Ausgabe 
24.6.1913
 
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ahren müssen, in die wir nur hin und wieder einen hoffnungs⸗ vollen Blick werfen können. Wenn die Zeit gekommen ist, holen r uns dann aus der Waffenkammer der wissenschftlichen Erkennt⸗ nisfe bas, was wir gerade brauchen, heraus. Und manche Waffe, für die wir, als sie in Form einer neuen Erkenntnis geschmiedet wurde, gar keinen Gebrauch wußten, erweist sich uns später einmal als bester Kamerad im Produktionsprozesse des Lebens. So ist es stets in den gegenseitigen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Praxis gewesen. Als die wissenschaftlichen Grundlagen der Elektrizitätslehre geschaffen wurden, hat niemand geahnt, daß sie einst von so einschneidender Bedeutung für unsere ganze Lebens⸗ haltung werden würden, wie sie es heute sind...

Ein neues wissenschastliches Rätsel.

5 Das Element X 3.

Der bekannte Physiker Prof. J. J. Thom son von der Universität Cambridge(England), der erst vor einigen Wochen die Welt mit dem Nachweis überraschte, daß man ein Atom, dies theoretisch kleinste Massenteilchen, photogra phisch sichtbar machen kann, hat jetzt zwei neue Elemente ent

deckt. Dies würde nun nicht sonderlich überraschen, da in letzter Zeit eine Reihe solcher Entdeckungen gemacht wurden. In diesem Fall jedoch bedeuten die neuesten Erfolge zugleich nicht mehr und nicht weniger als die Auffindung eines neuen Verfahrens der chemischen Analyse, und zwar eines von unerhörter Feinheit. Nach dem Vor trag, den Prof. Thomson Ende Mai vor derRoyal Saciety in London gehalten hat, handelt es sich erstens um ein neues

ö Element, das vorläufig die Bezeichnung X 3 erhalten hat,

und ein anderes mit dem Atomgewicht 22. Das von Thomson angewandte Verfahren besteht darin, die zur Untersuchung bestimmten Gase in einem Gefäß unter sehr niedrigem Druck

1 zu halten und eine elektrische Entladung hindurchzuschicken.

Die positiv elektrisch geladenen Stoffteilchen bewegen sich

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1 dänn mit großer Geschwindigkeit nach der Kathode hin. Auf diesem Wege müssen sie eine Platte mit einem kleinen Loch passieren; auf der anderen Seite tritt dann ein feines Bündel von positiv elektrischen Teilchen aus. Dies Bündel kann N nach Belieben magnetischen und elektrischen Kräften unter worfen werden. Darauf baut sich die Untersuchung der positiven Strahlen auf, deren Zusammensetzung sich als ziem⸗ lich verwickelt erwiesen hat. Es kommen darin sowohl Atome und Moleküle mit einer positiven Ladung als auch mehrfach geladene Atome vor. 8 1 Die interessanteste Folgerung aus diesen Experimenten ö ist nun die Möglichkeit, sie zu einer ganz neuen Art der 1 chemischen Analyse zu benutzen. Manche Elemente, wie Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff, Schwefel und Chlor, er geben nur negativ geladene Atome, andere, wie Stickstoff, Helium, Neon, Argon, Quecksilber, liefern positiv geladene Atome. Negativ geladene Moleküle von Verbindungen 6 sind bisher nicht beobachtet worden, mit Ausnahme von Sauerstoff und Kohlenstoff, die diese Eigenschaft merkwür⸗ digerweise aber nur dann aufweisen, wenn die Elemente aus ö ganz besonderen Arten von Verbindungen in Freiheit gesetzt worden sind. Die Eigenheit der neuen Analyse besteht darin, N daß nur ganz geringe Mengen von Stoff dazu nötig sind. Ein Zwanzigstel Kubikzentimeter eines Gases genügt. Thomson verglich die Feinheit und Zuverlässigkeit des Ver⸗ fahrens mit dem spektroskopischen, aber jenes leistet viel mehr. Mit der Spektralanalyse kann man nur die Art des Stoffs nachweisen, mit der neuen Analyse aber auch die ge⸗ naue Masse. Mit anderen Worten: sie ist qualitativ und quantitativ anwendbar, das Spektroskop dagegen nur quali tativ. Das neue Verfahren ist von solcher Feinheit, daß die Anwesenheit von Helium in einem Kubikzentimeter Luft nachgewiesen werden kann; bekanntlich gehört das Helium zu den seltensten Bestandteilen der Luft und ist als solcher überhaupt erst vor etwa einem Jahrzehnt nachgewiesen wor⸗ f den, nachdem es vorher nur im Sonnenspektrum erkannt 5 worden war. Noch erstaunlicher ist das Ergebnis der Unter- suchungen von Luftproben mit Bezug auf die in ihnen ent⸗ baltenen Edelgase. James Dewar, der als erster die

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uft

lungen von Rückständen flüssiger Luft, von denen die eine Gruppe die schwereren, die andere die leichteren Bestandteile enthielt. Beide unterwarf nun Thomson der Behandlung mit seinem neuen Verfahren. Die schwereren Elemente konnte er ohne Ausnahme erkennen und, was noch wichtiger ist, photographisch sichtbar machen. Eine besondere Ueber raschung brachte die Untersuchung der Gruppe leichterer Ele mente. Dabei wurde die Entdeckung gemacht, daß das Neon kein einfaches Element sein kann, da es stets eine doppelte Linie ergab. Thomson hält es aber auch nicht für eine Ver⸗ bindung, sondern für eine Mischung von zwei Elementen, von denen eines bisher unbekannt gewesen ist und ein Atom- gewicht von etwa 22 besitzt. 6

Was nun das rätselhafte Element X 3 betrifft, so ist es schon wegen seiner experimentellen Erzeugung höchst merk würdig. Es wird nämlich von fast allen festen Körpern aus⸗ geschieden, wenn sie lange genug mit Kathodenstrahlen bom⸗ bardiert werden. Dies geht allerdings ziemlich langsam, sodaß die Experimente sich über Monate ausgedehnt haben. Die Eigenschaften des neuen Elements sind recht sonderbare. Es gehört jedenfalls zu den trägsten Stoffen, die der Wissen⸗ schaft bisher bekannt geworden sind. Es kann mehrere Wochen über Quecksilber gehalten werden, ohne die mindeste Veränderung oder Verminderung zu erfahren. Es bleibt unverändert, wenn es mit Sauerstoff oder Phosphor im elektrischen Funken zur Berührung gebracht wird. Es kann durch Röhren mit rotglühendem Kupferoxyd und dann über Kalium geleitet werden, ohne aufgesaugt zu werden. Ebenso unempfindlich ist es gegen metallisches Natrium. Es ver- schwindet nicht einmal, wenn es mit Natrium zusammen erhitzt wird. Dagegen vereinigt es sich mit Quecksilberdampf, wenn eine elektrische Entladung durch die Mischung hindurch gesand: wird. Was ist nun dies für ein Element? Der große Chemiker Mendelejeff hat ein Element mit dem Atom- gewicht 3 vorausgesagt, aber mit dessen mutmaßlichen Eigen- schaften sind die des Elements X 8 schwer in Einklang zu bringen. Nach der Meinung von Prof. Thomson kann es auch nicht ein Kohlenstoff mit vierfacher Ladung sein, eben sowenig ein dreiatomiges Molekül von Wasserstoff. Vor- läufig ist also mit diesem Element den Gelehrten wieder ein neues Rätsel geschaffen worden.(Frankfurter Zeitung.)

Der Völkerkrieg der Fürsten 1813/15.

Von Kurt Eisner. 8.5

Die preußischen Finanzreformversuche standen, wie alle Re⸗ formen der Zeit, unter dem unmittelbaren Einfluß der Gesetzgebung der Rheinbundstaaten, besonders des Königreichs Westfalen und des Großherzogtums Berg. Die Finanzpläne Hardenbergs seit 1810 waren Nachahmungen des westfälischen Steuerwesens; der preußi⸗ sche Staatskanzler stand in innigem Verkehr mit seinem Vetter Blilow, der Finanzminister unter Jéröme war und nach den Frei⸗ heitskriegen preußischer Finanzminister wurde. Wenn Hardenberg in denGrundzügen meines Finanzplans die Uebernahme der Pro⸗ vinzialschulden als Staatsschulden mit einerlei Zinsen fordert,weil wir den Provinzialismus nicht verewigen, sondern Nationalismus einführen wollen, so ist dieser Versuch, das verwaltungstechnisch durch die provinzialen Junkerherrschaften völlig zerrissene Preußen zu einem wirklichen Einheitsstaat zu machen, eine fast wörtliche An⸗ lehnung der Proklamation Jérsmes vom 15. Dezember 1807. In dem preußischen Bericht über das Steuerwesen vom 4. Juli 1810 wird eineradikale Umformung des bisherigen Besteuerungs⸗ sustems als unerläßlich bezeichnet:der erste schlechterdings un⸗ wandelbare Grundsatz muß der sein: alle diese Uebelstände(der junkerlichen Steuerbefreiung) bei der Regeneration schlechterdings und für alle Teile zu vernichten und die Tragung aller Staatslasten mit gleichen Schultern zu befehlen. Man dürfe nicht den begün⸗ stigten Stand über Rentabilität und Zulässigkeit von Steuer⸗ befreiungen und über Privilegien urleilen lassen.Die Aufhebung der Privilegien ist der erste Paragraph aller neuen deutschen Kon⸗ stitutionen, es sei unrätlich, ja unmöglich, daß Preußen ein Punkt in einer solchen Welt sich isolseren wolle. Das Gutachten der märkischen Regierung, auf dem dieser Bericht der Steuerkom⸗ mission beruhte, hatte sich ausdrücklich auf die Erfahrungen des

verflüssigte, gab seinem Kollegen Thomson zwei Samm-: Großherzogtums Berg berufen und den gleichen Gedanken gusges

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