein höchst unbe⸗ deutendes steuerpflichtiges Einkommen he rausrechne, während ein unbegüterter Nachbar, der mit großer Anstrengung einen klcinen Haushalt durchführen könne, mit einem ähnlichen Steuerbetrage neben ihm aufgeführt stehe; sehr viele solcher Fälle seien von den Regierungen bemerkt worden. Das Ende vom Liede war, daß man im April 1813— wegen des Ausbruchs des Krieges— die ganze Angelegenheit der einer Steuerverweigerung gleichkommenden Steuerdefraudation auf sich beruhen ließ, während der Patriotismus es doch jetzt erst recht hätte verlangen müssen, daß wenigstens die gesetzlichen ausgeschriebenen Steuern bezahlt würden!
Genau so ging es mit der Vermögens und Ein kom⸗ mensteuer von 1812, die eine damalige dreiprozentige in drei Terminen und nur ein Drittel in bar zu zahlende Abgabe auf Grundbesitz oder Einkommen darstellte. Dlese Einkommensteuer be⸗ lastete sogar Tagelöhner, Gesinde und Handwerker mit einem Jahres⸗ einkommen unter 100 Thaler durch eine Abgabe von 12 und 18 Groschen. Auch diesmal war das Ergebnis kläglich. Der Adel von Ost⸗ und Westpreußen sowie von Littauen erwirkte schließlich für sich eine Steuersuspension und in den andern Gebieten bezahlten die Junker auch ohne besondere Berechtigung so gut wie garnichts oder verschwindende Summen.
Einer Luxussteuer, die im Oktober 1810 auf Dienerschaft, Wagen, Pferde und Hunde angeschrieben wurde, entzogen sich die Gutsbesiger mit dem Einwand, daß auf dem Lande ein Bedürf⸗ nis sei, was in der Stadt als Luxus gelten möge. In Schlesien zogen die Junker ihren Dienern die Livreen aus, um der Steuer zu
entgehen. Die Steuer wurde fast überall hinterzogen und an stärksten 1813. 181112 ergab die Steuer 138 858 Thaler, 1812/8
sank sie auf 92 889 Thaler, in der ersten Hälfte 1813/14 gingen gn
nur noch 19 399 Thaler ein. Man benutzte die patriotische Gelegen hett! Es zeigt sich also wiederum, daß gerade in der Zeit der al. gemeinen Opferfreudigkeit die Besitzenden nicht einmal die gesetzlichen Steuern zahlten. 1813 wurden allein in Berlin 1884 Prozesse gegen die Erhebung der Luxussteuer geführt und am 8. Oktober 1813 m f ein amtlicher Bericht aus Königsberg, daß in Ostpreußen durchweg defraudiert worden sei; so seien für Königsberg nicht mehr als 23 Luxuspferde, für alle übrigen Städte zusammen nur 8 1 pferde als steuerpflichtig angegeben worden. Auf dem Lande gab es natürlich überhaupt keine Luxuspferde; dort waren sie nicht steuerpflichtiges Bedürfnis.
Errichten wir demnach die patriotische Ruhmestasel der preußi⸗ schen Junker aus dieser Zeit: 5
Wucherprofite in den Kriegsjahren der tiessten Not. 1 1 Allgemeine Steuerverweigerung und Steuerdefraudation. Ein riesenhafter Bauernraub.
Versuch der Aneignung königlicher Domänen als Entgelt fur eine nationale aber ganz gefahrlose Bürgschaft. 5
Wir werden bald sehen, wie die herrschende Kaste Preußens auch die Freiheitskriege geschäftlich ausgebeutet hat.
(Fortsetzung folgt.)
Aus unserer Sammelmappe.
Der Irrtum eines Kartographen und seine Folgen. Einen interessanten Beitrag zur Lösung eines bisher vielumstrittenen Rätsels der Kriegsgeschichte liefert ein Aufsatz des Journal de Genève. In dem Kampfe gegen die französischen Revolutionsheere hatte 1799 Graf Suworow in Italien den Oberbefehl über die ver⸗ bündeten russischen und österreichischen Truppen übernommen und in drei Monaten Oberitalien von den Franzosen gesäubert, was ihm damals die Erhebung in den Fürstenstand als Fürst Italiyskif eintrug. Nach den Siegen bei Cassano, an der Trebbia und bei Novi unternahm er seinen Uebergang über den Gotthard mit der Absicht, das Rheintal zu erreichen und Massena zu schlagen. Die Historiker haben oft die Frage aufgeworfen, wie ein so erfahrener Feldherr den Plan fassen konnte, im Angesicht des herannahenden Winters sich mit seinem Heere und dessen gewaltigem Train in die Pässe und Schluchten der Hochalpen zu wagen und dabei anzu⸗ nehmen, daß die Gepäck und Proviantkolonnen imstande sein wür⸗ den, über die unwegsamen Gebirgspfade, die damals den Vierwald⸗ städter See umgaben, Zürich zu erreichen. In diesen Tagen hat nun der Schweizer Generalstab ein außerordentlich interessantes Dokument erworben, das diese Frage beantworten kann. Es ist eine französische Landkarte vom Jahre 1792, die den Titel führt: „Karte des gegenwärtigen Kriegsschauplatzes mit besonderer Be⸗ rücksichtigung Schwabens und der Schweiz, gezeichnet von Jalllot, königlichem Geographen und revidiert von Chaumier.“ Die Karte war in Paris im Verlage von Basset erschienen. Auf dieser Karte ist nun sehr klar eine große direkte Straße eingezeichnet, die sich von Bellinzona nach Altdorf hinzieht und von dort über Schwyz und Zug nach Zürich führt. Dieser offenkundige Irrtum findet sich auf keiner anderen Karte jener Zeit. Es ist wahrscheinlich, daß Suworow diese Karte mit der salschen Straßenbezeichnung in dle Hände fiel und daß er sie bei dem Entwurf seines großzügigen Operationsplanes benutzte, um so mehr, als gerade sie Über die Simplonpässe sehr genaue und zutreffende Angaben macht. Man weiß, daß die russische Armee nach großen Schwierigkeiten Altdorf erreichte und hier nicht weiter konnte: es fehlte eine Straße und zugleich drangen die siegreichen Truppen von Zürich aus vor. Die Russen mußten sich dem Tale von Linth zuwenden und wurden auf diesem Rückzuge durch die Kälte und den Schnee dezimlert. Es waren die Trümmer eines Heeres, die dann nach unsäglichen Be⸗ schwerden sich im Oktober in Feldkirch mit den Truppen Korsakows vereinigen konnten. Der Fall zeigt deutlich, um wie viel höher das Wissen gegenüber der brutalen Gewalt steht. Als Jaillot an seinem Schreibtisch diese Linie in seine Zeichnung eintrug, mag er nicht geahnt haben, daß er mit einem Bleististstriche den Fürsten Suworow um seinen Ruhmestitel der Unbesiegbarkeit bringen sollte.


